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Gunther Holtorf auf dem Dach von Otto irgendwo in Afrika.

26 Jahre und 900.000 Kilometer

Einmal im Auto um die Welt: Ein Abenteurer erzählt

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Gollenshausen - 215 Länder, 900.000 Kilometer, ein Auto: Gunther Holtorf aus dem Chiemgau war 26 Jahre lang in der Welt unterwegs. Er knutschte mit Elefanten, kurvte durch Nordkorea und traf die Liebe seines Lebens. Eine Geschichte über Abenteuer, Abschiede – und das Ankommen.

Als Gunther Holtorf, 77, zum letzten Mal in Otto hineinkrabbelt, spürt er den Schmerz. Abschiedsschmerz. Otto, das ist ein Mercedes-G 215, Baujahr 1988, hellblau. Er heißt so, weil Holtorf findet, dass ein Auto, mit dem man 26 Jahre verbringt, fast 900.000 Kilometer in 215 Ländern herumkurvt, einfach einen Namen braucht. Und weil Holtorf sich zwar jedes Dorf, durch das er fährt, merken kann, aber keine komplizierten Namen, heißt Otto Otto.

Es ist also gut drei Wochen her, Gunther Holtorf steht irgendwo in Schlesien, und er weiß: Das ist die letzte Nacht, die er im Otto auf der Matratze, 1,48 Meter breit, zwei Meter lang, verbringt. Wenn er morgen aufwacht, wird er seine Zudecke, Klappstühle und Klapptisch verstauen, sich mit Wasser aus dem Kanister auf dem Autodach waschen und auf den Fahrersitz steigen. Otto wird sofort anspringen, wie immer. Und dann beginnen sie, die letzten Kilometer der Weltreise von Gunther Holtorf, dem Abenteurer aus dem Chiemgau, und Otto, dem Auto. Letzte Station: Brandenburger Tor, Berlin, dort warten schon die Fotografen.

"Wenn du die Scheiße der Welt gesehen hast, schätzt du das hier"

Die Karte zeigt, wo Gunther Holtorf überall auf der Welt war. (Zum Vergrößern bitte hier klicken)

Jetzt steht Otto im Museum, dazu später mehr, und Gunther Holtorf sitzt auf seiner Terrasse in Gollenshausen, Chiemgau. Hinter der Hecke grüne Wiesen, Wald. Geht man fünf Minuten zu Fuß, schaut man auf Chiemsee und Kampenwand. „Es ist so schön hier“, sagt Holtorf und streckt die Arme aus. „Wenn du die Scheiße der Welt gesehen hast, schätzt du das hier.“ Die gute Luft. Die Ruhe. Bayern.

Seit Holtorf wieder da ist, tobt der Trubel um ihn, obwohl der Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde erst noch kommt – für die längste Reise mit einem Auto. Freunde, Filmteams, Reporter, sie alle wollen die Geschichten hören, die der 77-Jährige aus der Welt mitgebracht hat. Wie er als erster Autofahrer mit ausländischem Kennzeichen in Nordkorea war, als offizieller Staatsgast. In Kuba ebenso – der Bruder von Fidel Castro, ein Mercedes-Fan, hatte das eingefädelt. Oder wie er drei Monate durch China fuhr, unter strenger Aufsicht von drei staatlichen Aufpassern, die sich auf den Beifahrersitz quetschten. Auch die Anekdote ist gut: Irgendwo in Afrika, Gunther Holtorf schläft in der Hängematte, schreckt hoch – und schaut ins Gebiss einer Hyäne. Ein anderes Mal sitzt er auf Ottos Fahrersitz, die Kofferraumtür ist auf – da kitzelt ihn was Weiches am Ohr. Ein Elefantenrüssel. Oder das: Zwischen zwei Karibik-Inseln verschiffen sie Otto auf einer „Nussschale“, sagt Holtorf. Das Auto ist breiter als das Boot, 17 Stunden dauert die Fahrt über raue See – Holtorf sitzt derweil im Auto und denkt übers Ertrinken nach.

Wo ist es am schönsten? "In der Wüste. Wo kein Grashalm ist, kein Geräusch"

Aber die Sache, die natürlich alle brennend interessiert, ist die: „Wo ist es am schönsten?“ Er muss es wissen, bis auf eine Handvoll Länder, die zu gefährlich sind oder keine Straßen haben, hat er die Welt gesehen. Vor ihm auf dem Terrassentisch liegt die Karte mit der Reiseroute, Holtorf schaut drauf und sagt: „In der Wüste. Wo kein Grashalm ist, kein Geräusch.“ Den „Sound of Silence“ nennt er das. Den Klang der Stille. In dem Moment knattert ein Bulldog vorbei. Gunther Holtorf grinst. Willkommen daheim.

Gunther Holtorf mit seinem Otto in Berlin.

Aufgewachsen ist er in Göttingen. Vor über 30 Jahren aber zieht er nach Oberbayern, und das hat mit seiner allerersten Reise zu tun. Mit 15 will er mit einem Kumpel nach Österreich trampen, das ist damals noch richtiges Ausland. Sie schlagen am Irschenberg ihr Zelt auf, später am Königssee. Gunther verliebt sich – in die dicken roten Geranienbüsche, die über alle Balkone quellen. „Das hat mich geprägt“, sagt er. Am Fenster neben seiner Haustür hängen heute: Geranien. Hier sieht es aus, als ob Holtorf nie weggewesen wäre. Tatsächlich hat er in den Reisejahren immer wieder am Chiemsee vorbeigeschaut. Um zum Arzt zu gehen, zum Beispiel. Und immer wieder unterbricht er seine Reise für einen Trip nach Jakarta, Indonesien. Eine Geschichte für sich, sie ist das Fundament für die Weltreise.

Schon auf Reisen traf Gunther schließlich die Frau seines Lebens

Gunther Holtorf arbeitete früher als Lufthansa-Manager in Südamerika. Später schicken sie ihn nach Jakarta. Und dort nervt ihn eine Sache fürchterlich: Wenn er Gäste einlädt und den Weg beschreibt, gibt’s Chaos. Es existiert kein Straßenplan von dem Millionen-Moloch, und die uralten Karten aus holländischer Kolonialzeit sind auch für die Katz’. Also kritzelt Holtorf Wegbeschreibungen auf Zettel. Alle sind begeistert, vor allem die Fahrer. Holtorf macht weiter, er zeichnet Umgebungskarten, aus der Fliegerei kennt er sich aus mit Kartographie. Am Ende ist der erste Stadt-Atlas für Jakarta fertig, über 450 Seiten. Immer wieder fliegt er hin, läuft von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang die Gassen ab, und aktualisiert den Plan. „Eine Micky-Maus-Arbeit“, sagt Holtorf. Die Indonesier machen ihn zum Ehrenbürger – und er verdient Geld. Das braucht er, als er mit 51 seinen stressigen 7-Tage-Job als Geschäftsführer bei Hapag Lloyd hinschmeißt. Denn jetzt beginnt seine Zeit mit Otto. Und wenig später die Zeit mit Christine, der Frau seines Lebens.

Drei Mal ist Gunther Holtorf in seinen Manager-Jahren verheiratet. Mit der dritten Frau und Otto, den er extra dafür kauft, will er durch Afrika reisen. Aber die Ehe ist nicht stark genug für die Strapazen. Holtorf will weiterreisen, sucht per Kontaktanzeige eine Begleitung, und bald sitzt Christine, 34, blond, schlank, neben ihm, 53, im Otto. Sie verlieben sich – nicht auf den ersten Blick, aber dann gewaltig. Zusammen fahren sie fünf Jahre durch Afrika. Und weil es so schön ist, machen sie in Südamerika weiter. Und irgendwann beschließen sie, die ganze Welt sehen zu wollen. Manchmal wird es dramatisch. Als Christine, die in der DDR aufgewachsen ist, zum ersten Mal vor der New Yorker Skyline steht, weint sie vor Ergriffenheit. Sie wollen nochmal hin, doch beim zweiten Besuch Ende September 2001 stehen die Zwillingstürme nicht mehr. Der Anschlag. Wieder weint Christine. Manchmal ist es auch magisch. Einmal sitzen sie in der Wüste Afrikas, der nächste Mensch 100 Kilometer weit weg, und hören Beethoven. Ganz laut, mitten in der Stille, nur die beiden. Sie schlafen nie in Hotels, kochen jeden Abend auf dem Gaskocher. Das reicht zum Glück. „Wir waren wie siamesische Zwillinge“, sagt Holtorf und hakt seine Zeigefinger ineinander.

14 Tage nach der Hochzeit musste Gunther seine Frau beerdigen

Vor ihm liegt ein Stapel abgegriffener Blöcke. Er blättert darin und sagt: „Wenn ich die sehe, wird mir ganz anders.“ Es sind Christines Reisetagebücher, jeden Tag hat sie eine Seite vollgeschrieben, mit feiner Schrift: Erlebnisse, Speiseplan, Kilometerstand und Koordinaten. „Sie hat immer geschimpft, wenn Otto gewackelt hat, so dass sie nicht schreiben konnte“, sagt Gunther Holtorf und lächelt.

Christine starb im Sommer 2010. Sieben Jahre lang quält sie zuvor der Krebs. Manchmal ist sie stark genug zu reisen. Manchmal aber muss sie zurück an den Chiemsee, dann schickt sie Gunther und Otto alleine los. Als es ihr immer schlechter geht, heiraten die beiden im Standesamt Gollenshausen. 14 Tage später muss Gunther Holtorf seine Christine auf dem Friedhof nebenan beerdigen. „Sie wollte, dass ich die Reise vollende“, sagt er. „Sie hat immer gesagt, sie sitzt dann auf Wolke 13 und passt auf uns auf.“ Drei Wochen nach Christines Tod fährt er mit ihrem Sohn, den er adoptiert hat, nach Asien.

Gunther Holtorf gesteht: "Manchmal war es anstrengend"

Jetzt ist Schluss. „Man kann nicht für immer vagabundieren“, sagt Holtorf. Weltreise – das klingt nach Urlaub. „Aber manchmal war es anstrengend.“ In Madagaskar baut er einen Unfall, Otto überschlägt sich. Einmal hat er einen offenen Fuß, weil er sich eine Entzündung einfängt. Acht Mal erwischt ihn die Malaria, „die hab ich immer abgefackelt“, sagt Holtorf. Abgefackelt – eines seiner Lieblingswörter. Gibt es ein Problem, packt er an. Egal, ob Otto im Amazonas-Schlamm steckt – oder ägyptische Soldaten mit Kalaschnikows auf ihn zielen. Holtorfs Rezept gegen grimmige Grenzposten: ein Lächeln und die Karte mit der bisherigen Reiseroute. Hat meistens geklappt.

Jetzt will er sich ein Faltboot kaufen, im Winter zu Freunden in warme Länder fliegen – und ab und zu bei Otto vorbeischauen. Denn Christine hatte noch einen Wunsch. Dass ihr „Ottiliein“ nicht verschrottet wird. Deshalb steht er jetzt im Mercedes-Museum in Stuttgart, mit allem Drum und Dran – so, wie Gunther ihn neulich an Konzern-Chef Zetsche übergeben hat. Zur Feier gab es Sekt, drei Gläser. Eines für Gunther, eines für Otto, eines für Christine zum Gedenken. Und Holtorf dachte an eine Szene vor vielen Jahren in Kasachstan. Christine und er sitzen auf Ottos Motorhaube, mit Schampus stoßen sie auf 500.000 Kilometer an. Vor ihnen liegt der Rest der Welt.

Von Carina Lechner

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