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Der Rosenheimer Ex-Polizeichef vor Gericht.

Prozess um Gewalt auf Rosenheimer Revier

Gutachter belasten Ex-Polizeichef schwer

Rosenheim/Traunstein - Seltsame Erinnerungslücken bei Polizeibeamten. Und Gutachter, die Boxersprache sprechen: Tag zwei im Prozess gegen den ehemaligen Rosenheimer Polizeichef.

Das Traunsteiner Schwurgerichtsverfahren gegen den suspendierten 51-jährigen Polizeidirektor geht zügiger voran als erwartet. Nach zwei Prozesstagen wurde gestern die Beweisaufnahme abgeschlossen – trotz aller Widersprüche im Detail. Die Kernfrage, die bleibt allerdings: Ist der Bub nur einmal gegen die Wand geflogen? Oder wurde sein Kopf mehrmals dagegen geschleudert?

Am Tatort in der Wiesn-Wache wurden neben einem Zahnabdruck auch Blutspuren an der Wand gefunden, die ohne jeden Zweifel von dem 15-Jährigen stammen – ein „Blutspeichelgemisch“, wie es Gutachter Dr. Martin Schulz bezeichnete. Ein kurzer, stoßartiger Aufprall reicht in seinen Augen nicht aus, um die zwei Blutstreifen zu erklären: „Es muss zu einem mehrmaligen oder einem längeren Kontakt gekommen sein.“ Die Schilderungen des angeklagten ehemaligen Polizei-Chefs, wonach der Schüler aufgrund eines Schubsers unglücklich gestürzt sein soll, sei für die Blutanhaftungen keine plausible Erklärung. Das sah auch der Zahnspezialist Dr. Jan Künisch so. Auch biomechanisch betrachtet handelt es sich aus Sicht von Dr. Jiri Adamec um zwei Kraftrichtungen: „Eine von vorne gegen die Mundregion, die andere muss von unten gekommen sein.“ Der Sachverständige verglich es in der Boxersprache mit einem Uppercut, also einem Aufwärtshaken. Die Ohrfeigen passen laut Adamec nicht zu den Verletzungsbildern, ein einmaliger Stoß erkläre sie nur zum Teil. Dagegen ließen sie sich mit den Beobachtungen der Mutter gut in Einklang bringen. Sie hatte ausgesagt, ihr Sohn habe bei den Stößen teilweise den Kopf zur Seite oder nach hinten gedreht und ein Hohlkreuz gemacht, um das Gesicht zu schützen. Die sechs Polizeibeamten, die sich während der Festnahme des Schülers auf dem Festgelände und später in der Wiesn-Wache im Umfeld ihres Chefs bewegten, haben sich zwar alle darüber gewundert, dass der 15-Jährige plötzlich blutüberströmt auf der Bank saß und jedes Mal „austickte“, wenn der Angeklagte wieder den Raum betrat. Gesehen haben sie aber nichts – oder sie konnten sich im Zeugenstand nicht mehr erinnern. „Das ist 14 Monate her“, sagte ein 30-jähriger Beamter der Bereitschaftspolizei Dachau, der während der Wiesn als Führungsgehilfe kaum einmal von der Seite des Polizeichefs wich. Er hatte im September 2011 noch zu Protokoll gegeben, der Dienststellenleiter habe dem Buben in der Wache eine kräftige Watschn verpasst. Gestern wusste er aber nichts mehr von der Ohrfeige.

Nicht nur den Dachauer Polizisten, auch seine Kollegen musste der Vorsitzende Richter Erich Fuchs deshalb immer wieder mit ihren konkreteren Aussagen vom Herbst 2011 konfrontieren. Sichtlich genervt kommentierte er die Gedächtnislücken so: „Also können wir hier den Schluss ziehen, dass einer lügt. Die eine oder andere Seite.“

Ludwig Simeth

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