+
Die Allianz Arena: Kompliziert am Stadion war die Vorgeschichte - die Finanzierung stemmten schließlich die beiden Münchner Vereine .

Im Vergleich zu Rest-Deutschland

Großprojekte: Plant man in Bayern besser?

München - Ob „Stuttgart 21“, die Elbphilharmonie oder der Berliner Flughafen: Ständig explodieren die Kosten für Großprojekte. Aber wird in Bayern besser geplant? Einige Beispiele aus der Region zeigen: nicht immer.

Ob „Stuttgart 21“, die Elbphilharmonie oder der Berliner Flughafen: Ständig explodieren die Kosten für Großprojekte, und fertig werden sie auch irgendwie nie. Aber wird in Bayern besser geplant? Einige Beispiele aus der Region zeigen: nicht immer.

Der Flughafen im Erdinger Moos

Sommer 1969, gerade ist der Mensch zum ersten Mal auf dem Mond gelandet. Und ein Bauer sagt auf einer Demo bei Erding: „Wenn der Flughafen nach Hallbergmoos kommt, dann müssen die Politiker auf den Mond geschossen werden.“ Auf dem Weg solle es die Rakete bittschön zerreißen – „sonst unterlaufen ihnen auf dem Mond die gleichen Fehlplanungen“.

Der Flughafen: Ein gerichtlicher Baustopp und zahlreiche Umplanungen machten den Bau zu einer teuren und langwierigen Angelegenheit.

Eine von vielen Stimmen gegen den Plan, den Flughafen München II ins Erdinger Moos zu bauen. Doch trotz Massenproteste und jahrelanger Standortdebatten (seit 1963) beschließt der bayerische Ministerrat am 5. August 1969 den Airport-Bau. Die luftrechtliche Genehmigung aus Bonn – von vielen damals als „letzte Hürde“ bezeichnet – flattert dem bayerischen Wirtschaftsminister im Mai 1974 ins Haus, es folgt das Planfeststellungsverfahren.

Am 3. November 1980 rollen die Bagger an – gut fünf Jahre später sollen die ersten Flugzeuge starten. Doch tausende Klagen gegen die Genehmigung erzwingen am Gründonnerstag 1981 einen gerichtlichen Baustopp: Vier Jahre lang darf keine Schaufel angerührt werden.

Dann geht es weiter – alles andere als reibungslos: Baupläne werden ständig geändert, viele Flughafengebäude vergrößert: „Wir planen und bauen gleichzeitig“, sagt einer der Architekten damals. Noch Anfang 1991 ist unklar, wann der Flughafen in Betrieb gehen wird, im April peilen die Geschäftsführer der Flughafen München GmbH den 17. Mai 1992 an. Der Termin wird eingehalten.

Und die Kosten? Erste vorsichtige Schätzungen liegen bei 800 Millionen Mark, 1984 spricht die Betreibergesellschaft FMG von 2,6 Milliarden. Dann der Baustopp. Nicht nur den Abgeordneten schlackern die Ohren, als der damalige CSU-Finanzminister Gerold Tandler 1989 im Landtag Kosten über fünf Milliarden Mark ankündigt. Es werden am Ende: 8,3 Milliarden.

Das Theaterdach in Oberammergau

In Oberammergau erzählen sie sich die Mär von der schwarzen Katz’. Im Oktober 2004 geben die Verantwortlichen am Passionstheater vor der Presse den Startschuss zum Bau einer fahrbaren Überdachung – da huscht der haarige Unglücksbote vorbei. Ob das Tierlein schuld ist an der Pleitenserie, die folgt?

Rückblick: Manche Oberammergauer wünschen sich nach der Passion 2000 ein mobiles Theaterdach. Kaum stehen ein Plan und eine vorsichtige Kostenschätzung von 900 000 Euro, folgt im Juli 2003 ein Bürgerentscheid – es gibt auch Gegner. Ergebnis: Das Dach soll gebaut werden. Neue Zahlen zeigen aber: Das kostet mindestens 1,5 Millionen Euro. Es wird umgeplant, eingespart, bis der Preis auf 1,1 Millionen Euro sinkt.

Kurz nach Baustart 2004 beginnen die Pannen: Die Konstruktion ist komplizierter als gedacht, man rechnet inzwischen mit 2,2 Millionen Euro. Immer wieder muss nachjustiert werden, am Ende stapeln sich über 900 Pläne. Und Gemeinde und Baufirma streiten sich vor Gericht. Eigentlich soll das Dach 2006 fertig sein – daraus wird nix.

Das Theaterdach in Oberammergau: Gäste der Passion sollten trocken bleiben - und die Bühne zwischen den Spielzeiten ausgenutzt werden.

Dann wird Juli 2008 anvisiert. Opernsänger Rolando Villazón muss beim eigentlichen Eröffnungskonzert aber unter einem Provisorium auftreten – das 70 000 Euro extra kostet. Im Oktober 2009 ist das Dach fertig. Auf eine offizielle Einweihung wird verzichtet, bei den Proben für die Passionsspiele 2010 kommt das einstige Prestigeprojekt aber zum Einsatz. Das fahrbare Dach kostet am Ende 2,8 Millionen Euro – nach Abzug von Zuschüssen und Vergleichszahlungen der Baufirma zahlt die Gemeinde noch 2,2 Millionen Euro.

Die Tunnel unter dem Mittleren Ring

Der 6. Juli 2002 ist ein schwüler Sommertag. Die Münchner Prominenz wird in polierten Limousinen durch den jungfräulichen Petuel-Tunnel gekarrt, da macht ausgerechnet der Baureferent schlapp, der Chef der federführenden Behörde. Kreislauf-Kollaps. Kurzer Schock, dann wird weitergefeiert. Lange genug hatten die Bürger schließlich auf den Tunnel gewartet.

Schon in den 80er-Jahren hat der damalige CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl eine baufertige Planung für die Untertunnelung des Mittleren Rings in der Schublade. Doch er wird abgewählt, der Stadtrat unter SPD-OB Georg Kronawitter stoppt das Projekt im Juni 1990. Jetzt machen die Münchner mobil – auf historische Weise: Im ersten Bürgerentscheid der Stadt („Drei Tunnels braucht der Ring“) erzwingen sie am 23. Juni 1996 mit haarscharfer Mehrheit drei Tunnelprojekte.

Nummer 1: Für den Petuel-Tunnel zwischen Schwabing und Milbertshofen rollen die Bagger ein gutes Jahr später an, im September 1997. Fünf Jahre Bauzeit sind eingeplant – sie wird sogar knapp unterboten. Die Kosten, bei Baubeginn mit 400 Millionen Mark veranschlagt, liegen letztlich bei 180 Millionen Euro. Der Marktpreis, so heißt es, habe sich günstig entwickelt.

Der Richard-Strauss-Tunnel: Die ersten Fahrzeuge, die die Röhre im Münchner Osten im Juli 2009 ausprobieren durften, waren Oldtimer.

Nummer 2: Im Münchner Osten entsteht nach dem Bürgerentscheid das Großprojekt Richard-Strauss-Tunnel, mit zweimonatiger Verspätung feiert man am 25. September 2003 Spatenstich. Der erste Teil davon, der Effner-Tunnel, wird plangemäß im Dezember 2006 freigegeben, der eigentliche Richard-Strauss-Tunnel im Juli 2009. Der Stadtrat kalkuliert bei Baubeginn mit 321 Millionen Euro – noch ist das Projekt nicht ganz abgerechnet, so das Referat. Man bleibe aber unter 300 Millionen Euro.

Nummer 3: Der Tunnel am Luise-Kiesselbach-Platz in Sendling ist seit August 2009 im Bau – und derzeit die größte Baustelle der Stadt. 2015 soll er freigegeben werden. Geplante Kosten: 389 Millionen Euro.

Kulturzentrum am Gasteig

Die Akustik in der Münchner Philharmonie im Gasteig ist nicht ideal, heißt es heute noch. Einst drohte das Problem das Bauvorhaben komplett zu zerschießen.

Im Zweiten Weltkrieg zerstören Bomben alle Konzertsäle der Stadt – deshalb wird in den 60er-Jahren ein Standort für ein neues Kulturhaus gesucht. Neuperlach? Hofgarten? Die Wahl fällt auf den Gasteig in Haidhausen, die Stadt schreibt 1971 zusammen mit der Löwenbrauerei, der das Nachbargrundstück gehört, einen Wettbewerb aus. 1972 schätzt der damalige OB Hans-Jochen Vogel die Kosten auf mindestens 150 Millionen Mark. Ursprüngliche Pläne für ein Mega-Projekt mit einem 1000-Betten-Hotel werden in der Wirtschaftskrise abgespeckt – doch der Stadtrat beschließt am 7. April 1976 den Bau. Zwei Jahre später ist Spatenstich – dann zeigen Messungen, dass die nahe S-Bahn die Akustik bei Konzerten stören könnte. Ein Scheitern ist denkbar. Umplanungen treiben die Kosten in die Höhe. 1980 ist schon von 372 Millionen die Rede, am Ende sind es 320 Millionen Mark. Am 10. November 1985 wird der Gasteig mit einem Konzert vor 2400 Festgästen eröffnet – ohne Verzögerung, heißt es.

Olympia-Schanze in Garm.-Partenkirchen

Zwei Mal hat es in Garmisch-Partenkirchen in Sachen neuer Schanze gewaltig gescheppert. Kracher Nummer eins: Als Sprengmeister die alte Olympia-Rampe am 14. April 2007 in die Luft jagen. Kracher Nummer zwei: Als der Gemeinde die Kosten um die Ohren fliegen.

Fast sechs Jahrzehnte lang waren Skispringer von der großen Schanze gesegelt. Doch dann genügt sie den Vorgaben des Internationalen Ski-Verbandes nicht mehr. Der Marktgemeinderat diskutiert jahrelang. Sanieren für gut fünf Millionen Euro? Neu bauen für knapp zehn Millionen? Am 14. September 2005 fällt der Entschluss für den Neubau. Dann muss es fix gehen: Münchner und Allgäuer Architekten bekommen Ende November 2006 den Zuschlag für ihren futuristischen Entwurf – schon die Vierschanzentournee im Winter 2007/2008 soll auf der neuen Rampe stattfinden.

Später kritisiert der Kommunale Prüfungsverband die späte Planung, den unnötigen Zeitdruck und Schlampereien von Verwaltung und Bürgermeister. Ergebnis: Garmisch-Partenkirchen muss für seine neue Sprungschanze 17,24 Millionen Euro ausgeben – der Bau kostet 16,8 Millionen, der Rest geht für Abbruch, Anwälte und einen Unwetterschaden drauf. Diese horrende Summe erschüttert den Wintersport-Ort spätestens am 19. Oktober 2011 – an diesem Abend wird die Hiobsbotschaft im Gemeinderat offiziell verkündet.

Die neue Schanze ist zu diesem Zeitpunkt längst eingeweiht, nur 20 Monate nach Baubeginn: Schon am 21. Dezember 2007 war der Deutsche Jugendmeister Felix Schoft zum Jungfernflug angetreten. Der Zeitplan wurde also eingehalten.

Das Münchner Olympiastadion

Münzsammler haben ein architektonisches Kunstwerk finanziert: das Olympiastadion. 500 Millionen Mark flossen aus dem Verkauf der 10-Mark-Sondermünze in die Olympiabauten in München, die Menschen standen fürs Sammlerstück Schlange. Den Rest zahlten Bund, Land und Stadt.

Das Olympiastadion: Sein berühmtes Dach, eine Anlehnung an das ALpenpanorama, kostete zehn Mal mehr als ursprünglich gedacht.

Schon nach dem Ersten Weltkrieg ist klar: München braucht ein Großstadion, die Spielstätten des FC Teutonia am Oberwiesenfeld und das Grünwalder Stadion reichen nicht. Ein Jahr vor der Olympia-Bewerbung 1965 schreibt die Stadt einen Architektenwettbewerb aus – nach heftigen Debatten wählt man am 21. Juni 1968 das Hängedach von den Stuttgarter Architekten Behnisch+Partner, von Fritz Auer und Frei Otto. Gut ein Jahr später wird der Grundstein für das Olympiastadion gelegt, bis Ende 1971 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Am 1. April 1972 schließlich meldet das Olympische Komitee: „Der Stadionbau im Olympiapark ist fertiggestellt.“

Die Kosten, vor allem fürs Dach, explodieren – sie liegen am Ende über dem Zehnfachen des veranschlagten Preises. Erst sollte es aus Textil sein und nur 17 Millionen Mark kosten – später nimmt man die viel teureren Acrylplatten (geschätzt 115 Millionen). Letztlich kostet allein das Dach 168 Millionen, das Stadion 137 Millionen Mark. Kosten für die Olympia-Bauten insgesamt: zwei Milliarden Mark. Das erste Spiel im neuen Stadion: Deutschland gegen die UdSSR am 26. Mai 1972. Endstand 4:1.

Die Allianz Arena – das neue Stadion

Das waren noch Zeiten: Die Roten werden Meister, die Sechziger spielen im UEFA-Cup. Es ist das Jahr 1997, München ist Fußballstadt. Doch das Olympiastadion, schon immer als Leichtathletik-Arena kritisiert, ist in die Jahre gekommen. 1997 beschließt der FC Bayern, 500 Millionen Mark in eine neue Spielstätte zu investieren. Die Stadt aber würde lieber das Olympiastadion umbauen. Nach viel Streit, der das Verhältnis zwischen Ude und FCB noch immer belastet, einigen sich wenigstens die Roten und Blauen: Sie gründen im Januar 2001 ein Bündnis, wollen das erste rein privat finanzierte Stadion Deutschlands bauen.

Die Allianz Arena: Kompliziert am Stadion war die Vorgeschichte - die Finanzierung stemmten schließlich die beiden Münchner Vereine .

Die Stadt sucht jetzt einen Standort: Das Messegelände Riem, Freiham, der Olympiapark-Süd sind im Gespräch – es wird Fröttmaning. Per Bürgerentscheid (Oktober 2001) stimmen die Münchner mit deutlicher Mehrheit zu. Das Budget, bei dem es auch bleibt: 340 Millionen Euro. Ein Jahr später ist Spatenstich, der Bau soll 30 Monate dauern – es bleibt bei der angepeilten Eröffnung am letzten Maiwochenende 2005. Vor ausverkauftem Haus spielen der TSV 1860 gegen den 1. FC Nürnberg, der FC Bayern gegen die Nationalmannschaft. Allerdings gab es auch einen Schmiergeldskandal: Bei der Vergabe des Auftrags an die österreichische Baufirma Alpine waren 2,8 Millionen Euro an Karl-Heinz Wildmoser junior geflossen, der deshalb ins Gefängnis musste. Inzwischen gehört die Arena dem FC Bayern alleine, den Löwen fehlt das Kapital – das Verhältnis ist zerrüttet.

Die Kosten für die Infrastruktur ums Stadion, die die Stadt schultern musste, stehen auf einem anderen Blatt: 185 Millionen Euro sollten es sein, 200 Millionen wurden es.

Carina Lechner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Supermarkt-Mitarbeiter öffnen Bananenkisten - und machen seltsamen Fund
Ein Mitarbeiter eines Supermarktes räumt Bananen aus einer Kiste. Unter den Südfrüchten entdeckt er Päckchen - gefüllt mit Kokain. Bei diesem einen Fund bleibt es aber …
Supermarkt-Mitarbeiter öffnen Bananenkisten - und machen seltsamen Fund
Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord beteiligte sich an einer bayernweiten Kontroll- und Fahndungsaktion. Dabei nahmen sie vor allem Fernreisebusse ins Visier. 
Polizei nimmt Fernreisebusse ins Visier
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt
Ein jahrelanger Nachbarschaftsstreit in Unterfranken scheint zu eskalieren. Nun hat ein Mann seinem Nachbarn Schweinehoden an die Haustür gehängt. 
Schweinehoden an Haustür des Nachbarn gehängt
Anzeige statt Telefonnummer für Möchtegern-Casanova
Mit einer Verfolgungsjagd und einem riskanten Fahrmanöver hat ein Möchtegern-Casanova in Oberfranken die Handynummer einer Autofahrerin bekommen wollen.
Anzeige statt Telefonnummer für Möchtegern-Casanova

Kommentare