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Von gespenstisch bis verdutzt: Wie so ein Halloween-Kürbisgesicht dreinschaut, ist in der Regel ganz der Phantasie des Schnitzers überlassen.

"Süßes oder Saures?"

Halloween: Fremde Fratzen machen Straßen unsicher

München - Komisch, was? Dieser Tage tragen die Kürbisse Fratzen, die Kinder bitten an fremden Türen um Süßes und wer dem nicht folgt, bekommt, genau, Saures. Halloween ist den meisten Menschen ziemlich fremd.

Dabei hat es mehr mit uns zu tun, als wir glauben.

Der Untote ist nicht tot zu kriegen, schon gar nicht an Halloween. Das Vampir-Kostüm ist ein Dauerbrenner. Seien Sie also vorgewarnt: Freitagabend ziehen eine Menge dieser bleichen Gestalten um die Häuser und skandieren „Süßes oder Saures“. Vielleicht klopft es auch an Ihrer Tür.

In Bayern ist das, wie auch im Rest Deutschlands, lange kein Novum mehr. Der Halloween-Brauch hat sich hierzulande etabliert, vor den Häusern liegen Kürbisse mit Gesichtern, am Abend des 31. Oktobers steigen Kostümpartys, Kinder verlangen nach Süßem. Natürlich profitiert auch der Einzelhandel. Laut dem Verband der Spielwaren-Industrie geben Deutsche pro Jahr nur für Grusel-Kleidung 30 Millionen Euro aus.

Vielen ist der Trubel zwar noch fremd, zumal er am Vorabend des christlichen Allerheiligen-Fests stattfindet. Dabei sind sich Halloween und die hiesige Tradition gar nicht so fremd, wie man meint.

"Heischebräuche" waren üblich

Die Sache mit dem Süßigkeiten-Sammeln zum Beispiel gehört zu den „Heischebräuchen“. Die waren einst bei verschiedensten Gelegenheiten üblich, wie die Volkskundlerin Annegret Braun sagt. „Damals zogen Alte oder Kinder aus armen Familien um die Häuser und baten um Essen.“ Sie erheischten sich etwas. Die Bäuerinnen hatten längst Brote vorbereitet, nicht ganz uneigennützig, versteht sich. „Man hat gedacht: Wenn viele kommen und sich was erbetteln, gibt’s eine gute Ernte.“

Noch heute gibt es diese Bräuche, sagt Braun, etwa den Seelentag in Kiemertshofen (Kreis Dachau). Am 1. November ziehen die Schulkinder durch das 180-Einwohner-Dorf, rufen „Seelentag“ und kassieren dafür Süßigkeiten oder Geld. Mit Halloween wollen sie ausdrücklich nichts zu tun haben, aber die Parallele ist nicht zu übersehen.

So fremd ist der US-Import also nicht. Wobei man ehrlicherweise von einem Re-Import sprechen müsste. Denn das Fest hat seinen Ursprung in Europa, genauer: in Irland. Die Kelten, so eine Theorie, sollen schon vor 2500 Jahren zum Sommerende ihr Totenfest „Samhain“ gefeiert haben. Irische Einwanderer brachten Halloween dann im 19. Jahrhundert in die USA. Von dort aus gelangte es Stück für Stück wieder zurück nach Europa – und Bayern.

Dafür haben übrigens wiederum die Iren gesorgt. Diese Erfahrung hat man zumindest im Münchner Kostümverleih Breuer gemacht, wo das Geschäft an Halloween besonders gut geht. „Die ersten Anfragen hatten wir in den 80er-Jahren von irischen Kneipen“, sagt Inhaberin Waltraud Breuer. Die Kostümausleihen nahmen zu.

Mittlerweile, sagt Volkskundlerin Braun, sei der Trend abgeklungen. Zumindest merke sie das an ihren Studenten. Dass überhaupt fremde Bräuche übernommen werden, sagt sie, ist in Zeiten der Globalisierung normal. Halloween ist da längst nicht mehr das jüngste Beispiel. Das indische Holi-Fest im Frühling, bei dem man sich – grob gesagt – mit Farbbeuteln bewirft, ist so ein Beispiel. Die Berliner feierten es 2012 zum ersten Mal.

Münchner Pfarrer sieht Halloween "völlig entspannt"

Nun gut, längst nicht jeder fremde Brauch kann sich halten. Den Kirchen wäre es wohl am liebsten, wenn sie das auch von Halloween behaupten könnten. Katholiken fürchten um ihr Hochfest Allerheiligen, Protestanten um den Reformationstag am 31. Oktober. Muss nicht sein, findet Rainer Maria Schießler. Der Pfarrer der Münchner Pfarrei St. Maximilian steht Halloween „völlig entspannt“ gegenüber.

Auch er sieht den Brauch direkter mit unserer Tradition verbunden, als es vielen scheint. „Das ist ja nicht aus der Hölle gekommen“, sagt er. Im Gegenteil. „Halloween hat etwas mit Allerheiligen zu tun.“ Schon wegen des Namens „All Hallows’ Eve“ – der Vorabend von Allerheiligen. Vor allem aber stehe hier wie dort der Umgang mit der Angst vor Dunkelheit und Tod im Mittelpunkt. Außerdem macht Schießler eine ganz einfache Rechnung auf: „Die Kinder, die an Halloween bei mir klingeln, sind dieselben, die später als Sternsinger dabei sind.“

Beim Pfarrer Schießler gibt’s übrigens tatsächlich Süßigkeiten zu holen. Zu jeder Zeit. Auch an Halloween.

Marcus Mäckler

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