Goldenes Gift? Münchner Umweltschützer haben Spuren des Unkraut-Vernichters Glyphosat in Bier gefunden.

Sturm im Bierglas

Das bedeutet der Glyphosat-Fund im Bier

  • schließen

München - Wasser, Hopfen, Malz – Glyphosat. Das Münchner Umweltinstitut hat Spuren des umstrittenen Unkrautvernichters in 14 beliebten Biersorten gefunden, auch in fünf bayerischen. Kritiker fordern mal wieder das Verbot des Mittels – und die Bierbranche schäumt.

Es ist ein Jammer, wie sich die bayerische Brotzeitplatte leert. Im Dezember 2014 hieß es, jede fünfte Breze enthalte zuviel Aluminium. Monate später stand die deutsche Wurst als krebserregend am Pranger. Und jetzt auch noch das Bier. Das Münchner Umweltinstitut hat die 14 beliebtesten deutschen Sorten auf Glyphosat getestet – und in jeder Probe Rückstände des umstrittenen Pestizids gefunden. Auch fünf bayerische Biere sind darunter. Und das im Jubiläumsjahr des Reinheitsgebots.

Die Werte, die das Institut ermittelt hat, liegen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter. Bisher gibt es für Bier keinen Grenzwert – darum ziehen die Autoren zum Vergleich den Grenzwert für Trinkwasser heran, der bei 0,1 Mikrogramm liegt. Die Bierproben enthalten also bis zu 300 Mal mehr Glyphosat, als Trinkwasser enthalten dürfte. Grund zur Sorge?

Seit Monaten streiten Kritiker und Befürworter darüber, ob Glyphosat grundsätzlich gefährlich ist. Die Krebsforschungsagentur IARC, die unter dem Dach der Weltgesundheitsorganisation arbeitet, stufte das Mittel im Juli 2015 als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) konterte im November, es sei „wahrscheinlich nicht krebserregend“. Seither laufen die Lobby-Apparate heiß, denn am 7. März will die EU-Kommission gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten über eine Neuzulassung des Pestizids entscheiden. Sie würde zehn Jahre lang gelten.

Für diejenigen, die das verhindern wollen, ist es also fünf vor zwölf. Das Umweltinstitut, das übrigens keine Behörde ist, sondern ein Verein, gehört auch dazu. Entsprechend deutlich äußert sich Sophia Guttenberger vom Umweltinstitut. „Ein Stoff, der wahrscheinlich krebserregend ist, hat weder im Bier noch in unserem Körper etwas verloren“, sagte sie am Donnerstag. Jetzt müssten die Brauereien klären, wie das Mittel ins Bier gelangen konnte – und das künftig verhindern. Die Landtags-SPD forderte die Staatsregierung auf, alle in Bayern verkauften Biere untersuchen zu lassen und die Ergebnisse zu veröffentlichen. Die Grünen wollen das Mittel am liebsten verbieten.

Es geht also um viel mehr als nur ums Bier. Aber die Untersuchung des Umweltinstituts hat die Branche hart getroffen. Walter König, Geschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds, sagte, er halte die Schlussfolgerungen für nicht nachvollziehbar. Die Bierzutaten würden seit Jahren strengen Kontrollen unterzogen. Allein Gerste werde auf 490 verschiedene Pflanzenschutzmittel, auch Glyphosat, getestet. Bislang sei noch nie ein kritischer Wert überschritten worden. „Hier wird das Bier missbraucht, um politischen Druck aufzubauen.“

Auch das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) sieht keine Gefahr für Biertrinker. Dass Glyphosat-Rückstände gefunden wurden, sei erwartbar, heißt es in einer Stellungnahme; schließlich ist das Mittel unter Landwirten weit verbreitet. Trotzdem hält das BfR selbst die Höchstmenge von 30 Mikrogramm pro Liter im Hasseröder Pils für unproblematisch. EU-weit gilt eine tägliche Aufnahme von 0,3 Milligramm Glyphosat pro Kilo Körpergewicht als vertretbar. Das BfR macht es etwas plastischer. „Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken.“

Das Umweltinstitut hält selbst fest, dass es für seine Studie nur kleine Mengen Bier getestet habe. Die Werte ließen daher keine generelle Aussage über die Belastung von Bier zu. Allerdings hält es an der Aussagekraft seiner Daten fest. Die drei Biere mit dem höchsten Glyphosatgehalt seien mit einer zweiten Methode nochmals getestet worden – die Ergebnisse bestätigten sich. Das Institut vermutet zudem, dass das Pestizid durch Rückstände an der Gerste ins Bier gelangt ist. Importiertes Getreide könnte die Ursache sein – die Hälfte des in Deutschland verwendeten Braugetreides wird importiert, vor allem aus Frankreich oder Dänemark.

An der Neuzulassung von Glyphosat ist trotzdem kaum mehr zu rütteln. Ein Indiz: die jüngste Sitzung des Bundestags. Die Grünen wollten die Bundesregierung per Antrag verpflichten, die Zulassung erstmal abzulehnen, weil noch nicht klar sei, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht. Der Antrag wurde mit 117 zu 446 Stimmen abgelehnt.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Wanderer sauer: Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen nachts geschlossen
Für Wanderer warten im September die goldenen Tage. Mit der Partnachklamm bleibt ein Nadelöhr für Touren rund um die Zugspitze vorerst nachts geschlossen. Viele …
Wanderer sauer: Partnachklamm in Garmisch-Partenkirchen nachts geschlossen
Lkw kommt von Straße ab und überschlägt sich
Bei einem Unfall auf der A7 prallt ein Lkw gegen die Schutzplanke und überschlägt sich. Doch der Lastwagenfahrer hatte Glück im Unglück.
Lkw kommt von Straße ab und überschlägt sich
Schwimmbad wegen Handgranate gesperrt
Im Lindenhofbad fanden drei Mädchen eine Handgranate. Sie konnte zwar erfolgreich geborgen werden, doch das Schwimmbad soll noch eine Weile gesperrt bleiben.
Schwimmbad wegen Handgranate gesperrt
Drama auf Autobahnbrücke: So lief die grausame Tat ab
Die Ermittlungen im Falle des Beziehungsdramas auf einer Autobahnbrücke in Bischbrunn sind abgeschlossen. Der 31-Jährige erstach seine Lebensgefährtin und stürzte sich …
Drama auf Autobahnbrücke: So lief die grausame Tat ab

Kommentare