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Probleme mit einem Mäzen: die Hanns-Seidel-Stiftung (hier der Eingang zur Zentrale in München).

Nach Merkur-Bericht

Hanns-Seidel-Stiftung stoppt Musikpreis

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München – Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung verzichtet bis auf Weiteres auf die Verleihung ihres Volksmusikpreises.

Damit reagierte die Stiftung am Sonntag auf einen Bericht unserer Zeitung sowie des „Spiegel“ über die NS-Vergangenheit der beiden früheren Mäzene. Das Ehepaar Maria und Max Wutz aus Assenhausen bei Berg am Starnberger See hatte der Stiftung in den 80er-Jahren ein Villen-Grundstück sowie Geld vermacht. Aus diesem Vermächtnis wurde der Volksmusikpreis gestiftet, der bisher 428 Mal verliehen wurde.

Die Vergangenheit des Paares Wutz, das offenbar kinderlos gestorben war (die Frau 1983), solle jetzt durch unabhängige Sachverständige beleuchtet werden. „Bis zur Vorlage des Gutachtens wird es keine weiteren Preisverleihungen geben“, teilte ein Sprecher der Stiftung mit.

Wie berichtet, war insbesondere Max Wutz ein ganz früherer Förderer Adolf Hitlers. Er hatte im Juli 1921 das Amt des 2. Kassiers in der damals noch sehr kleinen Partei übernommen. Laut „Spiegel“ soll er schon im September 1919 zum NSDAP-Vorläufer DAP („Deutsche Arbeiterpartei“) gestoßen sein und sich auch als Finanzier des Propaganda-Organs „Völkischer Beobachter“ betätigt haben. Nach dem Verbot der Partei im Anschluss an den gescheiterten Hitler-Putsch 1923 soll das Ehepaar Wutz nicht mehr Mitglied der NSDAP gewesen sein. Was sie aber nicht daran hinderte, enge Beziehungen zu den Nationalsozialisten zu unterhalten. So durfte Maria Wutz, eine ausgebildete Sängerin, 1933 offenbar zum zehnjährigen Jahrestag des Hitler-Putsches bei einer Festveranstaltung in Anwesenheit von Hitler aus Wagners „Lohengrin“ singen. Näheren Aufschluss darüber dürfte ihr Nachlass enthalten, der sich in der Bayerischen Staatsbibliothek befindet.

Nach dem Tod von Maria Wutz sollen in der Villa am Starnberger See NS-Devotionalien gefunden worden sein – unter anderem der „Blutorden“, den Hitler-Anhänger für ihre Teilnahme am Putsch 1923 bekamen. Laut „Spiegel“ nahmen Mitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung damals den Orden an sich, ebenso die in der Villa verwahrten Waffen. Das Areal wurde zeitnah verkauft, der Erlös floss ins Vermögen.

Der Verbleib der Devotionalien wird jetzt ebenso zu klären sein wie die Frage, warum die Hanns-Seidel-Stiftung nicht früher die delikate Angelegenheit vernünftig aufarbeitete. Spätestens 2010, das ergaben Recherchen unserer Zeitung, wusste sie Bescheid. Damals fragte das NS-Dokumentationszentrum München, das über frühe NSDAP-Anhänger forschte, wegen Wutz offiziell bei der Stiftung nach. Daraufhin wurde seitens der Stiftung die Entnazifizierungsakte von Max Wutz im Bayerischen Staatsarchiv München eingesehen – und der Name Wutz getilgt.

Die Bayern-SPD sieht einen „enormen Schaden“ für die CSU-Stiftung. Es sei schon „bemerkenswert, dass man keinen Ton davon gehört hat seit 2010“, sagte Generalsekretärin Natascha Kohnen. Sie empfehle, die genauen Testamentsbedingungen umgehend offenzulegen. Denkbar sei, das Wutz-Vermögen statt in die Volksmusik in Projekte zur Aufklärung gegen rechtsextremes Gedankengut zu stecken.

Dirk Walter und Christian Deutschländer

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