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Dr. Wolfgang R. auf der Anklagebank in Landshut. Ist er in den Würzburger Anschlag verwickelt?

Giftanschlag an Würzburger Uni vor 26 Jahren

Was weiß Doktor Mord?

Würzburg - Thallium ist ein tückisches Gift. Es mordet langsam, es mordet unter unvorstellbaren Qualen.

Im Jahr 1983 sorgte Thallium nach einem perfiden Anschlag an der Würzburger Uni für Panik: Vor den Hörsaal der Mediziner hatte jemand ein paar Flaschen Saft gestellt, mit einem Zettel: „Liebe Kommilitonen! Das sind die Reste unserer Faschingsfeier. Großherzig, wie wir sind, spenden wir die unseren Erstsemestern“. Weitere Flaschen, auch Bier, fanden sich auch in Heimen. Insgesamt tranken davon zwölf junge Menschen, mit fürchterlichen Folgen: Der junge Vater Robert A. (24) starb, Jurastudent Peter S. erholte sich nie mehr von den Folgen – die anderen Vergifteten litten noch lange Zeit.

Die Bestie, die dieses schreckliche Verbrechen zu verantworten hat, blieb verschwunden wie einst Jack the Ripper. Trotz einer Sonderkommission, trotz mühseliger Spurensuche, die zuletzt 25 Aktenordner füllte.

Doch sitzt das Böse bereits auf der Anklagebank? Seit Monaten wegen Mordes aus Habgier? In Landshut geht der Prozess gegen Wolfgang R. (62) – genannt Doktor Mord – in die letzte Runde: Die Staatsanwaltschaft hält ihn des Mordes an dem Finanzbeamten Anton Fanger (48) aus Kirchasch (Kreis Erding) für schuldig. Es wurde lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung beantragt – die Höchststrafe. Dass es anders kommen könnte, denkt kein Prozessbeobachter, zumal der Angeklagte schon 1986 wegen Mordes verurteilt worden war. Er kam aber nach 17 Jahren Haft wegen guter Führung frei.

Es sind zwei Frauen, die nun die Spur des Doktor Mord zum Würzburger Anschlag auf die Studenten lenken. Zum einen seine Ex-Frau, eine Ärztin. Sie erinnerte sich in ihrer Aussage, „dass er mich im Jahr 1978 von einem Kongress angerufen hat“. Wolfgang R. bat die damals 27-Jährige, keinen von den Joghurts im Kühlschrank zu essen, „die könnten schlecht sein“. Die Frau tat es trotzdem, sie brach zusammen und lag eine Woche auf der Intensivstation. Gift? Wolfgang R., der insgesamt viermal verheiratet war, ging selbst von einem Anschlag aus, und zwar könnte ein Geheimdienst dahinter stecken, phantasierte er seiner Ehefrau vor.

Und dann ist da eine zweite Frau, die auch in Landshut als Zeugin gehört wurde: Monika J. (54) war in dem Jahr, als die Anschläge auf die Studenten passierten, die Geliebte des Arztes, beide arbeiteten damals an der Uniklinik in Würzburg. Die Giftanschläge erschütterten die Stadt, insbesondere die Ärzteschaft, da es ja auch um Nachwuchs-Mediziner ging. „Der wollte nur mal ausprobieren, was dabei herauskommt“, sagte Wolfgang R. damals zu ihr zu dem Fall. Das erzählte jetzt Monika J. einem Reporter der Würzburger Mainpost.

Sie hatte diesen Satz auch schon früher in einer Strafanzeige zu Protokoll gegeben: Im Winter 1983 war sie nämlich selbst plötzlich zusammengebrochen, wochenlang kämpfte sie mit dem Tod. Eine schwere Vergiftung lag vor, das Kleinhirn wurde teils zerstört. Es gab zu der Zeit sogar eine Häufung von Vergiftungserscheinungen im Umfeld von Dr. Mord, auch eine Sprechstundenhilfe klagte über Symptome. Handelte es sich auch bei ihr um Thallium?

Es wurde ermittelt. Nach Recherchen der Mainpost gibt es einen Aktenvermerk der Vorgesetzten von Wolfgang R., „dass etwas Derartiges vorliegen könnte“. Die Untersuchungen müssten jedoch in absehbarer Zeit vorgenommen werden.

Doch schließlich wurde der Fall der vergifteten Geliebten 1986 wegen Mangels an Beweisen eingestellt, obwohl in der entsprechenden Verfügung stehe, „der Verdacht besteht nach wie vor“. Der Fall könnte aber der Anstoß dazu sein, den Studenten-Mörder zu überführen. Die Staatsanwaltschaft Würzburg prüft bereits.

Markus Christandl

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