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Spektakuläre Kulisse: Brauneck und Benediktenwand bilden den Hintergund der Wackersberger Fronleichnams-Prozession. Hier tragen Frauen eine Marienfigur durch die Fluren (2005).

Wo der Glaube daheim ist

München - Am Donnerstag, beim Fronleichnamsfest, geht die katholische Kirche auf die Straße – in farbenfrohen Prozessionen. Darin finden Brauchtum und Glaube zusammen. Kein Kirchenfest zeigt deutlicher, wie fest beides im Lebensgefühl der Bayern verwurzelt ist.

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Um vier Uhr morgens wird sich Peter Meixner in sein Auto setzen. Drei Stunden dauert die Fahrt aus dem Schwarzwald nach Seehausen am Staffelsee. 300 Kilometer, die er abends wieder zurückfahren muss. Doch für den Banker aus Villingen-Schwenningen ist klar: Fronleichnam will er in der Gemeinde verbringen, in der er einst Ministrant war – seiner Heimat. Hier lockt die weithin berühmte Seeprozession alljährlich zahlreiche Gäste an.

Ganz selbstverständlich ist der 62-Jährige zur Stelle, um anzupacken, wo man ihn braucht. Nur um eine Arbeit habe er sich früher immer gedrückt. „Bevor es Funkgerät und Handy gab, musste einer immer ganz oben im Kirchturm Ausschau halten, wann der Pfarrer zu den vier Altären kommt, und dann das Kommando zum Glockenläuten geben“, erzählt er. „Diesen Job haben wir uns durch den technischen Fortschritt eingespart.“

Das Fest, das wie geschaffen scheint für oberbayerisch-barocke Frömmigkeit, stammt eigentlich aus Belgien. Es geht zurück auf eine Vision der Augustiner-Nonne Juliana von Lüttich im Jahr 1209. Schon 1264 führte Papst Urban IV. es als allgemeines Kirchenfest ein, das der Verehrung des Leibes und Blutes Christi gewidmet ist. Die erste Fronleichnamsfeier in München ist 1318 belegt.

Der Ablauf hat sich seither nicht wesentlich geändert: Nach einem Gottesdienst zieht die Gemeinde durch Ort und Flur, macht Halt an vier Altären, um in alle Himmelsrichtungen gewandt zu beten. Ein Geistlicher trägt in der Monstranz das Allerheiligste, eine geweihte Hostie, voran. Ein Traghimmel, wie er einst Fürsten vorbehalten war, unterstreicht deren Bedeutung.

Anders als zu Ostern oder Weihnachten ist Fronleichnam nicht in der christlichen Geschichte verankert. Dass es dennoch solchen Widerhall in der Bevölkerung findet, erklärt die Volkskundlerin Katja Wehse aus Reichertshausen so: „Man kann die Fronleichnamsprozession leicht in Verbindung mit Flurumgängen und Wettersegen setzen, die es schon lange vorher gab.“ Die Birken, mit denen der Zugweg vielerorts geschmückt wird, erinnern Wehse an „Baumzauber aller Art, die im germanischen Raum eine große Rolle spielten“.

Über die Jahrhunderte haben sich in den einzelnen Pfarreien Besonderheiten entwickelt. So zieht in Mittenwald die Junggesellenbruderschaft mit haushohen Fahnen die Blicke auf sich, und in Lenggries folgt die Prozession einer 14,5 Meter hohen Fahne. In Partenkirchen tragen Mädchen in Rosenkranztracht die von Ignaz Günther geschnitzte Tragmadonna „Maria Immaculata“, in Seehausen wagt sich der Zug sogar aufs Wasser (siehe unten). Den See bezieht auch die Pfarrei St. Sixtus am Schliersee in ihre Prozession ein. „Wir gehen zwar nicht aufs Wasser, aber am Strand ist die ganze Landschaft offen zur Brecherspitz und zum Spitzing“, schwärmt Pfarrer Alfred Giglberger. Gebirgsschützen begleiten den Zug und die „Schalkfrauen“, verheiratete Frauen in einer ganz besonderen Tracht.

Es ist der Tag, „an dem die Kirche auf die Straße geht“, beschreibt der Münchner Dompfarrer Wolfgang Huber die Faszination des Fronleichnamsfestes. Und das bayerische Oberland bietet die Kulisse für diese Inszenierung katholischen Glaubens. So führt die Prozession in Gmund nicht zufällig zum Gut Kaltenbrunn, wo man einen herrlichen Ausblick auf den Tegernsee genießt. Und der Zug von Törwang nach Obereck im Samerberg-Gebiet gilt als landschaftliches Schmankerl.

Im schönsten Gewand reihen sich die Menschen in die Prozession ein, und wer am Zugweg wohnt und auf sich hält, schmückt sein Haus mit Birken und hängt Fahnen aus dem Fenster. In München sind es rote Tücher mit goldener Borte, anderswo häufig blaue Tücher mit weißer Einfassung, erzählt Dompfarrer Huber. Früher sei häufig sogar der Platz um die Altäre mit Blumen bestreut worden. Einen Blumenteppich gibt es heute noch in Altötting , und bis vor einigen Jahren war er auch in Freising zu bewundern. „Aber heute findet man auf den Feldern nicht mehr diese Vielfalt von Blumen“, bedauert Diakon Walter Schwind. Die Freisinger verzieren ihren Marienplatz deshalb mit bunt gefärbten Sägespänen.

Wie sehr die Fronleichnamsprozession das Selbstverständnis vieler Pfarreien prägt, zeigte sich in Traunstein . Hier wurden im Zuge der bistumsweiten Strukturreform vier Pfarreien zu einer Stadtkirche zusammengefasst. „Viele haben protestiert aus Angst , sie hätten dann keine eigene Fronleichnamsprozession mehr“, berichtet ein Beobachter. Die Sorge erwies sich als unbegründet: Am Donnerstag wird es vier getrennte Prozessionen geben. In München hat man sich anders arrangiert. Viele Pfarreien beteiligen sich am Donnerstag an der großen Prozession mit Erzbischof Reinhard Marx. Am Sonntag oder in der kommenden Woche ziehen die Gläubigen dann noch einmal los – in ihrer eigenen Pfarrei – dort, wo ihr Glaube daheim ist.

von Peter T. Schmidt / Eva Stöckerl

 

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