+
Ein Arbeiter im Münchner Gefängnis Stadelheim. Die Bettgestelle aus der Schlosserei  werden im Gefängnis selbst benötigt.

Zum Fall Haderthauer

Billig-Arbeit im Knast: Wer profitiert?

  • schließen

München - Teure Modellautos von Mördern? In bayerischen Gefängnissen und Psychiatrien arbeiten jeden Tag tausende Insassen und kleben längst keine Tüten mehr. Doch wer profitiert von der billigen Arbeit hinter Gittern?

Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie in anderen Fabrikhallen: Männer im Blaumann sitzen um einen Tisch herum, sortieren und zählen Schrauben, Muttern, Unterlegscheiben, verpacken sie erst in Plastikbeutel, dann in Pappschachteln. Noch ein Etikett aufs Paket – nächster Beutel. So geht das hier jeden Tag von 7 bis 15 Uhr. Doch dann wartet auf die Männer nicht das Feierabendbier, sondern der Einschluss. Sie müssen zurück in ihre Zellen. Noch eine Stunde Hofgang, eine Dusche, um 17 Uhr geht die Tür zu und öffnet sich erst am nächsten Morgen wieder, kurz vor Dienstbeginn.

Wie hier im Münchner Gefängnis Stadelheim arbeiten jeden Tag mehr als 6000 Gefangene in bayerischen Justizvollzugsanstalten. Sie sortieren Schrauben für Schränke, verpacken Ersatzteile für Lastwagen, backen Brot, schweißen und reparieren Autos. „So eine Anstalt ist ein Mikrokosmos“, sagt Maria Asam-Wacht. Sie ist die Chefin der Arbeitsverwaltung im Gefängnis Stadelheim. Die Zahl ihrer Mitarbeiter, ändert sich jeden Tag – heute sind genau 379 Männer und 42 Frauen im Dienst. In Stadelheim sitzen fast nur Menschen in Untersuchungshaft und warten auf ihren Prozess. „Untersuchungshäftlinge müssen nicht arbeiten“, erklärt Asam-Wacht. Das ist bei verurteilten Straftätern anders: Wer körperlich dazu in der Lage ist, ist zur Arbeit verpflichtet.

Gehalt: 1,12 Euro pro Stunde

Das soll die Häftlinge vor allem auf ein Leben nach dem Gefängnis vorbereiten. „Die Gefangenen blühen irgendwie auf, wenn sie arbeiten“, sagt Asam-Wacht. „Die wissen abends in der Zelle, sie haben etwas geschafft.“ Wegen des Geldes arbeitet hier niemand. Wer Schrauben verpackt – eine einfache, aber eintönige Arbeit – bekommt dafür genau 1,12 Euro pro Stunde. Wer zuverlässig ist, wird befördert und bekommt 10 Cent mehr. Für anspruchsvollere Arbeiten gibt es maximal 1,87 Euro pro Stunde.

Nicht viel, wenn man bedenkt, dass die Gefangenen mit ihrer Arbeit durchaus Werte schaffen. Spätestens seit der Affäre um die Modellbaufirma des Ehepaars Haderthauer gibt es eine Debatte, wer eigentlich von der billigen Arbeit profitiert, die Gefangene und psychisch kranke Straftäter leisten. Unter Aufsicht des Dreifachmörders Roland S. ließ die Firma der Haderthauers in Psychiatrien Modellautos bauen, die später für fünfstellige Beträge weiterverkauft wurden. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ministerin Christine Haderthauer (CSU) und ihren Mann Hubert wegen des Verdachts des Betruges an einem Geschäftspartner.

Bayerische Gefängnisse stecken in einem Dilemma

Die Gefängnisse stecken in Bayern in einem Dilemma: „Es soll sinnvolle, wirtschaftlich ergiebige Arbeit sein“, erklärt Asam-Wacht. Gleichzeitig sollen sie der freien Wirtschaft keine Konkurrenz machen. Josef Legge hat erlebt, wie seine Kollegen draußen reagieren, wenn sie glauben, dass der Knast die Preise drückt. „Das gab richtig Probleme“, erzählt er. Legge kann es nicht leiden, wenn man ihn Schließer oder Wachtmeister nennt. Er trägt keine Uniform, sondern ein graues T-Shirt mit schwarz-rot-goldenen Streifen an den Ärmeln und am Kragen. Legge ist Justizvollzugsbeamter und Bäckermeister – seit 22 Jahren schon. Jeden Morgen ab Viertel vor sechs steht er mit einem knappen Dutzend Häftlingen in der Stadelheimer Backstube. Mehr als 126 Tonnen Weißbrot und 10 000 Stück Kuchen haben sie im vergangenen Jahr gebacken. Das meiste wird im Gefängnis selbst verbraucht. „Wir verkaufen nur noch an soziale Einrichtungen“, sagt Legge. Altenheime und Schulen bestellen bei ihm. Sonst gibt es Ärger mit der Bäcker-Innung. Die betrachtet 1,25 Euro für fünf Semmeln als Kampf-Preis.

Auch in der Stadelheimer Autowerkstatt kosten Reparaturen weniger als draußen. Viele Bedienstete der Anstalt, aber auch Bürger, die nichts mit dem Gefängnis zu tun haben, bringen ihre Autos vorbei. Wie viel die Reparaturen genau kosten, will Maria Asam-Wacht lieber nicht verraten. „Die Preise sollen an die freie Wirtschaft angepasst sein“, sagt sie. Diese Auskunft bekommt man auch beim bayerischen Justizministerium. Aber was heißt das genau?

Die Gefängnisse dürfen die Preise selbst aushandeln mit ihren Vertragspartnern und müssen damit „die Selbstkosten der Anstalt abdecken“, teilt das Ministerium mit. Neben dem Mini-Gehalt der Häftlinge überweisen die Gefängnisse auch pro Arbeitsstunde 3,58 Euro an die Arbeitslosenversicherung. Außerdem müssten „anteilige Personalkosten“ für die Sicherheitsvorkehrungen umgelegt werden. Doch trotz dieser Vorgabe erwirtschaften die Gefängnisse längst nicht so viel, dass sie damit ihre Kosten decken könnten. Jeder Häftling kostet pro Tag in Stadelheim rund 85 Euro, sagt Asam-Wacht. Im vergangenen Jahr nahmen die Arbeitsbetriebe in bayerischen Gefängnissen insgesamt 46 Millionen Euro ein, Stadelheim erwirtschaftete 2,5 Millionen Euro – ein Bruchteil der Kosten.

Profitieren Unternehmen von der Billig-Arbeit?

Verkaufen die Gefängnisse die Arbeit der Gefangenen also zu billig? Können private Unternehmen davon profitieren, dass der Staat draufzahlt? Denn nicht nur ein paar private Autos werden in den Anstalten repariert. Andere Arbeiten, wie das Sortieren der Schrauben oder das Verpacken von Ersatzteilen, sind Aufträge von externen Unternehmen, die im Knast arbeiten lassen.

Welche Firmen das sind, hält das Ministerium geheim. Aber es sind viele. Allein in Bayern gibt es Verträge mit 154 Unternehmen, nur so viel darf die Öffentlichkeit wissen. Es gebe „schutzwürdige Interessen der Unternehmen an der Geheimhaltung ihrer geschäftlichen Aktivitäten“, teilt das Ministerium mit. „Bei einer Veröffentlichung der Geschäftsbeziehungen bestünde die konkrete Gefahr, dass diese sich zurückziehen und die entsprechenden Arbeitsplätze wegfallen würden.“

Tatsächlich ist die Bandbreite der Unternehmen groß, die auf Knastarbeit setzen. Nach Informationen unserer Zeitung reicht sie vom mittelständischen Likörhersteller, der Teile der Verpackung im Gefängnis fertigen lässt, bis zum Daxkonzern. In Stadelheim verpacken die Häftlinge unter anderem Ersatzteile in Kisten, auf denen das MAN-Logo abgebildet ist. Beim Münchner Lastwagenbauer weiß man auf Nachfrage nichts von einer Kooperation mit einem Gefängnis. Möglich ist auch, dass ein Zulieferer den Vertrag mit der Anstalt geschlossen hat.

Ihre Kalkulation müssen Firmen, die im Gefängnis arbeiten lassen, nicht offenlegen, und auch an späteren Gewinnen werden die Gefängnisse nicht beteiligt. Dass man sich an den Marktpreisen orientiere, heißt laut Ministerium: „Der Unternehmer könnte diese Leistungen also auch anderweitig zu einem entsprechenden Preis einkaufen.“

Aber wo würde man solche Preise bekommen? Nicht unbedingt in Deutschland. Die Gefängnisse werben offensiv damit, dass ihre Produktionsmöglichkeiten eine Alternative zur Verlagerung von Stellen ins Ausland sind. Viele Jobs wandern trotzdem ab. Früher hätten die Gefangenen viel genäht, erzählt Maria Asam-Wacht. Doch diese Arbeiten finden inzwischen fast ausschließlich in China statt.

Manche Häftlinge schaffen einfachste Arbeiten nicht

Sven Thiel bietet die Arbeitstherapie für Häftlinge an, die keinem geregelten Job nachgehen können.

Die Veränderung der Arbeitswelt macht auch vor Gefängnismauern nicht halt. Fachkräfte bekommt man immer schwieriger. „Früher hatten wir Stammkundschaft“, sagt Bäcker Legge. Immer wieder kamen die gelernten Kräfte wegen kleinerer Straftaten hinter Gitter. Die werden immer seltener. Heute backen vor allem ungelernte Häftlinge in Stadelheim. Doch manche Häftlinge schaffen auch einfachste Arbeiten nicht. Wer psychische Probleme hat, landet oft bei Sven Thiel in der Arbeitstherapie. „Wir fangen ganz unten an“, sagt der Justizvollzugsbeamte, der eine Fortbildung zum Arbeits- und Gewalttätertherapeuten gemacht hat. Hier geht es nicht darum, mit der Arbeit Produkte zu schaffen, die sich verkaufen lassen. Hier wird getöpfert und gehäkelt. Oft bauen seine Jungs aus Holz Vogelhäuschen, die später auf dem Weihnachtsmarkt verkauft werden. „Das ist dann auch ein Erfolgserlebnis für die Gefangenen“, sagt Thiel. Die im Gefängnis entstandenen Produkte selbst zu verkaufen, ist ein Trend. Viele Bundesländer haben inzwischen eigene Online-Shops eingerichtet. Unter www.knastladen.de findet man zum Beispiel alles aus den Gefängnissen in Nordrhein-Westfalen. Neben Holzspielzeug und Möbeln gibt es vor allem Skurriles: Das Gefängnis Moers-Kapellen produziert das Brettspiel „Ohne Bewährung“. Den Zweierpack Notizbücher, gebunden in original aussortierter Knastbettwäsche gibt es für sieben Euro. Das Buch „Kochen hinter Gittern – Rezepte für Männer ohne Furcht und Adel“ kostet 15 Euro. Die durchaus modischen Umhängetaschen „Jailers“ aus LKW-Plane werden stilecht mit Miniatur-Handschellen verschlossen, und in jeder Tasche ist ein „Steckbrief“ des Gefangenen eingenäht, der sie hergestellt hat.

Manche Produkte wirken fast wie eine kleine Zusatzbestrafung: In einem niedersächsischen Knast nähen Gefangene ausgerechnet Roben für Richter und Staatsanwälte, in Nordrhein-Westfalen müssen einige Häftlinge sogar Gitter für Gefängnisse zusammenschweißen. Da würde mancher sicher lieber Schrauben zählen.

Philipp Vetter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Auto stürzt in die Donau - Fahrerin tot
Ein Auto ist im Kreis Dillingen in die Donau gefahren. Taucher fanden am Samstagnachmittag die Fahrerin im Wageninneren.
Auto stürzt in die Donau - Fahrerin tot
Falkenhütte wird saniert: Riesen-Projekt für 6,3 Millionen
Es ist das größte Hüttenbauprojekt, das die Alpenverein-Sektion Oberland je in Angriff genommen hat: Ab September wird die Falkenhütte im Karwendel für 6,3 Millionen …
Falkenhütte wird saniert: Riesen-Projekt für 6,3 Millionen
Gefahr für Schwammerlsucher - Bereits 200 Anrufe bei Giftnotruf
Der nasse Sommer lässt die Pilze sprießen. Kundige Sammler füllen ihre Körbe für einen leckeren Schmaus. Doch gleichzeitig vergiften sich immer wieder Menschen.
Gefahr für Schwammerlsucher - Bereits 200 Anrufe bei Giftnotruf
News-Ticker: Diesen Münchner im Himmel brachte der Orkan in Schieflage
Ein Unwetter war angekündigt worden - doch es kam heftiger als befürchtet. Orkanböen und dicke Regenwolken sind über Bayern hinweggezogen und haben deutliche Spuren …
News-Ticker: Diesen Münchner im Himmel brachte der Orkan in Schieflage

Kommentare