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Ziehen an einem Strang: Die „Feuertiger“ sind eine Kindergruppe der Freiwilligen Feuerwehr Höhenkirchen. Später einmal sollen die Sieben- bis Elfjährigen als erwachsene Feuerwehrleute mithelfen.

Neues Gesetz für die Kinder-Feuerwehr

Kleine Kameraden

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    Michael Grözinger
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München – Viele Feuerwehren sind in Not – es fehlen Aktive. Ein Gesetz soll für mehr Nachwuchs sorgen. Doch nicht alle Feuerwehren können es nutzen.

Die Kinder des Feuerwehrvereins Höhenkirchen (Kreis München) singen gerade bei der Feier im Feuerwehrhaus. Dann ertönt eine Sirene, Lichter blinken. Alarm. Die Sieben- bis Elfjährigen gehen sofort geschlossen ein Stockwerk nach oben, um den herbeieilenden Feuerwehrleuten nicht im Weg zu sein. Von ihrem Gruppenraum aus beobachten sie gespannt, wie ihre Idole in den Feuerwehr-Fahrzeugen mit Blaulicht davon fahren. Gut möglich, dass sie in einigen Jahren selbst in den Einsatzautos sitzen werden.

Kindergruppe hat eigenes Lied und eigene T-Shirts

Darauf setzt eine Gesetzesnovelle des bayerischen Innenministeriums. Freiwillige Feuerwehren dürfen demnach Kinder schon ab sechs Jahren aufnehmen. Das ist bisher nur Feuerwehrvereinen möglich. Darin sind die Kinder aber als Gruppe versichert, über den bayerischen Landesfeuerwehrverband (LFV). Dessen Geschäfsführer Uwe Peetz erklärt: „Diese Versicherung hat weniger Leistungen als eine gesetzliche.“ Mit Eintritt in eine gemeindliche Freiwillige Feuerwehr hätten die Kinder die gesetzliche Versicherung. Bayernweit sind laut Peetz rund 5000 Kinder in über 400 Vereinen angemeldet. In Franken sind es deutlich mehr als in Oberbayern. Aber funktioniert das überhaupt – Kinder in der Feuerwehr?

Den Kinderfeuerwehrverein Höhenkirchen, die „Feuertiger“, gibt es seit zwei Jahren. Kommandantin Nikola Schwaiger sagt: „Das war unsere beste Idee.“ Für die 20-köpfige Gruppe gibt es eine Warteliste, die nächste Gruppe ist bereits in Planung. Marina Vondrak, selbst aktive Feuerwehrfrau, leitet sie zusammen mit Britta Wehrhahn. Vondrak erklärt das Konzept: „Feuerwehr bedeutet Kameradschaft. Das üben wir im Kleinen.“ Alle zwei Wochen treffen sich die Kinder. Dann tragen alle ihre T-Shirts mit der Aufschrift „Feuertiger“. Die Gruppe hat auch ihr eigenes Lied: „Wir wählen die 112.“ Zusammenhalt und Disziplin ist den Gruppenleiterinnen wichtig.

Philip möchte später einmal beruflicher Feuerwehrmann werden

In der ersten Gruppenstunde im neuen Jahr steht der Abbau der Weihnachtsdeko von der Feier an. Vondrak erklärt den Kindern: „Die Jugend hat aufgebaut, wir bauen ab.“ Zuvor aber wollen die Gruppenleiterinnen die fünf W’s hören – die Fragen, die bei einem Notruf zu beantworten sind. Neun Zeigefinger gehen in die Höhe. Aufräumen und auswendig lernen – das liegt in der Beliebtheitsskala von Kindern eigentlich weit unten. Keines der Kinder meckert jedoch.

Als Philip, 8, später im Gruppenraum Weihnachtssterne vom Fenster entfernt, sagt er: „Ich möchte von Beruf Feuerwehrmann werden.“ Er bezeichnet sich selbst als „Feuerwehr-Fan“ und sagt: „Ich finde die Autos und Geräte toll.“ Deshalb möchte Philip Fahrer und Atemschutzgeräteträger werden. Auch Liv, 8, möchte als Erwachsene noch in der Feuerwehr aktiv sein, allerdings ehrenamtlich. „Ich bin zu Karneval schon als Feuerwehrfrau gegangen.“ Die Ausflüge mit den „Feuertigern“ und die vielen Spiele mit Bezug auf die Feuerwehr machen ihr am meisten Spaß.

Vorteil: „Die Kinder können sich mit der Feuerwehr identifizieren“

Liv möchte mal Kommandantin werden. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Damit die Kinder die Lust an der Feuerwehr bis zum Erwachsenenalter nicht verlieren, sollen sie sukzessive dazu lernen. In der Kinderfeuerwehr geht es daher nur um Brandschutzerziehung. „Die Geräte wären zu gefährlich“, betont Vondrak. An die geht es erst so langsam in der Jugendfeuerwehr (ab zwölf Jahren).

Melanie Walter hat bei ihrer Feuerwehr Bischofsgrün schon 1988 eine Kindergruppe miteingeführt, wohl die erste in Bayern. Die 38-Jährige berichtet: „Wir hatten 1979 eine Damen-Feuerwehr gegründet und dann überlegt, was wir für den Nachwuchs machen können.“ Es hat sich gelohnt: „Die gesamte heutige Vorstandschaft besteht aus Mitgliedern der damaligen Kinderfeuerwehr.“ Walter ist von dem Konzept überzeugt: „Die Kinder können sich mit der Feuerwehr identifizieren und treten ihr auch bei, wenn sie später wo anders studieren oder arbeiten.“

Gesetzesnovelle kommt frühestens im Sommer

Auch Feuerwehren ohne Kindergruppe sehen das Potenzial, wie Kommandant Stefan Hieber aus Seeshaupt (Kreis Weilheim-Schongau). „Es wäre schön, wenn wir eine Gruppe hätten“, sagt er, „wir haben Personalmangel.“ Von den 38 Aktiven betreuen drei die Jugendfeuerwehr. Für eine Kindergruppe haben sich bislang keine Betreuer gefunden. Dabei könnte man damit für den so wichtigen Nachwuchs sorgen, sagt der Kommandant. „Wir bleiben da dran.“ Schließlich sind viele Kinder, wenn sie mit zwölf Jahren in die Jugendfeuerwehr eintreten könnten, schon in anderen Vereinen aktiv.

Die Gesetzesnovelle zwingt die Feuerwehren nicht, Kinder ab sechs Jahren aufzunehmen. Sie soll es aber vereinfachen. Für Feuerwehren, die keine Betreuer finden, hat LFV-Geschäftsführer Peetz einen Vorschlag. Örtliche Einrichtungen wie Kindergärten könnten eingebunden werden. „Vielleicht hat da der ein oder andere Lust, ein paar Mal im Monat ehrenamtlich mit der Kindergruppe der Feuerwehr etwas zu unternehmen“, sagt Peetz. Fachliches Wissen sei dazu nicht nötig. „Und vielleicht finden manche Erzieher Gefallen an der Feuerwehr und treten als Quereinsteiger bei.“ Bis das neue Gesetz kommt, dauere es aber noch mindestens bis zum Sommer.

Sebastian Raviol und Michael Grözinger

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