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Peter Patto, Leiter der chaldäischen Kirche in Bayern, über die Christenverfolgung in seinem Heimatland Irak.

"Gottesdienste sind geheim"

Irakische Christen in München - berichten über die Lage in der alten Heimat

Die Christen sind die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft der Welt. Besonders schlimm ergeht es den Christen im Irak. Zu Hunderttausenden haben sie in den vergangenen Jahren das Land verlassen. Viele von ihnen fanden Unterschlupf in Deutschland. Um die chaldäischen Christen aus dem Irak kümmert sich in Bayern Peter Patto (49). Er ist der Leiter der Mission der chaldäischen Kirche für Bayern und stammt selbst aus dem Irak.

Wie feiern Christen im Irak Weihnachten?

Weihnachten feiert man tagsüber, bevor es dunkel wird. Dann geht man schnell nach Hause. Junge Männer, die bewaffnet sind, bewachen die Kirche in Bagdad, in der gefeiert wird. Die Straße zur Kirche wird abgeriegelt. Doch viele gehen auch gar nicht in die Kirche, weil sie Angst haben.

Wie ist die Situation für Christen im Irak zur- zeit?

Sehr schlecht. Viele Christen haben den Irak verlassen, fliehen in Nachbarländer wie Syrien oder in den Nordirak. In den Kurdengebieten im Norden leben aber schon viele Christen. Dort gibt es wenig Arbeit, und Lebensmittel sind teuer.

Wie lebt man seine Religion als Verfolgter im eigenen Land?

Viele leben sie überhaupt nicht mehr. Zu Zeiten Saddams war das besser. Saddam interessierte sich nicht für Religion. Man musste nur klatschen und in der Partei sein.

Und heute?

Tausende Häuser von Christen wurden schon gesprengt, viele Bewohner vertrieben. Die Angreifer sagen: ,Ihr sollt Moslems werden oder den Irak verlassen.‘

Viele Kinder werden entführt, dann wird Lösegeld erpresst, die Kinder werden aber trotzdem getötet. Besonders schlimm ist es bei Mädchen. Die werden oft vergewaltigt. Danach bringen sich viele selbst um - aus Scham.

Lokale, die Alkohol servieren, werden bedroht. Ein Bischof in Mossul wurde getötet, hunderte junger Männer erschossen.
Wer es sich leisten kann, verlässt den Irak.

Wie sieht der christliche Alltag unter solchen Bedingungen aus?
Die Religion kann man nicht mehr praktizieren. Von 50 Kirchen in Bagdad ist die Hälfte geschlossen. Seit Anfang 2008 wurden viele gesprengt. Zahlreiche Pfarrer haben ihre Gemeinden verloren und sind ins Ausland gegangen.

Und der Gottedienst?

Gottesdienste werden geheim abgehalten. Mittags, auf jeden Fall bevor es dunkel wird, denn dann wird es gefährlich.

Wie hält man Kontakt zu den Menschen im Irak?

Kontaktieren per Handy geht, vor allem im Nordirak geht das gut. Aber die Angst ist immer dabei, dass einmal eine Bombe einschlägt. Man weiß nie, ob man den nächsten Tag überlebt.

Es heißt, Christen im Irak kriegen keine Arbeit bei Moslems.

Das ist richtig, und es wird immer schlimmer. Je mehr die Amerikaner unterdrücken, desto schlimmer wird es. Für die Iraker sind Christen Kollaborateure, Spione. Obwohl sie seit 2000 Jahren in dem Land leben. Wir sind nicht konvertiert, wir leben schon immer hier.

Wie viele Christen leben noch im Irak?

Früher waren es 800 000, jetzt sind es nur noch 300 000. Das chaldäische Priesterseminar ist aus Bagdad ins kurdische Erbil verlagert worden. Der Patriarch ist die meiste Zeit in Erbil oder im Ausland. (Der Sitz des Patriarchen ist eigentlich Bagdad, Anmerkung der Redaktion.)

Deutschland will im kommenden Jahr irakische Flüchtlinge aufnehmen.

Gott sei dank hat sich Deutschland entschlossen, die Verfolgten aufzunehmen und die illegalen Flüchtlinge hierzulande zu akzeptieren. Wir freuen uns über die 2500 Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen werden, 400 werden nach München kommen. Das ist wenig, aber besser als nichts.

Interview: Markus Knall

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