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Historiker Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität

Demjanjuk: Streit um Chancen zur Flucht

München - Musste er beim Massenmord an den Juden mitmachen - oder hätte er fliehen können? Auch die Aussage eines Gutachters konnte diese Frage im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher und Nazi-Helfer John Demjanjuk nicht eindeutig klären:

Immer wieder gab es ausländische Helfer der Nazis, denen die Flucht gelang. Diejenigen, die gefasst wurden, mussten jedoch auch mit der Todesstrafe rechnen, wie der Historiker Dieter Pohl am Mittwoch vor dem Landgericht München II erläuterte. Die nach ihrem SS- Ausbildungslager Trawniki genannten Hilfswilligen wurden erschossen oder gar vor versammelter Mannschaft aufgehängt. Im besten Fall, nämlich wenn die Trawniki nach einem Urlaub oder Ausgang unerlaubt dem Dienst fernblieben, gab es mehrmonatigen Arrest. Manche wurden auch mit KZ bestraft.

Der gebürtige Ukrainer Demjanjuk ist angeklagt, 1943 als Wachmann bei der Ermordung von 27 900 Juden in den Gaskammern des Vernichtungslagers Sobibor geholfen zu habe. Der heute 89-Jährige war als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft geraten und soll sich dann zur Kollaboration mit den Nazis entschieden haben. Die Anklage wirft Demjanjuk unter anderem vor, nicht geflohen zu sein und so auch nicht eine Beteiligung am Massenmord vermieden zu haben. Er habe in seiner dienstfreien Zeit die Möglichkeit zur Flucht gehabt - und er habe eine Schusswaffe besessen, was eine Flucht erleichtert hätte, argumentieren die Staatsanwälte.

Von den Aussagen des Gutachters sehen sich nun Verteidigung und Nebenklage gleichermaßen bestärkt. “Die Aussage des Gutachters entspricht dem in der Anklage formulierten Vorwurf“, sagt Cornelius Nestler, der eine Gruppe von Opferangehörigen vertritt. Es sei klar geworden, dass die Flucht möglich gewesen - und in einer Reihe von Fällen auch geglückt sei.

Für Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch, der sich erneut in wortreiche Auseinandersetzungen mit dem Vorsitzenden Richter Ralph Alt verstrickte, unterstreicht Pohls Aussage hingegen, dass Trawniki aus Befehlsnotstand handelten. “Unterstellt, er ist Trawniki gewesen, wäre eine Flucht mit der Todesstrafe beantwortet worden - und das ist nicht zumutbar.“ Auch das Motiv für eine Zusammenarbeit mit den Nazis sei nun noch einmal deutlich geworden: “Wenn man Trawniki wurde, wurde man das, weil man dem Hungertod in den Lagern entgehen wollte. Man hatte keine Wahl. Es ging um Leben oder Tod.“

Von rund 3,8 Millionen sowjetischen Gefangenen überlebten bis Mitte 1942 nur etwa die Hälfte. Sie seien bewusst schlechter behandelt worden als andere Gefangene, sagte Pohl. Wer besonders geschwächt war, wurde ermordet, die Gefangenen hausten teils in Erdlöchern. “Auch die Verpflegung war miserabel.“ Zugunsten von arbeitsfähigen Gefangenen wurde die Verpflegung schwächerer herabgesetzt - sie wurden praktisch dem Tod ausgesetzt. Hunderte Gefangene erklärten sich in dieser Lage zur Zusammenarbeit mit den Deutschen bereit und ließen sich im SS-Lager Trawniki ausbilden.

Während manche Trawniki sich die nationalsozialistischen Idee zu eigen machten, zerbrachen andere offenbar seelisch angesichts der grauenvollen Massenmorde. Über seinen Sohn, der als Trawniki in Sobibor eingesetzt war und unerlaubt in seinem Heimatort aufgegriffen wurde, klagte ein Vater: “Verschiedene Erlebnisse in Sobibor haben ihn so schwer erschüttert, dass er an einer Geistesschwäche leidet.“ Der Mann bekam laut Pohl zunächst vier Monate Haft. Ein Nazi- Funktionär wollte für ihn die Todesstrafe, da er als Wachmann im Vernichtungslager Geheimnisträger war - ob diese vollzogen wurde, ist nicht dokumentiert. In einem anderen Fall gab es in Sobibor einen gemeinsamen Fluchtversuch von zwei Trawniki und fünf Gefangenen - ein Gefangener und beide Trawniki wurden gefasst und getötet.

Die Schilderungen Pohls verfolgte der gesundheitlich angeschlagene Demjanjuk liegend und ohne jede Regung auf einem Rollbett, die blaue Kappe tief übers Gesicht gezogen - angeblich blendet ihn das Deckenlicht. Am Vortag hatte er sich auf dem Weg in den Saal ungewöhnlich agil gezeigt. Einem Fernsehteam der ARD sagte er vor laufender Kamera: “Was ist los? Ich bin nicht Hitler!“

dpa

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