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Polizei vor der Flüchtlingsunterkunft in Waldkraiburg.

Gründe für die Gewalt

Nach Streit in Waldkraiburg: Darum kracht es so oft in Asylheimen

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Fürstenfeldbruck, Donauwörth, am Mittwochabend in Waldkraiburg: In bayerischen Asyl-Unterkünften kommt es immer wieder zu Krawallen.

München - In Waldkraiburg soll sich der Streit daran entzündet haben, dass einer 24-Jährigen ein „illegal angeschlossener Kühlschrank“ weggenommen werden sollte. Möglicherweise wollte die Frau in dem Kühlschrank Essen für die Nacht wegen des Ramadan aufbewahren. Sie wehrte sich heftig – und sollte deswegen in eine andere Unterkunft verlegt werden. Mehrere Flüchtlinge solidarisierten sich mit der Frau. Als rund 150 Polizeibeamte aus weiten Teilen Süd- und Ostbayerns anrückten, kam es zu Ausschreitungen: Polizisten wurden mit Steinen und Flaschen angegriffen. Drei Flüchtlinge und ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter wurden verletzt. Aber es gab auch eine Messerstecherei: Ein Flüchtling musste nach einem Stich in den Oberkörper per Hubschrauber in eine Münchner Klinik geflogen werden. Ein tatverdächtiger Bewohner wurde festgenommen.

Die Freien Wähler forderten die Staatsregierung auf, Konsequenzen zu ziehen – „bis hin zu Freiheitsentzug und Beendigung des Aufenthaltsrechts“: Waldkraiburg sei der Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der CSU-Asylpolitik.“

Doch warum kracht es eigentlich immer wieder in Asylunterkünften? Wir sprachen darüber mit Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat.

Sie wollen Flüchtlingen das Leben sauer machen

Auslöser des Krawalls in Waldkraiburg war laut Polizei ein „illegaler Kühlschrank“. Was ist das eigentlich?

Stephan Dünnwald.

Stephan Dünnwald: Flüchtlinge in solchen Erstaufnahmeeinrichtungen haben nur Anspruch auf einen Tisch, Stuhl, Bett, Spind – wenn die Leute nach längerer Zeit sich dann einen Kühlschrank anschaffen oder einen Teppich, verstößt das gegen die Hausordnung. Da wird gerne mit dem Brandschutz argumentiert – aber da dürften wir alle daheim keinen Kühlschrank haben. Wir sehen das als Teil der von der CSU-Regierung ausgerufenen Politik, das Leben für Flüchtlinge möglichst sauer zu machen, um sie zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen.

Was können Auslöser für solche Unruhen wie in Waldkraiburg sein?

Es ist die Enge in den Unterkünften, das Verdammtsein zur Untätigkeit – so werden aktiv Konfliktsituationen geschaffen. Wenn dann Konflikte eintreten, scheint es sich in Bayern einzubürgern, darauf mit Security oder gar einer Hundertschaft Polizei zu reagieren, statt Sozialdienste einzusetzen, um die Konflikte zu lösen. Erst schafft man Bedingungen, die kein normaler Mensch so hinnehmen würde. Und wenn es dann eskaliert, verstärkt durch die Sprachbarrieren, nimmt man es als Bestätigung: Diese Leute sind undankbar und sollen wieder gehen!

Wie sieht der Alltag aus?

Viele stehen gar nicht erst auf. Sie dürfen in den Erstaufnahmeeinrichtungen nicht kochen, nicht arbeiten – es gibt eigentlich keinen Grund aufzustehen. Sie hängen rum – und können dann nachts nicht einschlafen. Manche trinken. Sie haben keine Struktur im Alltag, sorgen sich um die Familie zu Hause. Dazu kommt die Ungewissheit: Sie haben einen Asylantrag gestellt, wissen aber nicht: Wann kommt die Anhörung, wann kann ich mit einer Entscheidung rechnen...

Und wie lange dauert es bis zu einer Entscheidung?

Das ist völlig unterschiedlich, das kann ein Jahr dauern, aber auch zwei, drei Jahre. Wir betreuen einen jungen Mann aus dem Kongo, der studiert in Landshut Informatik. Der hat noch keine Anhörung im Asylverfahren gehabt, ist aber schon seit vier Jahren da!

Kann ein Ausweisungsbeschluss Grund für Randale sein?

Wir erleben eher, dass diese Leute dann nach Frankreich oder Italien weiter flüchten. Bayern hat die Beratungsstellen zusammengestrichen – so sind sie oft nicht einmal darüber informiert, dass sie gegen den negativen Bescheid klagen könnten. Sie tauchen unter, werden illegal – in den jüngst geräumten illegalen Zeltstätten in Paris waren viele Afghanen aus Bayern.

Achten die Behörden darauf, in den Unterkünften beispielsweise Schiiten und Sunniten zu trennen, um mögliche religiöse oder ethnische Konflikte zu vermeiden?

Das ist den Behörden meist völlig egal. Man wartet darauf, dass es kracht – und wenn es kracht, verlegt man die Leute in andere Unterkünfte.

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