In der schwarzen Tube befindet sich richtiges Pfefferspray, die blaue beinhaltet Wasser – zu Übungszwecken. foto: mmä

„Das Beste, was zur Verfügung steht“

Hätte Pfefferspray den Starnberg-Angreifer aufgehalten?

München - Pfefferspray soll den Einsatz von Waffen verhindern. Und Polizisten vor Angreifern schützen. Es wirkt in etwa sieben von zehn Fällen. Aber was, wenn nicht? Über Alternativen wird intern längst diskutiert. Gerade nach Vorfällen wie in Starnberg.

Stefan Potrykus (46) hat eine Menge Zeug am Gürtel, das im Zweifel sein Leben retten könnte. Pistole, Schlagstock, Handschellen. Und eine schwarze Tube, die aussieht wie der abgebrochene Griff eines Fahrradlenkers – Pfefferspray. Es gehört zur Standardausrüstung eines Polizisten, soll einen Angreifen außer Gefecht setzen, ohne ihn zu verletzen. Potrykus, Einsatz-Trainer bei der Bereitschafts-Polizei München, hält es für das zuverlässigste Mittel auf dem Markt. Aber ist es zuverlässig genug?

Man könnte ins Zweifeln geraten. Gerade nach dem Fall jenes 73-Jährigen, der Anfang Juni in der Starnberger Polizeiinspektion erschossen wurde. Die Beamten hatten zunächst mit Pfefferspray versucht, den Rentner aufzuhalten. Ohne Erfolg.

Verfechter des Pfeffersprays: Stefan Potrykus ist Einsatz-Trainer bei der Bereitschafts-Polizei München.

Eines von wenigen Beispielen, sagt Potrykus. Das Spray, schätzt er, wirke „in sieben oder acht von zehn Fällen“. Funktioniert es nicht, liegt die Ursache nicht beim Polizisten, sondern beim Gegenüber. Drogen, sehr viel Alkohol oder „hohe Erregungszustände“ können unempfindlich machen. „Selbst wenn man viel Scharfes isst, ist man unempfindlicher.“ Grund: Das Spray, das aus dem Fruchtfleisch der Chili-Pflanze gewonnen wird, wirkt über Schmerz-Rezeptoren auf der Haut. Der Getroffene kriegt seine Augen nicht mehr auf. Rauschmittel, sagt Potrykus, könnten die Übertragungswege zum Hirn aber stören.

Bei der Polizei weiß man um die Fehlbarkeit des Mittels. Potrykus trainiert mit seinen Schülern Gefahrensituationen. Ein Beispiel: Der Betrunkene am Bahnhof, der, hochaggressiv, Unbeteiligte bedroht und verletzt. „Wir simulieren Stress“, sagt er. „Und den Fall, dass das Pfefferspray nicht funktioniert.“ Die Beamten müssen selbst entscheiden, wie sie vorgehen. Die Waffe ziehen wie in Starnberg? Es gibt kein Rezept, sagt Potrykus. Situationen einschätzen zu können, gehöre zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Polizisten.

Kritikern ist das zu heikel. Der SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Bayern (GdP), Harald Schneider, etwa fordert wirkungsvollere Mittel. „Viele Polizisten haben die Erfahrung gemacht, dass das Spray relativ unwirksam ist“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Aggressoren stünden oft unter Einfluss von Rauschmitteln. So steige die Fehlerquote per se – und mit ihr die Gefahr für Beamte und Angreifer.

Auch der aktuelle GdP-Vorsitzende Helmut Bahr ist für Gedankenspiele offen. „Die Frage ist, ob man in zukunft effektivere Mittel einsetzt.“ Diskussionen über den Nutzen des Sprays gebe es immer wieder. „Ich bin gerne bereit, über alles zu reden.“

Als Mann der Praxis kennt Stefan Potrykus kein Mittel, das dem Pfefferspray überlegen wäre. Taser, die ähnlich wie Elektroschocker wirken und in den USA verbreitet sind, kommen immer mal wieder in die Diskussion. In Bayern gibt es sie nur in Spezialeinheiten. Der Polizei-Trainer sagt: „Die Erfahrungen sprechen dafür, dass sie auch dort bleiben.“ Wirksamere Mittel sind ihm nicht bekannt. Allenfalls große Pfeffersprays. „Die spritzen dann eben sieben und nicht vier Meter weit.“

Alternativen sind also allenfalls theoretisch ein Thema. Das Spray, sagt Potrykus, habe das beste Verhältnis zwischen Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit. Heißt: Dafür, dass es keine Waffe ist, und sich mit Wasser ausspülen lässt, wirkt es ziemlich intensiv – wenn es denn wirkt.

Marcus Mäckler

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