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„Das Glück kann so einfach sein“ – diese Weisheit stammt von einem, der’s wissen muss: Ralph Schäfer und sein Sohn Raphael knacken liebend gern Glückskekse. Sie haben Europas größte Glückkeksanlage aufgebaut – in Bad Abbach.

Ein Besuch in Europas größter Glückskeksanlage

Hier wird Glück in Sieben-Gramm-Portionen verpackt

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Bad Abbach - Saugen, drücken, knicken – so kommt das Glück in den Keks. Im niederbayerischen Bad Abbach steht Europas größte Glückskeksanlage. Zehn Millionen Kekse werden dort im Jahr produziert. Und alles nur wegen Supermodel Naomi Campbell.

Das Glück hat die Form eines kleinen Pfannkuchens und den süßen Duft von Zimt und Zitrone. In einer unscheinbaren Industriehalle im unscheinbaren Industriegebiet des Kurorts Bad Abbach (Landkreis Kelheim) steht Europas größte Glückskeksanlage. Ralph Schäfer hat sie aufgebaut. Bei ihm gibt es Glück in Sieben-Gramm-Portionen – ohne „Pappkartongeschmack“, wie er sagt, aber mit kleiner Werbebotschaft.

Jeder kennt den Glückskeks vom Asiaten um die Ecke. Eine etwas bröselige Nachspeise mit nicht allzu viel Geschmack – dafür mit einem mehr oder minder kreativen Spruch als Inhalt, über dessen Bedeutung sich leidenschaftlich diskutieren lässt. Ralph Schäfer, 59, rote Brillenbügel, rot-weiß kariertes Hemd, breites Lächeln, knackt noch heute mit Begeisterung jeden Glückskeks, den er in die Finger bekommt. Seine eigenen natürlich ausgenommen.

Da hätte er auch viel zu knacken. Zwischen 10 000 und 50 000 Kekse produziert Schäfer täglich, rund zehn Millionen im Jahr. Aber so gut wie keiner davon landet beim Asia-Imbiss um die Ecke. Schäfer backt und verpackt seine Glückskekse vor allem als „Giveaway“ für Firmen und Institutionen aller Art, die ihren Kunden einen kleinen Werbegruß in die Hand drücken wollen. „Wir beliefern Seniorenwohnanlagen, Lotto, Ikea, McDonalds, aber zum Beispiel auch die Kirche“, sagt Schäfer. Die Sprüche im Keks dürfen die Auftraggeber dann selbst einreichen, von der Lebensweisheit über den Bibelspruch bis zum Gewinnspiel. Auch Unglückskekse hat Schäfer schon produziert, für einen Kabarettisten. „Die Konkurrenz schläft nicht – maximal mit Deiner Freundin“, stand darin. Oder: „Das Licht am Ende des Tunnels könnte auch ein Zug sein.“ Na dann viel Glück.

Aber wie kommt der Zettel mit dem Spruch denn nun in den Keks? Ralph Schäfers Sohn Raphael, der bald die Firma vom Vater übernehmen wird, zeigt in der Produktionshalle, wie aus einem Teigklecks ein fertig verpackter Glückskeks wird. Der Teig sieht an diesem Tag ganz besonders aus: „Ein Kunde möchte schwarze Glückskekse haben“, sagt der 26-Jährige. „War gar nicht so leicht, die hinzubekommen.“ Die ersten mit normaler Lebensmittelfarbe waren nicht schwarz genug. Nach dem zweiten Versuch mit Sepia-Farbe hat die ganze Halle nach Fisch gestunken. Jetzt färben die Schäfers den Teig – übrigens nach eigener Rezeptur – auf Kohlebasis. Die Teigmaschine rührt die schwarze Pampe – und es sieht aus, als würde gleich jemand geteert und gefedert. High Noon in Lower Bavaria.

Ist der Teig angerührt, erledigt die Maschine den Rest. Kleine schwarze Pfannkuchen brutzeln auf offener Flamme, während sie zur nächsten Station gefahren werden. Dort zieht ein Saugarm die kleinen Zettel an sich und drückt sie in den noch biegsamen Teig. Zwei weitere mechanische Arme stülpen das Pfannküchlein über eine Metallkante – und fertig ist die typische Glückskeksform. Noch kurz durch die Kühlung – und ein pechschwarzer Keks nach dem anderen purzelt in die Kiste.

Schuld an Schäfers Einstieg ins Glückskeks-Geschäft ist das Supermodel Naomi Campbell. Genauer gesagt die Unterwäsche-Firma Triumph, die Ende der 90er Jahre eine neue BH-Reihe in einer Kampagne mit Naomi Campbell und 1,3 Millionen Glückskeksen bewerben wollte. Schäfer, der zuvor sieben Jahre im Nahen Osten für eine deutsche Baufirma gearbeitet hatte und sich dann mit dem Vertrieb von Süßigkeiten selbstständig machte, bekam den Zuschlag zur Verpackung der Kekse. „Da habe ich gewusst, der Markt ist da. Und ich wollte endlich ein Produkt von A bis Z selbst machen.“ Der Keks war gebissen. Heute macht Schäfer einen Umsatz von „plus minus einer Million“. Gummibärchen verpackt er immer noch, aber die Glückskekse haben den Bären längst den Rang abgelaufen.

Beim letzten Produktionsschritt legen zwei Mitarbeiterinnen mit blauen Gummihandschuhen die Kekse auf ein Rollband, bevor die Verpackungsmaschine die kleine Nachspeise eintütet. Und dann geht der Keks auf die Reise. „Wir beliefern von Lissabon bis Bukarest, von Oslo bis Palermo“, sagt Ralph Schäfer. Oft weiß er selbst gar nicht, welche Botschaft er im Keks versteckt, wenn diese etwa auf Finnisch vom Auftraggeber kommt. Aber dafür hat Schäfer selbst immer einen flotten Spruch auf Lager. Kein Wunder, er sammelt ja auch schon eine Weile. Denn hin und wieder bringt er auch eigene Reihen heraus. Dann nimmt er schon mal das Diktiergerät mit aufs Klo. Kann ja sein, dass während der Sitzung der erhellende Gedanke für den nächsten Zettel kommt.

Aber was ist Glück für einen, der es täglich produziert? „Ganz einfach“, sagt Ralph Schäfer. „Das zweite Frühstück mit meiner Mitarbeiterin Evelyn. Reisen auf Sardinien. Motorradfahren. Schafkopf.“ Glück kann so einfach sein. Er nimmt einen Keks aus dem Lager. „Hier, probier mal.“ Knacks. Der Geruch von Zimt und Zitrone. Und die kleine Botschaft: „Dieser Keks kann Spuren von Glück enthalten.“

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