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Landarzt aus Leidenschaft: Dr. Thomas Autenrieth liebt seinen Beruf – besonders die kleinen Patienten. Seine Kollegin Dr. Janine Wimmer hat er vor einiger Zeit für das Landarzt-Dasein begeistern können.

"Landarzt muss man sein wollen"

Wegen Ärzte-Mangel: Junge Mediziner sollen aufs Land

Saulgrub/München - Thomas Autenrieth ist Landarzt aus Leidenschaft. In Bayern gibt es zu wenige seiner Sorte, die Praxen in ländlichen Regionen übernehmen. Doch das soll sich nun durch ein Gesetz ändern.

Es sind Tage wie diese, wegen denen Dr. Thomas Autenrieth seinen Beruf so liebt. Sein erster Patient an diesem Morgen ist erst sieben Tage alt. Es ist ein Routine-Hausbesuch, dem kleinen Baby geht es prächtig. Danach setzt sich der Arzt wieder ins Auto und fährt zu einer Familie, die er seit vielen Jahren gut kennt. Die Großmutter ist 96 und liegt im Sterben. Die Angehörigen haben ihn gebeten, nach ihr zu sehen. Thomas Autenrieth nimmt sich viel Zeit für die Frau, die Sprechstunde in seiner Praxis in Saulgrub (Kreis Garmisch-Partenkirchen) fängt an diesem Tag erst nachmittags an. So hat er sich als Medizinstudent den Arztalltag gewünscht. „Das ist genau das, was ich immer machen wollte“, sagt er. Thomas Autenrieth ist seit zwölf Jahren Landarzt. Seit zwölf Jahren aus Leidenschaft.

Ärzte-Mangel auf dem Land ist kein neues Problem

Aber Thomas Autenrieth ist auch Realist. Er weiß, dass das Landarzt-Image für viele junge Medizinstudenten alles andere als attraktiv ist. Ständige Notfall-Bereitschaft, lange Anfahrtswege zu Hausbesuchen, überfüllte Wartezimmer. „Es ist ein Beruf, den man lieben muss“, sagt er. Deshalb verfolgt er die Beratungen über das von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geplante Versorgungsstärkungsgesetz in Berlin mit großer Skepsis. Die neue Nachfolgeregelung wird viele Ärzte dazu zwingen, Praxen in ländlichen und unterversorgten Gebieten zu übernehmen statt in überversorgten Ballungsräumen. Thomas Autenrieth glaubt aber nicht daran, dass ein Gesetz ausreicht, um aus Medizinern gute Landärzte zu machen. „Landarzt muss man sein wollen“, sagt er. Aufs Land muss man passen. Und man muss wissen, was dort auf einen zukommt. Aber natürlich beobachtet auch er, dass sich seine Kollegen in Nachbargemeinden seit Jahren immer schwerer tun, wenn sie Nachfolger für ihre Praxen suchen.

Der Ärzte-Mangel auf dem Land ist kein neues Problem – aber es verschärft sich. Das Durchschnittsalter der zugelassenen Ärzte liegt bei 54 Jahren. Bis 2020 werden deutschlandweit 7000 Hausärzte fehlen, rund 1400 davon in Bayern. In den vergangenen Jahren haben Staatsregierung und Gemeinden bereits einige Lockversuche gestartet, um Ärzte für ländliche Regionen zu gewinnen. Staatsregierung und Kassenärztliche Vereinigung fördern Ärzte, die sich in rechnerisch unterversorgten Regionen niederlassen, beispielsweise mit einem Investitionskostenzuschuss von 110.000 Euro. Durch ein neues Versorgungsstrukturgesetz ist die Planung kleinräumiger geworden – seitdem stimmt die Versorgung besser mit dem tatsächlichen Bedarf überein, berichtet Birgit Grain, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Maßnahmen und Projekte zeigen bereits erste Wirkung, aber Grain betont auch, dass sie nur ein Anfang sein können. Denn: „Jeder dritte Hausarzt in Bayern ist über 60.“ Es werden in den kommenden Jahren einige Praxen aufgegeben, viele auf dem Land. Ob eine Zwangsregelung wie das Versorgungsstärkungsgesetz der richtige Weg ist, glaubt auch Birgit Grain nicht.

Begeisterung gerne an junge Kollegen weitergeben

Den Menschen ist die Bedeutung der Landärzte stärker bewusst, hat Thomas Autenrieth beobachtet. Neulich hat er gehört, dass in einem bayerischen Dorf ein Landarzt beim Friseur Haarschnitte umsonst bekommt. Und ein Metzger hat seinem Arzt Sonderpreise gemacht, einige Gemeinden greifen jungen Ärzten bei der Praxismiete unter die Arme. „Das allein reicht natürlich nicht aus“, sagt Autenrieth. Erst vor einiger Zeit hat er beobachtet, wie zwei Kollegen in Bad Kohlgrub lange vergeblich nach einem Nachfolger gesucht haben. Von dieser Situation hat er damals profitiert. Er hat die Zulassung einer Ärztin übernommen und bekommt seitdem in seiner Praxis Unterstützung von einer Assistenzärztin, die bei ihm ihre Weiterbildung gemacht hat. Und die er für den Landarzt-Beruf begeistern konnte.

Seine Begeisterung würde er gerne an mehr junge Kollegen weitergeben, sagt er. „Wenn zum Medizinstudium beispielsweise ein Pflichtsemester in einer Landarztpraxis gehören würde, könnten wir das Landarzt-Image bestimmt verbessern.“ Gute Landärzte sind gut, weil sie ihren Beruf mit Begeisterung machen, ist er überzeugt. Nicht weil ein Gesetz sie aufs Land gezwungen hat.

Katrin Woitsch

Die Nachfolgeregelung im Versorgungsstärkungsgesetz

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will mit seinem Versorgungsstärkungsgesetz vor allem junge Ärzte mit finanziellen Anreizen für eine Niederlassung auf dem Land gewinnen. Freiwerdende Arztpraxen in übervorsorgten Gebieten sollen ab einem bestimmten Grad der Überversorgung nicht nachbesetzt werden. Darüber entscheiden die Zulassungsausschüsse (Ärzte und Kassen) vor Ort. Wenn sich ein Arzt in einem überversorgten Gebiet niederlassen will, geht das nach der nun geänderten Nachfolgeregelung nur, wenn er die Praxis von den Eltern oder vom Ehepartner übernimmt. Oder wenn er selbst drei Jahre in dieser Praxis angestellt war. Nach den Plänen der Gesundheitsminister von Union und SPD sollen künftig auch diejenigen Ärzte die Möglichkeit einer solchen Praxisübernahme in einem überversorgten Gebiet bekommen, die sich zuvor für fünf Jahre in einem unterversorgten Gebiet niederlassen.

Die Grünen lehnten das Gesetz gestern ab, die Linken-Fraktion enthielt sich. Der Bundesrat will sich am 10. Juli, in der letzten Sitzung vor der Parlamentspause, mit dem Gesetz befassen.

dpa

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