Umstrittenes Großprojekt in Niederbayern

Der geteerte Speichersee

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Riedl - Alle reden vom Donau-Ausbau – doch es gibt auch andere umstrittene Großprojekte. In Niederbayern soll ein Pumpspeicherwerk samt riesigem Wasserbecken gebaut werden. „Eine Katastrophe“, sagen die Bürger.

Zwei Ponys dösen auf einer Wiese, die Wintersonne scheint sich durch die Wolken. Kinder laufen durch den Ort, über die schmale Straße fahren kaum Autos. Es ist still. Riedl, das ist ein 70-Einwohner-Dorf im östlichsten Zipfel Bayerns, hinter Passau. Hier ist Niederbayern Postkarten-verdächtig schön, es gibt Reste einer mittelalterlichen Burg, eine 15-Zimmer-Pension. Im Frühling und Sommer kommen Touristen. Doch die Menschen, die hier leben, bangen um ihr Paradies.

Direkt neben ihrem Dorf, 300 Meter hinter dem Ortsschild, soll Bayerns größtes Energieprojekt entstehen. Ein See in einem geteerten Becken, der zu einem Pumpspeicherkraftwerk gehört. Er wäre fast so groß wie die Allianz Arena, drumherum muss ein Damm aufgeschüttet werden, der in Richtung Ort 40 Meter hoch wird. Wenn das kommt, sagen sie in Riedl, können wir nicht mehr ruhig schlafen.

Was ist geplant? Der Ort liegt auf einem Hochplateau über der Donau. Am Dorfrand fällt das Gelände steil ab – das sind die Donauleiten, von der EU geschützte Hangwälder. Unten bildet der Fluss die Grenze zwischen Bayern und Österreich, dort steht seit 60 Jahren das Kraftwerk Jochenstein, ein Industriedenkmal. Bis vor wenigen Wochen gehörte es zur Hälfte der deutschen Rhein-Main-Donau AG und damit mehrheitlich Eon, zur anderen Hälfte der teilstaatlichen österreichischen Verbund AG. Doch die Österreicher haben das Werk jetzt komplett gekauft.

Sie wollen auf bayerischer Seite den 24 Hektar großen See bauen, in der natürlichen Senke zwischen den Ortschaften Riedl und Gottsdorf. „Der Standort ist ideal“, sagt Verbund-Sprecherin Eveline Fitzinger – weil keine Gebäude abgerissen oder Menschen umgesiedelt werden müssen. Aus Sicherheitsgründen wird das Becken umzäunt, eine Nutzung als Badesee ist ausgeschlossen. Vom Becken aus wird ein unterirdisches Rohr mit sechs Metern Durchmesser und 1550 Metern Länge runter zur Donau führen. Höhenunterschied: 340 Meter. Den nutzt das Pumpspeicherwerk aus. Gibt es einen Energieüberschuss, wird Wasser aus dem Fluss angesaugt und hinauf in den See gepumpt. Durchflussmenge: 80 Kubikmeter pro Sekunde. Wird Energie gebraucht, wird Wasser (100 Kubikmeter pro Sekunde) abgelassen, durch das Rohr und in die Turbinen gejagt. „Das geht von einer Sekunde auf die andere“, sagt Fitzinger. In der Fachsprache heißt das: Das Kraftwerk ist „schwarzstartfähig“. Auf diese Weise wird also Energie in Wasser gespeichert – bislang, so Fitzinger, sei das die beste Technologie. Jährlich will das Unternehmen 300 Megawatt Strom erzeugen, das entspreche der Leistung von 100 Windrädern. Schon 2014 sollen die Bagger anrollen. Die Planfeststellung für das 350-Millionen-Euro-Projekt ist nach Auskunft des Umweltministeriums beantragt, das Genehmigungsverfahren werde am Landratsamt Passau durchgeführt. Erwin Huber (CSU), ein Niederbayer und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landtag, sagt: „Im Moment sieht es nicht so aus, als ob der Genehmigung etwas entgegen stehen würde.“ Wer für regenerative Energien sei, müsse den Ausbau von Pumpspeichern unterstützen. „Der Bedarf ist auf jeden Fall gegeben.“

Das bezweifeln gut 50 Familien aus Riedl, Gottsdorf und Jochenstein, sie haben die Bürgerinitiative RiGoJo gegründet. Sie sagen: Das ist reine Geldmacherei. Und sie sagen: Wir haben noch ein Ass im Ärmel. Denn bislang gehören nur 70 Prozent der benötigten Fläche der Verbund AG. Der Rest ist im Besitz von zehn Privatleuten. Einer davon ist Christian Schmid, Besitzer der Pension in Riedl und Wortführer der Initiative. Er ist in dem Ort geboren, hängt an seiner Heimat und ist sich sicher: Kommt der See, sind er und seine Frau ruiniert. Allein die knapp fünfjährige Bauzeit würde dafür sorgen, dass seine Gäste nicht mehr kommen. Und Angst, dass der Damm brechen könnte, haben sie auch. Verkaufen will Schmid um keinen Preis. Deshalb hat er auf seinem Grundstück zusammen mit dem Bund Naturschutz eine riesige Bautafel aufgestellt – dort, wo die Verbund AG den Damm bauen müsste. „Das Bauvorhaben wird bauaufsichtlich nicht genehmigt“, steht darauf. Und: „Wir lassen uns nicht enteignen.“ Bei dem österreichischen Unternehmen ist man aber „zuversichtlich, dass wir alle benötigten Grundstücke erwerben können“, sagt Sprecherin Fitzinger. Eine Enteignung, die das Land Bayern durchführen müsste, wäre der letzte Schritt.

Mitstreiter haben die Projektgegner kaum. Die CSU und auch die Grünen sind für das Pumpspeicherwerk. Der Landtagsabgeordnete Eike Hallitzky, zuständig für das Passauer Land, gibt zu: Die Gegend um den See, „das wird ein totes Gebiet“. Schönreden brauche man das Projekt nicht, auch für den Fluss sei es nicht gut. Immerhin sei die Planung so umgestaltet worden, dass sich der Schaden für Öko-System und Fische in Grenzen halte. Doch im Sinne der Energiewende ist das eben eine Abwägungssache, sagt Hallitzky. „Wir werden in Bayern noch mehr Energiespeicher wie den in Riedl brauchen.“

Carina Lechner

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