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Im Chiemgau sprengen sie 1912 einen Maibaum.

Zum bayerischsten aller Tage

Er kennt die irrsten Maibaumgeschichten

Oberschleißheim - Da ist er, der 1. Mai. Tag des Maibaums. Tag des Irxenschmalzes. Der bayerischste aller Tage. Josef Rückerl kennt völlig irre Maibaum-Geschichten: Bei manchen ist Rizinusöl im Spiel, bei anderen Erotik.

Maibaum-Spezialist Josef Rückerl, 76, findet sie einfach nicht, diese sensationelle Geschichte, die beweist, dass der Bayer mit allen Gebirgswassern dieser Erde gewaschen ist, wenn es um die weiß-blauen Prachtstangerl geht. Sie spielt im Münchner Umland. Sie hat mit Mannesmut zu tun, mit Satelliten und sogar dem Schicksal. Der frühere Rechtspfleger aus Oberschleißheim blättert in seinem Buch und wird schon ganz narrisch.

Herrschaftszeiten, wo ist die Gschicht? Wie weggesaugt, obwohl er sie kürzlich erst reingeschrieben hat in sein Maibaum-Buch, Erstauflage 200, Zweitauflage 75 Stück und korrekturgelesen von seiner Ehefrau Susanne. Mit nur wenig Übertreibung kann man sagen: Das Buch ist ein Meilenstein der vergleichenden oberbayerischen Maibaum-Wissenschaften. Wir werden heute noch viel Freude daran haben. Ehrenwort.

Lassen wir Josef Rückerl noch ein bisserl suchen – und erzählen in dieser Zeit vom siebenjährigen Maibaum-Krieg, der den Chiemgau vor über einem Jahrhundert heimsuchte. Alles nachzulesen auf Seite 24 seines Buches mit dem schwer tiefstapelnden Titel: „Maibäume in Schleißheim und um Schleißheim herum“.

Der Ehrenmaibaummord

Wir schreiben das Jahr 1912, als die Dörfer Surberg und Lauter gegeneinander in den Krieg ziehen. Es ist der längste Maibaum-Krieg, der sich in den Chroniken findet. Er beginnt, ganz biblisch, mit einem Diebstahl. Die Lauterer klauen den Surbergern ihren Baum, beschlagen ihn bis unter die Spitze mit Eisenstangen und stellen ihn in ihrem Dorf auf. Die Surberger, alles leicht reizbare, kleine Dampfkochtöpfe, schleichen sich eines Nachts nach Lauter und sprengen den Baum. Kawumm. Krachend schlägt er am Dorfplatz auf. Klarer Fall von: Ehrenmord. Ehrenmaibaummord.

Am darauffolgenden Sonntag kommt es beim Maitanz, so heißt es, zu einem „Rauferts, bei dem es so krowatisch zuging, dass selbst die folgenden Ereignisse der Weltgeschichte die Erinnerung daran nicht in Vergessenheit geraten ließen“. Gemeint ist der Erste Weltkrieg, bei dem auch die Lauterer und die Surberger in Frankreich kämpfen – allerdings nicht gegen die Franzosen. Sondern, so erzählt man es sich: Die Chiemgauer hauen sich im Feindesland lieber gegenseitig auf die Rübe. Die Spitze des Maibaums: Sieben Jahre heiratet keine Frau mehr ins andere Dorf ein.

Zaunlatten, Schaufelstiele und ein Ochsenfiesl

Maibäume sind ein sehr ernstes Thema in diesem schönen Land, das wir Heimat nennen. Josef Rückerl hat inzwischen aufgehört, nach dieser verrückten Geschichte zu suchen, die noch immer vom Erdboden verschluckt ist. Lieber erzählt er von weiteren Maibaum-Kriegen, die er aufgespürt hat. 1950 prügeln sich 30 oder sogar 40 Feldmochinger Burschen mit denen aus Lohhof. Eingesetzte Hilfsmittel: Zaunlatten, Gummiknüppel, Schaufelstiele und ein Ochsenfiesl, eine Schlagwaffe, die aus dem Geschlechtsteil eine Bullens gefertigt wird.

1898 gibt es im Rauristal in den österreichischen Alpen sogar einen Toten. Die Maibaumdiebe erschlagen kurzerhand die Maibaumwache. Auch nicht schön: 2008 werden die Maibaumwächter in Rosenheim von 40 teils vermummten Dieben mit Kabelbindern gefesselt und zwei Stunden in einem Wohnwagen eingesperrt. Eine Brauchtumsauslegung, für die sich schon bald die Staatsanwaltschaft interessiert. Josef Rückerl sagt: „Der Maibaum hat eine endlos lange Tradition.“ Aber natürlich geht es in Bayern nur in bedauerlichen Ausnahmefällen blutig zu.

Der bayerischste aller Feiertage

Im Grunde ist die Sache mit dem Maibaum wunderbar. Man darf klauen, ohne bestraft zu werden. Biertrinken, ohne dass die Freundin schimpft, weil so ein maibaumaufstellendes Mannsbild ja einen berechtigten Durst hat. Erstens, weil Maibaumaufstellen eine Schinderei ist. Und zweitens, weil man die Reste aus dem Maibaumstüberl sowieso noch zamtrinken muss.

Also lieber gleich als später, so läuft das in anständigen oberbayerischen Dörfern. Was das Maibaumaufstellen auch herrlich heimatverbunden macht: Fast jeder Bursche hat eine Hirschlederne an. Und wenn nicht, dann ist es der Pfarrer. Der 1. Mai ist so gesehen der bayerischste aller Feiertage.

Aber nicht nur der Bayer, das darf man nicht durcheinanderbringen, kennt den Maibaum. Es gibt da so ein Buch: „Fanny Hill“, die Erinnerungen eines Freudenmädchens – ein Klassiker der erotischen Weltliteratur, Erstausgabe 1749 in London. Rückerl hat es gelesen und sofort bemerkt, dass zwei Mal ein Maibaum erwähnt wird. Sprich: Auch der Engländer weiß schon seit einer kleiner Ewigkeit, was ein Maibaum ist. Und er weiß, dass der Maibaum immer was mit Erotik und Manneskraft zu tun hat. In der Romantik deutete man den Baum kurzerhand als „Riesen-Phallus“.

Andere Quellen sprechen von antiken Fruchtbarkeitsriten, jungsteinzeitlichen Frühjahrskulten oder keltischen Stangenkulten. Rückerl hat seine Hausaufgaben gemacht.

Freibier mit Rizinusöl

Noch so eine Detektivarbeit von ihm: Der sympathische Maibaum-Forscher hat herausbekommen, dass der erste Oberschleißheimer Maibaum nicht erst 1953 aufgestellt wurde – wie man jahrzehntelang glaubte. Er hat rumgeforscht, rumgehorcht, Zeitzeugen getroffen, noch mehr rumgehorcht. Jetzt ist offiziell: Oberschleißheim im Kreis München hat seit 1951 einen Maibaum. Fantastischer Josef Sherlock Rückerl.

Aber manchmal können sie in seinem beschaulichen Heimatort auch ein bisserl durchdrehen. Einmal, schon ein paar Jahrzehnte her, wollen sie am alten Bahnhof gleich neben dem Wirtshaus einen Maibaum aufstellen. Doch noch vor dem 1. Mai verschwindet der Baum. Mitglieder des Radsportvereins und der örtlichen CSU klauen ihn, stellen ihn beim Bauern Negele unter und verlangen 50 Mass Freibier als Auslöse. So weit, so normal. Nur das Freibier ist nicht normal: Es ist mit Rizinusöl versetzt. Übel, sehr übel. „Rauhe Sitten“, sagt der Maibaumexperte. Aber so was muss man aushalten. Maibaumaufstellen ist kein Meerschweinchen-Geburtstag.

Weitere Ergebnisse der Rückerl-Forschung: In den Parsdorfer Maibaum hat 2001 der Blitz eingeschlagen, in den Heimstettener 2012. Den weltweit modernsten Baum haben sie allerdings in Ottendichl, einem Ortsteil von Haar, in die Höhe gereckt. 2008 war das. Auf der Spitze des Baums haben die blitzgescheiten Burschen einen Maibaum-Gockel mit Kugellager angebracht, der mit einer, das heißt wirklich so, superplastischen Aluminiumlegierung versehen war. Eine Technik, die sonst in der Raumfahrt verwendet wird. Genau wie das Spezialöl, mit dem das Kugellager des Gockels geschmiert wurde.

Es sind Geschichten wie diese, die beweisen: Maibäume sind in der Lage, das beste (Raumfahrttechnik) und das schlechteste (ermordete Maibaumwachen) aus dem Menschen herauszukitzeln. Der Maibaum ist der ungekrönte Baum der Bäume. Die höchste Daseinsform, die ein Baum unterm weiß-blauen Himmel erreichen kann.

Vogelwildes Getier

Rückerls gesamtes Wissen steckt in mehreren Leitz-Ordnern. Sobald er das Wort Maibaum hört, ist er hellwach. Er kann nicht anders. Alles, was sich darüber finden lässt, heftet er feinsäuberlich ab. Auch diese Geschichte: Sogar Tiere sind offensichtlich in der Lage, Maibäume zu errichten. Der Tierfilmer Heinz Sielmann beteuert, 1968 im Bergdschungel von Neuguinea einen Langschopf-Gärtnervogel dabei beobachtet zu haben, wie er einen rund 30 Zentimeter hohen, rätselhaft geschmückten Stamm errichtet hat.

Rückerl hat schon viel erlebt in den letzten Jahren, die er mit der Maibaum-Forschung verbracht hat, aber diese Geschichte ist ihm zu bunt. „Jetzt warten wir nur noch auf einen Tierforscher“, schreibt Josef Rückerl in seinem Buch, „der uns nachweist, dass auch manche Meerestiere Maibäume errichten.“ Allerdings soll man als Forscher nichts ausschließen. Und sind wir ehrlich: Es würde uns nicht wundern, wenn irgendwo am Grund des Walchensees in diesem Moment ein Saibling seine Zunfttaferln bemalt.

In der Tierwelt ist es möglicherweise so, in Bayern ganz sicher: Erst an der Qualität des Maibaums erkennt man die Leistungsfähigkeit eines Gemeinwesen. Der Maibaum ist der Lackmustest dafür, ob ein Dorf noch funktioniert. Er zeigt die Fortschrittlichkeit einer Spezies auf einen Blick. Man kann sich noch nicht mal im Ansatz ausmalen, was passieren würde, wenn sich der Langschopf-Gärtnervogel mal nach Ottendichl verirren sollte. Wer ist dann beeindruckter vom anderen? Schwere Frage.

Erleuchtung unter der Dusche

Es ist inzwischen fast eine Woche nach unserem Besuch bei Josef Rückerl. Er schreibt eine E-Mail: „Mir ist soeben unter der Dusche eine Erleuchtung gekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.“ Josef Rückerl hat die Geschichte gefunden, die er die ganze Zeit gesucht hat. Sie steht im Kapitel Maibaumstehlen und geht so: Die Burschen aus Garching wollen vor einigen Jahren den Dietersheimer Maibaum klauen. Sie fahnden auf Google Earth nach ihm. Und tatsächlich entdecken sie auf dem Internet-Satelliten-Luftbild einen Maibaum – mitten im Mallertshofer Holz. Sie fahren hin und schnappen sich den Baum. Volltreffer.

Allerdings haben die Garchinger keinesfalls den Baum gestohlen, den sie im Internet gesehen haben. Es war ein anderer, ein neuer Baum. Das Internet-Foto war sechs Jahre alt. Womit endgültig bewiesen wäre, dass man bei Maibäumen und am 1. Mai mit allem rechnen muss. Wirklich mit allem.

Stefan Sessler

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