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„Mein Mittagessen“: Rentner Hans Hermann Steinröck schneidet ein kleines Stück von seiner Nussschnecke ab.

Der große Traum: „Einmal in die Allianz-Arena“

München - Hans Hermann Steinröck, 72, hat eine kleine Rente, die kaum zum Überleben reicht. Wäre nicht die Patenschafts-Aktion des Münchner Merkur: Er wüsste nicht weiter. In seinem tristen Alltag gibt es nicht viel – außer einem großen Traum.

Draußen, vorm Fenster, weht sie noch im Wind: seine Deutschland-Fahne. Schwarz-Rot-Gold – ein Überbleibsel aus dem WM-Sommer, das im Winter schlaff an der weißen Fassade des Hochhauses im Münchner Stadtteil Hasenbergl herunterhängt. Das Appartement von Hans Hermann Steinröck liegt im siebten Stock des Seniorenzentrums der Diakonie – und in der Ferne kann der 72-Jährige die Allianz-Arena erkennen. Steinröck ist Fan des FC Bayern. Seit Jahrzehnten schon, seitdem er aus Remscheid nach München zog. Das neue Stadion hat er aber noch nie betreten. „Kein Geld“, sagt der Rentner. Dabei hätte er die Stars so gern gesehen, wenigstens einmal. Den Schweinsteiger, den Ribéry, den Müller, den Robben. Aber: „Es geht halt nicht.“

So werden Sie Pate für bedürftige Senioren

Bei der Aktion des Münchner Merkur gegen Altersarmut können Sie eine Patenschaft für in Not geratene Senioren übernehmen. Eine Patenschaft kostet 35 Euro im Monat. Das Geld kann viertel-, halbjährlich oder für ein ganzes Jahr gespendet werden. Auch durch eine einmalige Spende können Sie älteren Menschen helfen, die am Existenzminimum leben. Der Verein Lichtblick Seniorenhilfe leitet stets die volle Summe an die Bedürftigen weiter. Überweisungen bitte auf das Spendenkonto 490 1010 des Vereins Lichtblick Seniorenhilfe (Balanstraße 45, 81669 München) bei der Sparda-Bank München, Bankleitzahl 700 905 00. Weitere Informationen beim Verein Lichtblick, Telefon 089/48 95 55 80. Unsere Email-Adresse zur Aktion: paten@merkur-online.de. Lichtblick Seniorenhilfe ist ein gemeinnützig anerkannter Verein. Für Ihre Spenden erhalten Sie eine Spendenquittung.

Beim Fußball vergisst Steinröck für eine Weile die tägliche Tristesse: seine dürftige Rente, die Einsamkeit. Ja, ja, wenn die Bayern immer gewinnen würden! Mehr erwartet sich der bedürftige Senior nicht mehr vom Leben. Sein schwaches Herz zwang den Verwaltungsangestellten mit 60 Jahren in den Vorruhestand und in die Altersarmut – obwohl Steinröck laut staatlicher Bemessungssätze in die Kategorie der Besserverdiener fällt.

Steinröcks Einkünfte liegen bei 690 Euro im Monat – und damit knapp über der Sozialhilfegrenze, auf staatliche Zuschüsse hat er also keinen Anspruch. Ein paar Euro weniger und Steinröck wäre von den GEZ-Gebühren befreit, er könnte den München Pass beziehen, wäre wieder mobil mit einer ermäßigten MVV-Isarcard S. Wichtiger noch: Auch im Bereich der Krankenkassenbeiträge hätte Steinröck weniger zu zahlen. So aber bleibt ihm nur wenig zum Leben. Für Bus und Bahn fehlt ihm das Geld. Meist hockt er „den ganzen Tag vor der Glotze“, bekennt der schmächtige Mann, während er die Hälfte seiner Nussschnecke nochmals halbiert. „Mein Mittagessen.“

Beim Essen knappst der Rentner genauso, wie bei allen anderen Dingen – gezwungenermaßen. Nach seiner zweiten Herz-OP brauchte er ein neues Bett und eine neue Matratze, er musste ja höher liegen. Die Kosten übernahm der Verein Lichtblick Seniorenhilfe e.V., der dutzende Bewohner in den beiden Senioren-Hochhäusern des Viertels unterstützt.

„Die älteren Menschen leben hier meist unter dem Existenz-Minimum“, sagt Lydia Staltner, Vorsitzende des Vereins. Die Wohnanlage mit 104 Mini-Appartments gleicht einem sozialen Brennpunkt der Generation „65plus“: 40 Prozent der Bewohner sind auf Grundsicherung angewiesen. Viele Männer und Frauen haben körperliche und psychische Beschwerden. Depressionen, Demenz, Einsamkeit – das gehört hier zum Alltag.

„Einige haben keine sozialen Kontakte“, sagt Maria Pojda, Leiterin der Wohnanlage und einzige Sozial-Beraterin. Der Hilfs-Bedarf ist gewaltig: Mal fehlt ein Kühlschrank, mal eine Matratze, mal ein Tisch – und immer öfter eine ordentliche Mahlzeit. „Bei den Lebensmitteln greifen die meisten Menschen hier nur zum Billigsten vom Billigsten, für Obst oder Gemüse reicht das Geld nicht“, sagt Maria Pojda. Deshalb zahlt Lichtblick Seniorenhilfe nicht nur Mobiliar oder Elektrogeräte, sondern finanziert auch Essen auf Rädern des Malteser Hilfsdienstes. Und: 13 Bedürftige erhalten monatlich 35 Euro aus der Patenschafts-Aktion des Münchner Merkur.

Auch Steinröck ist froh, dass ihm der Verein über die Runden hilft. In seinem Zimmer läuft der Fernseher – auf dem Bildschirm spielen sie wieder Fußball, natürlich. Wer gegen wen, das ist Steinröck eigentlich nicht so wichtig. Hauptsache: Die Bayern kommen weiter. Er überlegt kurz. Ja, so ein Bayern-Spiel in der Allianz-Arena, das wär’s. Ein Traum! Steinröck seufzt, dann dreht er den Fernseher lauter. 

Felix Barth

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