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Wanderer auf dem Wank.

Experten-Interview

Das ist die wahre Bedeutung der Gipfelkreuze 

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Bad Tölz - Drei Gipfelkreuze sind im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen umgehackt worden. Täter und Motiv sind unbekannt – wenngleich die Polizei von einer Art religiösem Protest ausgeht. Warum stehen auf unseren Gipfeln Kreuze?

Wir haben Michael Ritter, 55, vom Landesverein für Heimatpflege nach dem Sinn der Gipfelkreuze gefragt.

Herr Ritter, manche sagen, Kreuze hätten auf Gipfeln nichts zu suchen. Wie stehen Sie dazu?

Michael Ritter: Ich meine schon, dass die Kreuze dorthin gehören. In der aktuellen Diskussion wird das Thema zu sehr auf die religiöse Bedeutung fokussiert. Ursprünglich hatten diese Kreuze ja ganz verschiedene Funktionen: Sie waren Grenzmarkierungen, haben Hoheitsansprüche dokumentiert, waren Orientierungspunkte, etwa für Pilger. Dazu gibt es Belege seit dem 12. Jahrhundert. Der Boom der Gipfelkreuze hat allerdings erst im 19. Jahrhundert begonnen.

Nämlich mit dem Alpinismus. Sollten die Kreuze die Leiden des Bergsteigers dokumentieren?

Nachgefragt bei Volkskundler Michael Ritter. 

Michael Ritter: Sie waren eher Ausdruck dafür, dass der Bergsteiger den Berg bezwungen hat. Das Kreuz hat immer schon einen moralischen Sieg dargestellt. Wir wissen das von den großen Entdeckungsreisen: Als Kolumbus Amerika entdeckte, stellte er am Strand ein Kreuz auf. Das sollte heißen: Wir haben dieses Land bezwungen, wir nehmen es moralisch in Besitz. Auch bei der Gipfelbesteigung wollte man seinen Sieg markieren. Das Symbol war und ist einfach ein Kreuz.

Wie handhaben andere Kulturen das?

Michael Ritter: Es gibt solche Markierungen natürlich auch in anderen Kulturkreisen: die Gebetsfahnen in Tibet zum Beispiel oder auch Steinpyramiden, ebenfalls im asiatischen Raum. Dass man Gipfel oder Passübergänge mit Symbolen versieht, ist ganz sicher keine rein christliche Angelegenheit.

Wären neutrale Symbole nicht zeitgemäßer?

Michael Ritter: Ich denke, Gipfelkreuze haben ihre Berechtigung. Denken Sie das doch mal zu Ende. Wenn man sagen würde, Kreuze haben auf Gipfeln nichts verloren, dann müsste man auch in Tibet die Gebetsfahnen verbieten. Und dann müssten wir auch unsere Landschaft von den Flurkreuzen bereinigen. Und das ginge ja immer weiter. Wir müssten unsere Bildstöcke, unsere Marterl, die wunderschöne Dokumente unserer kulturhistorischen Entwicklung sind, alle beseitigen. Auch die Feldkapellen. Wenn man’s ganz zu Ende denkt, müsste man auch Stonehenge einebnen. Die Diskussion wird viel zu verkürzt geführt.

Aber das Kreuz ist eben ein religiöses Symbol.

Michael Ritter: Natürlich spielt Religion eine Rolle. Es ist ja nicht ohne Grund, dass Kreuze auf den Bergspitzen errichtet werden. Die Gipfel sind die höchsten Punkte unserer irdischen Welt. Im übertragenen Sinn ist man dem Himmel dort am nächsten. Mit einem Kreuz am Gipfel begibt man sich also gewissermaßen unter den Schutz Gottes. Kreuze sind insofern ein sehr gut fassbares Symbol. Ich verstehe nicht, was jemanden dazu bewegt, so ein Kreuz umzuschlagen. Das sind Denkmäler unserer Kultur. Und so eine Tat ist purer Vandalismus.

Lesen Sie, was wir bisher über die umgehackten Gipfelkreuze berichtet haben: warum Reinhold Messner Gipfelkreuze für überflüssig hält, warum viele Menschen nach der Axtattacke am Scharfreiter helfen wollen und worüber die Almbauern am Prinzkopf grübeln. 

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