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Aspekte einer problematischen Geschichte: Das Hakenkreuz auf dem Nepal Peak (1939).

Hakenkreuz und Edelweiß

München - Eine Wolldecke vom „Hermann-Göring-Haus“, eine Anschlagtafel „Juden nicht erwünscht“, hitzige politische Debatten in Gipfelbüchern – der Alpenverein entdeckt seine braune Vergangenheit. Schon wird diskutiert, ob der Gipfelgruß „Berg heil“ politisch erledigt ist.

Eins vorweg: Die Geschichte des Alpenvereins in den 1920er und 1930er Jahren ist nicht nur ein Kapitel in der Geschichte des Nationalsozialismus. Gleich am Eingang der Ausstellung „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen von 1918 bis 1945“: Eine Gedenkwand für die unbekannten Opfer. Alois Breitschaft: Tod 28./29. Juli 1924, abgestürzt in der Watzmann-Ostwand. Anna Lechner: Tod 1. Juli 1926, abgestürzt an der Höllentalspitze (Wetterstein). Oder Karl Hauf: Tod 20. Januar 1935, umgekommen in einem Schneesturm am Krottenkopf (Estergebirge). Über 500 Tote forderte die Eroberung der europäischen Alpen, ergab eine Durchsicht der Alpenvereins-Mitteilungen von 1918 bis 1937. Und gleichzeitig stieg die Zahl der Bergfans, es gab neue Techniken – Steigeisen mit Frontalzacken, der Akademikerpickel – und es gab plötzlich auch Bergsteigerinnen, supergute wie die Karakorum-Erforscherin Hetti Dyhrenfurth noch dazu.

Bereits vor einem Monat erschien ein opulenter Aufsatz- und Bildband des Alpenvereins zur Geschichte des Bergsteigens (wir berichteten), in dem jeder für sich diese ziemlich spannende Bergsteiger-Geschichte erobern kann. Die Ausstellung, die am Donnerstag öffnet, konzentriert sich stärker vielleicht als das Buch auf die deutschnationale bis nationalsozialistische Durchwirkung des Vereins mit dem Edelweiß im Emblem. „Auch für mich war es überraschend, wie früh dies geschah“, sagt Friederike Kaiser, Kulturchefin des Vereins, die die Ausstellung konzipiert hat. „Ausgegrenzt“ heißt das Kapitel, das da ins Auge sticht. Buchstäblich, denn die weiße Anschlagtafel mit der Aufschrift „Juden und Mitglieder des Vereines Donauland sind hier nicht erwünscht“ fällt sofort auf. Der Verein Donauland war die Sektion, in der besonders viele Juden organisiert waren. Schon 1924 fällte der Deutsche und Österreichische Alpenverein den Trennungs-Beschluss. Später, in der NS-Zeit, diente sich der Alpenverein den NS-Machthabern geradezu an. Nicht jeder machte mit. „Sau Hitler“, hieß es in einem Gipfelbucheintrag. Doch der später als Kriegsverbrecher hingerichtete Arthur Seyss-Inquart bekam die Vereinsführung, und Hermann Göring sogar eine Hütte im Ötztal. Heute heißt das Haus „Martin-Busch-Hütte“. Von dort stammt auch ein besonderes Objekt: eine Wolldecke mit Namensaufdruck, die nach 1945 einfach umgenäht wurde. Entnazifizierung leicht gemacht.

Die deutschvölkische Haltung führt Kuratorin Friederike Kaiser auf den elitären Habitus der Spitzenbergsteiger zurück, dem des einsamen Helden mit Todesverachtung, eine Denkfigur, die sich schon bei Nietzsche findet. Darüber darf diskutiert werden in einer Ausstellung, die gleichzeitig ja den Spagat versucht: Sie will die Nazivergangenheit aufdecken und bergsteigerische Pionierleistungen gerecht würdigen. Letzteres geschieht im Kapitel „Helden“ mit 18 Porträts und auf Tafeln mit Europas schwierigsten Wänden.

Ob jedoch eine von Friederike Kaiser angezettelte Debatte über den politisch korrekten Gipfelgruß weiterführt, steht dahin. „Berg Heil“ habe man die Ausstellung nicht ohne Absicht genannt, sagt Kaiser. Sie hat in der Dezember-Ausgabe des Vereins-magazins den politischen Missbrauch des Grußes in der NS-Zeit dargestellt. „Trotz meiner Liebe zu Traditionen werde ich nicht mehr deutschnational oder gar deutschvölkisch grüßen.“ Wie Kaiser sagte, hat sie dazu eine Flut von Zuschriften erhalten. Die Vergangenheit ist alles andere als vorbei.

Die Ausstellung

Alpines Museum, Praterinsel 5; ab Do. bis 24. Juni; geöffnet Die.-Fr. 13-18 Uhr, Sa. u. So. 11-18 Uhr

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