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Goldraub von Manching: Bürgermeister geschockt – „Ein Wahnsinn“

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Von: Dirk Walter, Dominik Göttler, Johannes Welte

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Es dauerte nur neun Minuten: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion stehlen Unbekannte in Manching einen keltischen Goldschatz aus dem Museum. Von den Tätern fehlt jede Spur. Die Ermittler sprechen von Parallelen zum Juwelendiebstahl in Dresden.

Manching – Herbert Nerb läuft aufgeregt im Museum auf und ab. Dort liegen noch die Glassplitter herum, die Spuren des Einbruchs. Plötzlich platzt es aus dem Manchinger Bürgermeister (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) heraus: „Das hätte nicht passieren dürfen. Ich dachte immer, so etwas gäbe es nur in der Großstadt, ein Wahnsinn!“ Doch es ist passiert. Unbekannte haben der Marktgemeinde ihren Schatz, ihren ganzen Stolz, aus dem Kelten Römer Museum geraubt. Einen Schatz, der mehr als 2000 Jahre unter den Füßen der Bewohner schlummerte, ehe Archäologen ihn 1999 entdeckten. „Es ist wie in einem falschen Film“, sagt Nerb.

Nach Goldraub in Manching: Kulturminister Blume ist geschockt

Der Goldraub von Manching stellt den Vorort von Ingolstadt genauso unter Schock wie die bayerische Museumswelt. Kunstminister Markus Blume (CSU) spricht von einer „Attacke auf unser kulturelles Erbe und auch auf den Kulturstaat.“ Ein mehr als 2000 Jahre altes Kulturgut ist nun in den Händen von Kriminellen. Offensichtlich waren Profis am Werk. Und bislang fehlt von den Tätern jede Spur.

In einer Bodenvitrine wurde der Schatz aus Manching aufbewahrt. Die Täter schlugen die Schutzscheibe ein, um an das Gold zu gelangen.
In einer Bodenvitrine wurde der Schatz aus Manching aufbewahrt. Die Täter schlugen die Schutzscheibe ein, um an das Gold zu gelangen. © Peter Kneffel/dpa/Archäologische Staatssammlung

Was war passiert? Um 1.17 Uhr in der Nacht zum Dienstag kappen der oder die Täter mehrere Kabel in einem Verteilerzentrum der Telekom in Manching und legen das Internet- und Telefonnetz für rund 13.000 Haushalte in der Umgebung lahm. Neun Minuten später wird in dem etwa einen Kilometer entfernten Museum eine Fluchttür aufgehebelt. Der Alarm löst zwar aus, wird aber wegen der gekappten Leitungen nicht an die Zentrale der Wachfirma übermittelt. Der oder die Täter hebeln eine weitere Tür im Obergeschoss auf und entwenden aus einer Bodenvitrine 483 Goldmünzen, einen sogenannten Goldgusskuchen und aus einer Wandvitrine drei weitere, größere Münzen. Nach nur neun Minuten, um 1.35 Uhr, verlassen die Diebe das Gebäude. So schildert LKA-Vizepräsident Guido Limmer gestern die Tatnacht.

Gegen 4 Uhr nachts meldet ein Techniker der Telekom die Netzstörung bei der Einsatzzentrale. Wegen wiederholter Fälle von gesprengten Bankautomaten schickt die Polizei sofort Streifen zu den örtlichen Geldhäusern. Doch an das Museum denkt in dem Moment offenbar noch niemand. Erst am Vormittag gegen 9.45 Uhr wird der Diebstahl von Museumsmitarbeitern bemerkt.

Goldraub von Manching: Parallelen zu Dresden und Berlin?

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Einbruch mit der Sabotage an dem Verteilerzentrum zusammenhängt. Es wurde eine 20-köpfige Soko „Oppidum“ gegründet, benannt nach der keltischen Siedlung, die auf dem Gebiet des heutigen Manching lag. Die Ermittler werten nun die Festplatte aus dem Museum aus. Offen ist bislang auch, ob Aufnahmen der Täter vorliegen. Wachpersonal gab es in dem Museum nicht. Die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen schweren Bandendiebstahls und gemeinschädlicher Sachbeschädigung eingeleitet. LKA-Mann Limmer betont, man sei im Austausch mit Kollegen aus Berlin und Dresden – denn der Fall weise Parallelen zu den Raubzügen im Berliner Bode-Museum und dem Grünen Gewölbe in Dresden auf. Im Manchinger Museum waren nach diesen Fällen die Sicherungsanlagen überprüft worden.

Fassungslos: Bürgermeister Herbert Nerb.
Fassungslos: Bürgermeister Herbert Nerb. © Welte

Trotzdem machten die Täter auch dort fette Beute. Rupert Gebhard ist Leiter der Archäologischen Staatssammlung – das Keltenmuseum ist eine Zweigstelle der Staatssammlung. Er sagt, die Münzen hätten einen Handelswert von etwa 1,6 Millionen Euro. Der reine Goldwert des 3,724 Kilogramm schweren Diebesguts liege derzeit bei etwa 250.000 Euro. Doch neben der reinen Summe gehe es in diesem Fall um den Verlust eines „wirklichen Kleinods“, dem größten keltischen Goldfund, der im 20. Jahrhundert bei regulären Grabungen auftauchte. Für die Gemeinde habe der Fund darüber hinaus hohen Identifikationswert.

Einen Tag nach dem Einbruch arbeiteten die Techniker in Manching an den Schäden. Es dauerte bis zum Abend, ehe alle Haushalte und Firmen wieder mit Telefon und Internet versorgt waren. Wolfgang Greis, 42, arbeitet auf dem Gemeindebauhof und wohnt direkt neben der Schaltzentrale: „Ich habe nachts geschlafen und nichts mitbekommen von dem Einbruch. Nicht einmal mein Hund ist aufgewacht, und der kriegt sonst alles mit.“ Er ist sich sicher: „Da müssen Profis am Werk gewesen sein.“

Goldraub von Manching: Anwohner bekamen nichts mit

Der fensterlose Technikbau befindet sich im Hinterhof eines Wohngebiets. Nebenan: ein leer stehender Supermarkt, ein nachts geschlossenes Bestattungsinstitut, ein unbebautes Grundstück und zwei Einfamilienhäuser. Auch die zweite Anwohnerin bekam nichts vom Einbruch mit. Nach Informationen unserer Zeitung gibt es an diesem Tatort keine Aufbruchspuren. Es wurden nicht alle Glasfaserkabel durchtrennt – was dafür sprechen könnte, dass die Täter wussten, was sie tun. Ein Monteur vor Ort will nicht ausschließen, dass es sich um Insider gehandelt hat. Für die komplexe Schließanlage könne man nicht so einfach einen Nachschlüssel anfertigen. Zu den Schaltanlagen hätten neben Telekom-Mitarbeitern auch viele Drittfirmen Zutritt.

Der Fall sorgt auch in anderen Museen für Unruhe. „Ich war geschockt, als ich von dem Fall gehört habe“, sagt etwa Prof. Günther Moosbauer, Leiter des Gäubodenmuseums in Straubing. Dort lagert einer der bedeutendsten Römerschätze Deutschlands, der unter anderem römische Paraderüstungen umfasst. „Unsere Exponate haben zwar keinen besonders hohen Materialwert“, sagt Moosbauer. Aber er fürchtet wohlhabende Auftraggeber, die für ihre Privatsammlung vor nichts zurückschrecken. Erst kürzlich habe man die Alarmanlage für viel Geld auf den neuesten Stand gebracht. „Mehr können wir nicht tun.“ Aber die Sorgen bleiben. Kunstminister Blume sagte gestern, man müsse nach so einem Vorfall alle Sicherheitsmaßnahmen noch einmal überprüfen.

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In Manching bleibt derweil nur noch Fassungslosigkeit. Bürgermeister Nerb erzählt von der Zeit, als die Archäologen vor Jahrzehnten anfingen, die historische Keltenstadt auszugraben. Damals seien sie noch als „Boandlkramer“ belächelt worden. Doch mit dem Münzfund wurde alles anders. „Der Goldschatz, den sie gehoben haben, hat uns alle stolz gemacht.“ Nun ist er weg. Und niemand weiß, ob er je wieder gefunden wird.

Goldraub von Manching: Interview mit dem Entdecker der Goldmünzen

Der Archäologe Dr. Matthias Leicht, 60, hat 1999 den keltischen Goldschatz von Manching gefunden. Heute ist er Grabungsleiter bei der privaten Grabungsfachfirma ADA. Wir erreichen ihn am Telefon.

Herr Leicht, wo stöbern wir Sie gerade auf?

Leicht: Ich bin in Weißenburg in Mittelfranken. Wir bergen ein römisches Gräberfeld an der geplanten Westumgehung.

Wie haben Sie von dem Goldraub erfahren?

Leicht: Eine Kollegin schickte mir am Dienstag spätnachmittags eine Mitteilung. Ich war natürlich geschockt und überrascht. Da sind sofort Erinnerungen wach geworden.

Erinnerungen an den 26. August 1999, den Tag, an dem Sie den Schatz fanden. Wie war das damals?

Leicht: Ich leitete damals Grabungsarbeiten in Manching für die Forschungsstelle der Römisch-Germanischen Kommission. Es war kurz vor Feierabend, ich stand an einem Bagger, der eine Humusschicht abgetragen hatte. Da dachte ich mir, ich laufe noch ein bisschen Kontrolle. Ja, und dann sah ich etwas gelblich in der Erde schimmern. Zuerst dachte ich, es ist ein Knochen. Aber es war etwas anderes.

Eine Goldmünze.

Leicht: Ja. Ich dachte mir: Was mache ich jetzt? Ich holte meine Assistentin. Uns war klar, dass es schnell gehen musste, schon damals waren in Manching Raubgräber unterwegs. Also haben wir den Fund noch am selben Abend vermessen, zeichnerisch und fotografisch dokumentiert und den kompleten Schatz geborgen. Die Fundlage war außergewöhnlich. Alle Münzen lagen auf einem Haufen. Da wir auch drei Kupferringe bargen, die als Verschlüsse dienten, müssen die Goldmünzen wohl in einem Leder- oder Stoffbeutel versteckt worden sein. Der wiederum vielleicht in einer Hauswand.

Der Finder: Archäologe Matthias Leicht
Der Finder: Archäologe Matthias Leicht © ADA-Archäologie GbR

Archäologe Leicht rechnet damit, dass das Gold eingeschmolzen wird: „Eine Katastrophe“

Wer hat sie dort versteckt?

Leicht: Wir kennen natürlich keine Namen. Aber der gesamte Goldschatz wiegt immerhin knapp vier Kilo und war auch damals schon so wertvoll, dass er wohl keiner Einzelperson gehört hat. Eher einem Stamm.

Jetzt ist der Schatz geraubt. Haben Sie eine Vorstellung, was die Diebe damit anstellen könnten?

Leicht: Sie können den Schatz jedenfalls nicht verkaufen, da würde jeder hellhörig. Die Münzen sind einzigartig und haben individuelle Prägungen.

Es wird befürchtet, dass das Gold einfach eingeschmolzen wird.

Leicht: Das wäre eine Katastrophe. Was sind knappe vier Kilo Gold wert – vielleicht gut 200.000 Euro? Der kulturelle Wert ist aber unermesslich, es ist ja immerhin der größte keltische Goldschatzfund des 20. Jahrhunderts. Meine schwache Hoffnung ist, dass eine Einzelperson dahintersteckt. Dann bliebe der Goldschatz immerhin erhalten.

War der Schatz ausreichend gesichert?

Leicht: Das müssen andere beurteilen. Ich frage mich aber schon, ob es nicht sinnvoll ist, so wertvolle Funde durch Security nachts zu sichern.

Das Interview führte Dirk Walter.

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