Ein krähender Hahn auf einem Misthaufen.
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Kräht der Gockel auf dem Mist, schwillt manchem Anwohner der Kamm. Das ist zwar keine Bauernweisheit, aber immer wieder Realität.

Neues Gesetz in Frankreich

Hahnenschrei als Kulturerbe: Ein Modell auch für Bayern?

  • Dominik Göttler
    vonDominik Göttler
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Krähende Hähne und der Gestank von frischem Mist: Frankreich will Geräusche und Gerüche auf dem Land unter Schutz stellen – und Konflikte zwischen Zugezogenen und Landbevölkerung entschärfen. Ein Vorbild für Bayern, wo Kuh- und Kirchturmglocken regelmäßig die Gerichte beschäftigen?

  • In Frankreich werden Geräusche und Gerüche auf dem Land unter Schutz gestellt.
  • Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl wünscht sich eine Debatte auch für den Freistaat.
  • Politiker halten die Idee für charmant, appellieren aber an den gesunden Menschenverstand.

München – Das Bimmeln der Kuhglocken in Holzkirchen, der Schrei eines Hahns in der Hallertau, oder das Läuten der Kirchenglocken in Gilching* – all diese Geräusche haben Anwohner in den vergangenen Jahren derart auf die Palme gebracht, dass sie deshalb vor Gericht gezogen sind. Die Ergebnisse waren unterschiedlich: Während der Hallertauer Hahn gemäß Gerichtsurteil zum Schweigen verdonnert wurde, durften Kuh- und Kirchenglocken in den behandelten Fällen weiter läuten, wenn auch teilweise mit Einschränkungen.

Nachbarschaftsstreitigkeiten über Gerüche und Geräusche auf dem Land erhitzen regelmäßig die Gemüter – und gipfeln häufig in einer giftigen Debatte über Zugezogene und deren Verständnis von einem unbehelligten Landleben. Doch nicht nur in Bayern schwelt diese Debatte, auch die Franzosen kennen den Konflikt. Dort hat das Parlament in Paris nun ein Gesetz verabschiedet, mit dem Ziel, das sogenannte sensorische Erbe der französischen Landschaften zu definieren und zu schützen. Quakende Frösche, der Gestank von Mist und andere Geräusche und Gerüche sollen dort im Umweltgesetzbuch verankert werden. Was genau zum regionalen Erbe gehört, dürfen die einzelnen Départements nun selbst definieren. Damit sollen Nachbarschaftsstreitigkeiten zwischen Zugezogenen und Einheimischen verhindert werden. Auslöser für die französische Gesetzesinitiative war Hahn Maurice von der Atlantikinsel Ile d’Oléron, über dessen morgendlichen Ruf vor Gericht gestritten wurde. Maurice brachte es damit zu Weltruhm – und wurde zum Symbol des Landlebens in Frankreich, zumal der gallische Gockel auch das Wappentier der Franzosen ist.

Bayerns Bauern loben den französischen Weg

Bei Bayerns Bauern findet der französische Weg großen Zuspruch. „Ich gratuliere den Franzosen zu diesem Gesetz“, sagt Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl. „Eine solche Diskussion würde ich mir für Bayern auch wünschen.“ Das Pariser Gesetz sei ein klares Zeichen, dass das Land nicht nur Erholungsraum für Städter ist, sondern ein eigenes Selbstverständnis und eine eigene Identität besitze. „Der französische Weg wird sicher nicht alle Probleme lösen. Aber es ist ein Zeichen, dass man den ländlichen Raum ernst nimmt“, sagt Heidl. Es wundere ihn nicht, dass so eine Initiative ausgerechnet in Frankreich aufkomme. Schließlich würden die Franzosen ihre Lebensmittel ganz anders wertschätzen als die Deutschen. „Bei uns würde höchstens eine Geiz-ist-Geil-Mentalität geschützt werden.“

Bayerns stellvertretender Ministerpräsident Hubert Aiwanger (FW) findet die französische Idee spannend. Damit wisse jeder, der aufs Land ziehe Bescheid. „Streit, auch vor Gericht, kann so vermieden werden.“ Debatten wie die über den Backgeruch bei einer Rottach-Egerner Bäckerei wären damit überflüssig, glaubt Aiwanger. Er appelliert aber gleichzeitig zu mehr gesundem Menschenverstand. „Dann würde man sich gesetzliche Regelungen sparen.“ Denn: „Wenn wir so weit sind, dass wir den Bäcker und den Landwirt gesetzlich unter Schutz stellen müssen, lässt das tief blicken.“

Ilse Aigner appelliert an die Vernunft der Zugezogenen

Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU), die sich etwa im Holzkirchner Kuhglockenstreit klar pro Glockengeläut aussprach, hofft, dass Bayern nicht so weit gehen muss wie Frankreich. Wichtig sei, dass die Menschen im Gespräch bleiben und auch die Zugezogenen im Lauf der Zeit die Gerüche und Geräusche als das schätzten, was sie sind: „Ein Teil eines dörflichen Lebens und unserer bayerischen Kultur.“

Ganz ähnlich klingt das im bayerischen Landwirtschaftsministerium: Zwar sei die französische Idee charmant, um Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Bauern auszudrücken, teilt ein Sprecher mit. Fraglich sei aber, ob damit einzelnen Streitfällen wirklich vorgebeugt werde. Das Ministerium wolle daher lieber auf den Dialog zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft setzen.

Der französische Gockel Maurice hat von dem neuen Gesetz zum Schutz seines Krähens übrigens nichts mehr. Er starb im vergangenen Frühjahr an einem Schnupfen. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netztwerks.

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