+
Könnten Josef Schönberger junior (links) und sein Vater Josef Schönberger senior noch leben, wenn der Todes-Stier früher erschossen worden wäre?

Tier bedrohte auch Rettungskräfte

Stier tötet Vater und Sohn: Polizei klärt Rätsel um die Waffen - Dorf unter Schock

  • schließen
  • Dominik Göttler
    Dominik Göttler
    schließen

Ein Stier hat in Gleißenberg (Bayern) einen Bauern und seinen Vater getötet. Erst nach 45 Minuten konnten die Polizisten den Killer-Stier erschießen.

19.19 Uhr: „Ein Bulle ist die halbe Herde“, heißt ein beliebter Leitspruch unter Rinderzüchtern, der auf die rege Begattungstätigkeit eines einzelnen Stieres anspielt. Doch ein Stier kann auch zur Gefahr werden, wie der jüngste Vorfall in der Oberpfalz zeigt. Dort kamen am Wochenende ein 60-jähriger Landwirt und dessen 87-jähriger Vater ums Leben, nachdem beide auf der Weide von ihrem Stier angegriffen wurden.

Es ist bereits der zweite tödliche Zwischenfall mit einem Stier in diesem Jahr im Freistaat. In Niederbayern wurde im März ein 60-jähriger Mann beim Verladen eines Stieres tödlich verletzt. Die Berufsgenossenschaft verzeichnet jedes Jahr rund 1000 Unfälle mit Rindern im Jahr – wenngleich viele davon glimpflicher ausgehen als bei der Tragödie vom Samstag in der Oberpfalz.

Expert: Stiere sind unberechenbar

Helmut Goßner hat jeden Tag mit wilden und weniger wilden Stieren zu tun. Er ist Geschäftsleiter des Besamungsstation Greifenberg im Landkreis Landsberg, wo derzeit knapp 300 Bullen leben. „Jeder einzelne von ihnen hat einen anderen Charakter“, sagt Goßner. Grundsätzlich seien die Tiere aber unberechenbar – und das macht die Arbeit mit ihnen so gefährlich. „Es spielen so viele Faktoren eine Rolle, wenn ein Stier aggressiv wird.“ Da reicht es schon, wenn das Tier in der Nacht von einem Gewitter aufgeschreckt wurde. Wenn der Hund eines Spaziergängers auf der Weide die Herde aufgescheucht hat. Oder wenn schlicht gerade eine Mückenplage für Unruhe sorgt. Auch eine Hitzewelle wie in den vergangenen Wochen könne den Tieren aufs Gemüt schlagen. „Ein Landwirt, der seine Weide betritt, muss deshalb grundsätzlich ein Auge bei seinem Herrn haben“, wie Goßner den Stier nennt.

Bulle wollte wohl Herde verteidigen

Seine Mitarbeiter sind angehalten, nie alleine zu einem Stier in die Box zu gehen. Und auch ein Strick alleine reiche im Umgang mit den mächtigen Bullen nicht aus. „Da ist die Führstange am Nasenring Pflicht.“ Doch neben allen technischen Sicherheitsvorkehrungen ist das Gefühl des Landwirts entscheidend: „Das A und O ist, dass man sein Tier kennt“, sagt Goßner. Während manche Stiere gerne spielen und schon deshalb hier und da mit den Hufen scharren und schnauben, ist das bei anderen Bullen schon ein kritisches Alarmsignal. Doch selbst wenn es wie auch bei dem jüngsten Fall in der Oberpfalz nie Probleme mit dem Stier gab, ist das keine Sicherheitsgarantie. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei hatte der Bulle wohl seine Herde verteidigen wollen, als der Landwirt den Kälbern die Ohrmarken anbringen wollte.

Sogenannte Deckbullen kommen in Bayern ohnehin nur noch selten zum Einsatz. „Etwa fünf Prozent der Kälber in Bayern werden per Natursprung gezeugt“, sagt Goßner. Beim Großteil der Rinder wird dagegen künstlich besamt. „Das ist aus Sicht mancher zwar nicht mehr die heile Tierwelt“, sagt Goßner. Aber es sei sicherer und bewahre die Tiere davor, sich mit Krankheiten anzustecken. So kann es sein, dass ein Stier aus Goßners Besamungsstation in seinem Leben indirekt bis zu 20 000 Kälber zeugt. „Ein Bulle ist die halbe Herde“ reicht da als Leitspruch wohl gar nicht mehr aus.

Dominik Göttler

Gleißenberg/Bayern: Stier tötet Vater und Sohn: Polizei klärt Rätsel um Waffen - Dorf unter Schock

Update vom 29. Juli 2019, 15.06 Uhr: Könnten Josef Schönberger junior und sein Vater Josef Schönberger senior noch leben, wenn der Todes-Stier in Gleißenberg früher erschossen worden wäre? Wie die Bild-Zeitung berichtet, bedrohte der Bulle die Rettungskräfte 45 Minuten lang, bis das Tier erlegt wurde und Sanitäter zu den Opfern auf der Weide gelangten.

Tatsache ist: Die Waffen der alarmierten Polizisten waren wirkungslos gegen den 600-Kilo-Stier. „Unsere normalen Dienstwaffen konnten wir nicht einsetzen“, sagt Polizeisprecherin Sandra Mallmann der Bild.

Der Stier stand rund 80 Meter von den Polizisten entfernt. Ihre 9-Millimeter-Dienstwaffen hätten den Bullen nicht kampfunfähig machen können. Auch eine Maschinenpistole im Polizeiauto wäre relativ wirkungslos gewesen, betont die Polizeisprecherin: „Die Maschinenpistole, die die Streife im Kofferraum hat, hat gleiches Kaliber. Das hat auf die Entfernung keine Durchschlagkraft.“

Deswegen mussten die Beamten in der zwölf Kilometer entfernten Polizeiwache ein G3-Sturmgewehr organisieren. Erst nach 45 Minuten waren sie wieder an der Weide und konnten den Stier mit acht Schüssen erlegen. 

Ein Stier hat am Samstag auf dieser Weide in Gleißenberg zwei Menschen getötet.

Mit so einem G3-Sturmgewehr wurde auch im Mai 2012 in München ein Stier erlegt, der aus dem Schlachthof in der Zenettistraße ausgebrochen war. Damals kam zunächst auch eine Polizei-Maschinenpistole zum Einsatz, die sich aber als wirkungslos erwies. Der Münchner Stier steckte zehn Schuss aus der MP einfach weg.

In Gleißenberg vergingen am Samstag wertvolle Minuten, in denen niemand den schrecklich zugerichteten Landwirten auf der Weide helfen konnte. Ob ein früheres Eingreifen ihr Leben gerettet hätte, wird möglicherweise die Obduktion klären. „Die Staatsanwaltschaft Regensburg wird das abklären“, erklärt die Polizei gegenüber der tz.

Rasch nach den Schüssen auf den Stier wurde Bürgermeister Josef Christl alarmiert. „Wir saßen beim Mittag, als es achtmal krachte“, sagte der Verwandte der Getöteten zur tz. Mit seinem Frontlader transportierte er den Kadaver ab. „Er ist nicht beschlagnahmt worden und wird nicht untersucht. Am Montag kommt er in die Tierkörperbeseitigungsanlage.“ Das 900-Seelen-Dorf steht unter Schock. Jeder kannte die Nebenerwerbsbauern, die mit der Rinderzucht ihr Einkommen aufbesserten. „Der Josef senior hat erst im vergangenen Jahr seine Frau verloren“, so ein Freund. „Wir können das nicht verstehen.“

Die Kripo ermittelt nun die Hintergründe des Dramas. Vermutlich wollte der Bulle seine Herde verteidigen. Bekannt ist: Josef Schönberger junior wollte am Samstag ein neugeborenes Kalb mit einer Ohrmarke registrieren. Josef Schönberger senior wurde später Opfer des Stiers, als er seinem Sohn helfen wollte. 

G3: Mit diesem Sturmgewehr wurde der Stier in Gleißenberg erlegt

Drama in Gleißenberg/Bayern: Stier tötet Vater und Sohn - Killer-Bulle mit acht Schüssen erlegt

Update vom 28. Juli 2019: Neue Einzelheiten zum Todes-Drama in Gleißenberg: Wie die Bild am Sonntag berichtet, waren acht Schüsse nötig, um den Stier zu erlegen, der einen Landwirt und seinen Vater attackiert und tödlich verletzt hatte. 

Schlimm: Die alarmierten Rettungskräfte konnten nicht zu Josef Schönberger junior und seinem Vater Josef Schönberger senior vordringen, die verletzt auf der Weide lagen. Der Killer-Stier bedrohte auch sie. Die BamS schreibt: „Die Einsatzkräfte erreichen die Weide, und auch sie werden sofort vom Tier bedroht. Sie können sich den Verletzten nicht weiter nähern.“ 

Die Polizisten am Unglücksort verfügten über keine Waffen mit einer entsprechend hohen Durchschlagskraft, um den wild gewordenen Stier zu erlegen. Sie mussten zunächst Jagdwaffen aus einem nahen Ort organisieren. „Mehr als 40 Minuten vergehen, bevor sie auf den Bullen anlegen können“, berichtet Bild am Sonntag.

Polizisten in Zivil stehen auf einer Weide, auf der zuvor ein Stier zwei Menschen getötet hatte. Polizisten mussten dann auch das Tier töten, weil die Rettungskräfte nicht zu den beiden Männern auf die Weide kamen.

Laut einem Nachbarn waren acht Schüsse nötig, um den 600 Kilo schweren Stier zu erlegen: „Erst habe ich einen Schuss gehört, dann eine Pause und dann haben sie hintereinander noch siebenmal gefeuert.“ Für Josef Schönberger senior und junior kam aber jede Hilfe zu spät, als der Stier erlegt war.

Warum ging der Stier auf die Menschen los? Laut BamS wollte er wohl seine Herde beschützen, als Bauer Josef Schönberger junior ein Jungtier markieren wollte: Ein frisch geborenes Kälbchen musste demnach registriert werden und eine Marke ins Ohr bekommen. Dem Bericht zufolge war dies eigentlich ein Routinevorgang, den der Landwirt schon oft zuvor ausgeführt hat. Ein Stier soll den Landwirt bemerkt haben und aggressiv geworden sein - vermutlich, weil er seine Herde beschützen wollte. Plötzlich habe das Tier den Kopf gesenkt. Dann stürmte das Tier auf den Bauern zu und erwischte ihn mit den sechs Zentimeter langen Hörnern. 

Stier-Drama in Gleißenberg/Bayern: Stier tötet Landwirt und dessen Vater - Polizei erschießt Tier

Erstmeldung vom 27. Juli 2019: Wie das Polizeipräsidium Oberpfalz mitteilt, hat ein Stier in Gleißenberg gegen 10 Uhr zwei Menschen getötet. Laut der Passauer Neuen Presse wurde ein 60 Jahre alter Bauer auf der Weide von dem 800 Kilogramm schweren Stier attackiert. Als der Mann nach einiger Zeit nicht nach Hause zurückkehrte, sah sein Vater (87) nach dem Rechten. Auch er wurde auf der Weide von dem Stier angegriffen und tödlich verletzt.

Sandra Mallmann, Sprecherin des Polizeipräsidiums Oberpfalz, schildert den bislang bekannten Hergang des Unfalls:  „Es war so, dass sich in den Vormittagsstunden ein 60-jähriger Landwirt auf die Weide begeben hat. Er wurde dort von einem Stier, der letztlich wild geworden war, getötet. Die weitere Tragik dieser Situation ist, dass sein 87-jähriger Vater nach seinem Sohn schauen wollte, nachdem er längere Zeit nicht nach Hause zurückgekehrt war. Er hat sich ebenfalls auf die Weide begeben, wo er von dem Stier getötet wurde.“

Gleißenberg/Bayern: Stier tötet Landwirt - Wollte der Bulle seine Herde verteidigen? 

Der „erfahrene Landwirt“ wollte auf der Weide ein neugeborenes Kalb registrieren. Möglicherweise habe der Stier seine Herde verteidigen wollen und deswegen auf den Landwirt losgegangen. Auf der Weide befanden sich zu zum Zeitpunkt des Unglücks auch noch Kühe und Kälber.

Bislang sei sein Stier noch nicht auffällig gewesen, betont die Polizeisprecherin. „Nach unseren Erkenntnissen  hat er den Stier seit circa eineinhalb Jahren in Besitz und es war bislang noch kein Vorkommnis mit dem Stier zu verzeichnen gewesen.“  

Ein Stier hat am Samstag auf dieser Weide in Gleißenberg zwei Menschen getötet.

Bayern: Stier tötet Landwirt und dessen Vater auf Weide in der Oberpfalz

Stier tötet Landwirt und dessen Vater auf Weide in der Oberpfalz

Als die von der Ehefrau des 60-jährigen Bauern alarmierten Rettungskräfte am Unglücksort eintrafen, wurden auch sie vom Stier bedroht, berichtet Polizeisprecherin Mallmann: „Dieser Stier hat verhindert, dass die Einsatzkräfte zu diesen beiden Personen auf die Weide vordringen konnten. Deswegen musste die Polizei den Stier erschießen. Erst dann war es den Rettungskräften möglich, zu den Personen vorzudringen.“

Ermittler untersuchen derzeit vor Ort, wie es zu dem Unglück kommen konnte. Die Angehörigen der getöteten Männer werden von einem Kriseninterventionsteam betreut. 

Dritter Vorfall mit einem Stier innerhalb weniger Wochen

Es ist der dritte tragische Vorfall mit einem Stier innerhalb von wenigen Wochen. Ende Juni wurde Klaus Thurnhuber, der Bürgermeister von Warngau (Kreis Miesbach) von einem Stier schwer verletzt. Am 21. Juli wurde ein Landwirt aus Bad Heilbrunn (Kries Bad Tölz / Wolfratshausen) nach einer Stier-Attacke mit schweren Verletzungen ins Murnauer Krankenhaus geflogen.

fro

Meistgelesene Artikel

Brutale Messer-Attacke: Mann sticht Freund in den Kopf - Täter auf der Flucht
Im oberfränkischen Bayreuth kam es am Freitagabend zu einer brutalen Attacke. Ein Mann stach dabei seinen Kontrahenten mit einem Messer völlig unvermittelt in den Kopf.
Brutale Messer-Attacke: Mann sticht Freund in den Kopf - Täter auf der Flucht
Horror-Fund in Ingolstadt: Frau liegt tot in Keller - beunruhigende Erkenntnisse nach Obduktion 
Schock in Ingolstadt: Eine Frau wurde tot auf ihrem Anwesen aufgefunden. Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.
Horror-Fund in Ingolstadt: Frau liegt tot in Keller - beunruhigende Erkenntnisse nach Obduktion 
Illegales Straßenrennen: Todesfahrer bezahlen Ausgleich an Opfer-Familie - Polizist suspendiert 
Der „Raserunfall von Kalteck“ sorgte im vergangenen Sommer für Entsetzen. Nun läuft der Prozess, in dem sich die beiden Todesfahrer verantworten müssen.
Illegales Straßenrennen: Todesfahrer bezahlen Ausgleich an Opfer-Familie - Polizist suspendiert 
Bekommt Traditionshotel jetzt neuen Namen? Aktivisten fordern Umbenennung - mit kuriosem Vorschlag
Trägt ein bekanntes Hotel in Augsburg bald den Namen „Drei Möhren“? Ja, wenn es nach Aktivisten geht, die wegen Rassismus eine Namensänderung verlangen.
Bekommt Traditionshotel jetzt neuen Namen? Aktivisten fordern Umbenennung - mit kuriosem Vorschlag

Kommentare