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Zwei Himmelsgucker: Physikprofessor Harald Lesch neben dem Teleskop der LMU-Sternwarte.

Harald Lesch im Interview

„Wir atmen Licht ein“

München - Der Physiker und TV-Moderator Harald Lesch spricht im Interview über Strahlung und romantische Sonnenuntergänge.

Warum ist Licht für das menschliche Auge nur teilweise sichtbar? Welche Probleme brächten Reisen mit Lichtgeschwindigkeit hervor? Harald Lesch gibt Antworten. Doch einige Rätsel des Lichts kann selbst er nicht lösen.

Herr Lesch, wann haben Sie sich zum ersten Mal gefragt, was Licht ist?

Noch nie.

Wirklich nicht?

Naja, irgendwann habe ich eine Erklärung gehört. Da dachte ich: Aha, soso. Das war‘s.

Dann wissen Sie also jetzt, was Licht ist?

Nö. Ich hab immer noch keine Ahnung, was Licht ist. Ich kann es erklären, ich kann ein paar Definitionen dafür geben, aber was Licht wirklich ist, das weiß, glaube ich, niemand.

Und wie erklären Sie Licht?

Wenn wir über Licht sprechen, meinen wir vor allem das sichtbare Licht. Es beginnt beim roten Licht, mit den langen Wellenlängen, und endet beim blauen Licht. Das hat ganz kurze Wellenlängen. Dazwischen gibt es gelb, grün und alle möglichen anderen Farben.

Wie in einem Regenbogen?

Ja genau. Ein Regenbogen entsteht ja, wenn Sonnenstrahlen auf Regen treffen. Der Regen zerlegt das Licht wie ein Prisma. Wie bei der großen Entdeckung von Isaac Newton. Der leitete weißes Licht in einem völlig dunklen Raum durch ein Prisma - und auf einmal taten sich diese ganzen Farben auf.

Das ist das sichtbare Licht. Aber was ist mit dem unsichtbaren?

Der unsichtbare Teil auf der einen Seite ist das infrarote Licht. Der unsichtbare Teil auf der anderen Seite ist das ultraviolette Licht. Das sichtbare Licht ist nur ein winziger Teil des Ganzen. Das ultraviolette Licht ist dem Leben ja eher nicht zuträglich. Zu viel ultraviolette Strahlung bedeutet für uns mindestens eine Schädigung der Epidermis.

Harald Lesch im Video

Also Sonnenbrand?

Ja, genau. Ähnlich schädlich ist das Licht auf der anderen Seite: bei den langen Wellenlängen. Bei infrarotem Licht oder Mikrowellen etwa. Man kann sich mal überlegen: Ich leg‘ mich selbst, statt meinem Essen, in die Mikrowelle. Kann man ja machen, so aus Spaß. Wenn man so eine große Mikrowelle hat (lacht). Da merkt man dann auch schnell, dass diese Strahlung nicht das ist, was wir brauchen. Wir brauchen Licht in einer ganz bestimmten Form.

Und woher bekommen wir dieses Licht?

Wir haben eine Lichtmaschine, die ist 150 Millionen Kilometer von uns entfernt: die Sonne. Sie produziert eine Unmenge an Energie, die uns hier trifft. Die Erde ist nichts anderes als ein großer Spiegel, der ständig Licht reflektiert. Und wir atmen Licht ein, denn wir atmen Sauerstoff, und Sauerstoff wird produziert durch die Photosynthese der Pflanzen. Das ist doch der Wahnsinn, was das Licht alles anrichtet!

Also würden wir ohne Sonnenlicht alt aussehen?

Ja, das wäre eine Katastrophe. Dann würde es weniger darum gehen, dass wir hier nichts mehr sehen. Sondern darum, dass der Planet relativ schnell erkalten würde. Denn Licht ist ja auch Wärmelieferant. Nehmen mal wir an, die Sonne würde ausgehen: Dann würden wir nach acht Minuten merken: Aha, jetzt ist die Sonne aus. Denn so lange braucht das Licht von der Sonne bis zu uns. Und dann würden wir hier langsam, aber sicher erfrieren. Man sieht: Licht ist die Bedingung dafür, dass es Leben gibt.

Licht fällt auf die Erde wie Regen. Aber warum können wir den sehen und Licht nicht?

Dafür ist es zu schnell. Bei 300 000 Kilometern pro Sekunde hat man keine Chance mehr, es zu sehen. Dagegen ist der Regen, selbst wenn er richtig herunterknallt, eher langsam. Das sind noch Geschwindigkeiten, die wir irgendwie packen können.

In Science-Fiction-Filmen wird oft mit Lichtgeschwindigkeit gereist. Werden wir das auch irgendwann können?

Selbst wenn, ich würde es Ihnen nicht raten. Wenn Sie es tun, dann werden sie jedes Rendezvous verpassen, Sie hätten kein Zuhause mehr und Sie könnten sich mit niemandem mehr verständigen, der außerhalb Ihres Raumschiffes existiert. Wenn man so schnell reist, dann geht die eigene Uhr anders als die außerhalb meines Raumschiffes.

Auch die biologische Uhr?

Ja klar! Man wird langsamer alt. Nur was nutzt es einem? Am Ende bleibt man als Einziger übrig. Unsterblichkeit kann ich mir nur als eine unglaublich deprimierende Angelegenheit vorstellen. Kann man als Physiker so etwas Kompliziertes wie Licht auch noch romantisch sehen? Ich weiß ja nicht, wie viele Physikerinnen und Physiker Sie kennen, aber das sind auch Menschen. Die haben sehr wohl noch anderes im Kopf, als sich mit irgendwelchen Gleichungen und Experimenten herumzuschlagen. Natürlich gehe ich davon aus, dass alle meine Kollegen etwas mit einem romantischen Sonnenuntergang anfangen können.

Also denkt man beim Sonnenuntergang als Physiker nicht nur an Wellenlängen?

Sie können sicher sein, dass wir das nicht tun. Sonst würden wir uns ja auch nicht vermehren. Was passieren kann, ist, dass man in einen Wissenschaftsmodus gerät. Man schaut über den Horizont und sieht den Mond und sieht ihn sehr groß. Richtig groß. Und wundert sich nicht. Alle um einen herum sagen: Mensch, wie kann der so groß sein, ist der uns näher gekommen oder was? Und dann kommt der Wissenschaftler: Ihr schätzt die Relationen falsch ein. Der Physiker sagt: Halte doch mal den Daumen hin und du siehst, der Mond ist immer gleich groß.

Also ist das Leben als Physiker weniger mystisch?

Das habe ich nicht gesagt! (lacht) Nein, das Leben als Physiker ist unglaublich mystisch. Den ganzen Tag wirft man sich irgendwelche toten Katzen über die Schulter…

… Sie meinen die Katzen aus Schrödingers Experiment…

…und schaut sich den Mond an. Ich kann Ihnen unsere Laboratorien im Keller zeigen, wo wir den Stein der Weisen kochen (lacht).

Von Teresa Stiens und Simon Plentinger

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