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Krebserregend oder nicht? Pestizide stehen generell in der Kritik. Derzeit wird aber besonders über die Gefahren des Wirkstoffs Glyphosat gesprochen, der auch auf Bayerns Feldern verteilt wird.

Diskussion um Pflanzenschutzmittel

Gift auf Bayerns Feldern?

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München - Glyphosat – so heißt ein Pflanzenschutzmittel, das seit Jahrzehnten unter anderem in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Der Wirkstoff galt bisher als unbedenklich – die Weltgesundheitsorganisation glaubt nun aber, dass er Krebs verursacht. Die Politik will handeln, andere nicht.

Glyphosat – so heißt ein Pflanzenschutzmittel, das seit Jahrzehnten unter anderem in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Der Wirkstoff galt bisher als unbedenklich – die Weltgesundheitsorganisation glaubt nun aber, dass er Krebs verursacht. Die Politik will handeln, andere nicht.

Seine Wirksamkeit ist unbestritten. Seit Jahrzehnten ist das Pestizid Glyphosat für Landwirte, aber auch für Kleingärtner ein Hilfsmittel, mit dem sie ihre Pflanzen vor Unkraut schützen. Laut Umweltbundesamt verwendeten deutsche Landwirte im Jahr 2012 knapp 6000 Tonnen Glyphosat. Bisher war das kein Problem. Das Pflanzenschutzmittel galt offiziell als unbedenklich.

Einige Untersuchungen rütteln schon länger an diesem Urteil. Darin ist von Umweltschäden die Rede, aber auch von Zell- und Erbgutschäden bei Menschen. Im März diesen Jahres hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingelenkt und Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft – was auch die Politik aufhorchen ließ. Erst in der vergangenen Woche hat die Verbraucherschutzministerkonferenz der Länder einen Beschluss gefasst und den Bund aufgefordert, Glyphosat zu verbieten – laut einem Sprecher des Bayerischen Verbraucherschutzministeriums „aus Vorsorgegründen“. Allerdings soll das vorläufige Verbot nicht für land- oder forstwirtschaftliche Flächen gelten. Hier sei der Bund nur aufgefordert festzulegen, unter welchen Voraussetzungen Bauern Glyphosat verwenden dürften.

Auch beim Bayerischen Bauernverband (BBV) ist die Diskussion angekommen – allerdings sieht man derzeit keinen Handlungsbedarf. Zwar müsse man die Bewertung der WHO ernst nehmen, sagte ein Sprecher. „Aber die Zulassung ist erteilt.“ Eine Empfehlung, vorsorglich auf das Pestizid zu verzichten, will der BBV seinen Mitgliedern daher nicht geben. „Wir verlassen uns auf wissenschaftliche Daten“, sagte der Sprecher. Und die seien leider uneindeutig.

Tatsächlich sind sich auch Experten uneins, ob Glyphosat gefährlich ist oder nicht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung etwa kritisiert die Neubewertung der WHO. Es gebe keinen gesicherten Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff und Krebserkrankungen, heißt es in einer Mitteilung des Instituts. Die Daten, die die WHO anführe, seien nur schwer nachvollziehbar. Allerdings wolle man das Ergebnis der WHO nochmals genauer prüfen.

Glyphosat wird in Deutschland unter anderem unter dem Handelsnamen „Roundup“ in Baumärkten und Gartencentern verkauft; Hersteller ist der US-Konzern Monsanto. Sollte Glyphosat tatsächlich, wie es die Grünen und Greenpeace fordern, EU-weit verboten werden, wäre das für den Konzern, der auch den Vertrieb von genmanipulierten Mais ins Gerede geraten ist, ein empfindlicher Schlag. Der Umsatz mit „Roundup“ lag 2010 weltweit geschätzt bei zwei Milliarden US-Dollar. Laut Transparency wurden etwa 700 000 Tonnen weltweit verkauft. In Deutschland sind nach Auskunft der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) 94 Produkte mit dem Wirkstoff Glyphosat registriert.

Abnehmer sind neben der Landwirtschaft und Kleingärtnern zum Beispiel auch die Deutsche Bahn. Die DB Netz versprüht jährlich eine Menge von rund 80 Tonnen zwischen den Schienen, um Unkrautwuchs zu verhindern. „Im Moment gibt es keine Alternative“, erklärt eine Sprecherin von DB Netz in Frankfurt.

Trotzdem wollen die Toom-Baumärkte, die zu Rewe gehören, den Verkauf von Glyphosat-haltigen Mitteln bis Ende September einstellen. In den 350 Märkten werde der Verkauf auslaufen, teilte die Rewe Group mit. Einen Verkaufsstopp hatten vergangene Woche auch der Grünen-Bundesfraktionschef Anton Hofreiter und der Gentechnik-Experte der Partei, Harald Ebner, gefordert. Sie schrieben dazu einen offenen Brief an Obi, Bauhaus, Hornbach, Toom, Hellweg und Hagebau. Die Hagebaumärkte in Oberbayern bieten „Roundup“ schon „seit längerem“ gar nicht mehr an, wie eine Sprecherin betont.

Auch die bayerischen Grünen sind hellhörig geworden. „Wir fordern die Staatsregierung auf, den Einsatz von Glyphosat auf Flächen des Freistaats sofort zu verbieten“, sagte die Agrarexpertin der Landtags-Grünen, Rosi Steinberger. Ihre Fraktion hat dazu eine große Anfrage eingereicht. „Wir wollen wissen, wie verbreitet das Mittel in Bayern ist.“ Angeregt wird auch, dass das Trinkwaser künftig obligatorisch auf Glyphosat getestet wird. Die Grünen weisen auch darauf hin, dass die Zulassung für Glyphosat Ende des Jahres EU-weit ausläuft.

Wie es weiter geht, darüber berät zur Zeit die EU. Hier durchläuft Glyphosat ein Neubewertungsverfahren, heißt es aus dem Bayerischen Agrarministerium.

Marcus Mäckler und Dirk Walter

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