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Harry Hartinger ist dieser Tage ein gefragter Mann. Sein Film "Harry unser" ist ein kleines Kino-Wunder.

Diesen Streifen wollen alle sehen

Wie Harry Wasserburger Filmgeschichte schreibt

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Wasserburg - Harry Hartinger dreht für seine Spezln einen Film. Darin erzählt er vom „oiden Wasserburg“ und seinen Legenden. Eigentlich will er den Streifen einmal zeigen, doch am Ende sieht die halbe Stadt den Film. Und Harry ist plötzlich selbst eine Legende.

Als sich Harry Hartinger im Schummerlicht vor die große Kinoleinwand stellt, wird es still. Hundert neugierige Augenpaare schauen ihn an, und ein Paar hellwache blaue Augen hinter einer schwarzgerahmten Brille schaut zurück. Gleich wird Hartinger, 68, ganz in Schwarz, gescheiteltes graues Haar, im Wasserburger Kino „Harry unser – Hofstatt Gschichtn und andre Sachn“ ansagen. Seinen Film über Wasserburg und über sich selbst, den Hartinger Harry. Gedreht von seinem Spezl, dem Kameramann Schorsch Barth. „Eigentlich hätt’ ich hier vorn bloß ein Mal stehn sollen“, sagt Hartinger schließlich. „Heid is’ das 24. Mal.“

Es ist ein Wahnsinn, was hier gerade passiert: Hartingers Film ist Wasserburgs Kino-Sensation, Stadtgespräch, seit Wochen immer bis auf den letzten Platz ausverkauft. „Am Schluss werden’s wohl mehrere tausend Leut gesehen haben“, schätzt Hartinger, verheiratet, eine Tochter, zwei Stunden zuvor beim Spaziergang durch die Altstadt. Der Streifen hat seinen Hauptdarsteller zum berühmtesten Bewohner der Stadt am Inn gemacht. Und er macht Werbung für Wasserburg, durch dessen beschauliche Gassen Hartinger im Film führt.

Alle wollen den "Fuim vom Harry" sehen

Einheimische, Auswärtige, sogar die Jungen: Alle wollen den „Film vom Harry“ sehen. Eine Frau von außerhalb hat sich sogar schon eine Privatvorführung zu ihrem Geburtstag gewünscht. Im Fernsehen soll Hartinger erklären, warum alle verrückt nach diesem Film sind. Der Harry zwischen Beiträgen über Angela Merkel und Anita Ekberg in der Rundschau? „Ich kapier’s selber nimmer“, sagt Hartinger und schüttelt den Kopf. „Keine Sekunde hätt’ ich gedacht, dass wildfremde Leut den Film anschaun. Das war eigentlich nur für meine Spezln und mich gedacht, ganz privat, fürs Wohnzimmer.“

Gut, der Film war eigentlich auch als Kurzfilm gedacht, sollte zehn, fünfzehn Minuten dauern. Und er sollte nur von Harrys Geburtshaus in der Hofstatt 11 handeln. Rausgekommen sind 85 Minuten, eine kinoreife Führung durch Wasserburgs sommerliche Hofstatt, gespickt mit vielen Fotos, die den jungen Harry zeigen, unterlegt mit der Musik, die Hartinger damals hörte. Beatles, Kinks, Stones. „Harry unser“ ist aber auch ein Porträt der Stadt in der Nachkriegszeit, mit all ihren urigen Gestalten. „Mir ist halt immer noch was und noch was eingfalln. Der Schorsch ist schon ganz narrisch worn“, sagt Hartinger. Es klingt fast wie eine Entschuldigung.

"Harry unser": Ein Spaziergang durch Wasserburg

"Harry unser": Ein Spaziergang durch Wasserburg

Der Film sollte der Höhepunkt seines 65. Geburtstages werden – ein Geschenk für ihn und seine Freunde, eine Überraschung in Bildern und Anekdoten. Weil aber alles anders kommt, als es geplant ist, läuft der Film erst drei Jahre später. Er läuft auch nicht in Harrys Wohnzimmer, sondern im Utopia Kinoplex in der Altstadt, großer Saal, hundert dunkelrote, plüschige Plätze. In Wasserburg, wo jeder jeden kennt, reden sie seitdem von nichts anderem mehr.

Harry Hartinger redet am liebsten über Wasserburg und seiner Kindheit in der Hofstatt. Zwölf Häuser, Kopfsteinpflaster, eine „Stod in da Stod“. Hartinger, ein Lausbub, der im Inn nach Metall zum Verkaufen fischt, ab und zu Munition oder Granaten findet und sich durchs Hintertürl ins Kino einschleicht, wächst bei den Großeltern auf. Das Geschichtenerzählen hat er von der Oma. Die hat auch gern und viel erzählt. Zum Beispiel die Geschichte vom Opa, dem Blasi, den sie eines Nachts ausgesperrt hat, weil er so einen Rausch hatte. Beim nächsten Mal hat er kurzerhand die Haustür ausgehängt und die 250 Meter zur Wirtschaft mitgeschleppt.

Solche Geschichten erzählt Hartinger seinen Freunden. Aber auch Wildfremden, Harry kann nicht anders. Vor ein paar Jahren war er bei einer Feier. Er kannte keinen, nur den Gastgeber. Irgendwann hat er angefangen, von der „Negerkat“ zu erzählen – einer Frau, die sich 30 Jahre nicht gewaschen haben soll, und deren Gesicht so schwarz war, dass die Wasserburger sie nur beim Spitznamen gerufen haben. Oder dem Franze, „den’s jede Woch mindestens drei Mal mim Leiterwagerl heimbracht ham, weil er so an Rausch ghabt hat“. Die Leut lachen. Und sie meinen, Harry hätte die Geschichten erfunden. Dabei hat er sie erlebt. Herrschaft, daraus kann man doch was machen.

"Wir brauchen ein Drehbuch"

Die Idee spukt lang in Hartingers Kopf herum. Er, der Sportreporter werden wollte und dann mit einigem Widerwillen Versicherungskaufmann geworden ist, will seine Geschichten erzählen. Schließlich fragt er seinen Freund Schorsch, der als Kameramann für den Bayerischen Rundfunk arbeitet. Schnell ist klar, dass ihm viel mehr einfällt als in eine Viertelstunde Film passt. „Wir brauchen ein Drehbuch“, sagt Schorsch Barth, und Hartinger holt sich Hilfe bei einer, die sich auskennt. Steffi Kammermeier, Drehbuchautorin und Regisseurin, gibt Tipps.

Nach zwei Jahren haben die beiden Männer viereinhalb Stunden Material beisammen, schneiden den Film auf 85 Minuten. Zu lang, sagen Experten. Viel zu kurz, sagt das Publikum. „Mich haben hinterher mehrfach die Leut angesprochen, warum ma’s ned a bisserl länger gmacht haben.“ Das Interesse an seinem Film kommt ihm nach wie vor komisch vor. Vorenthalten will er ihn den Leuten aber auch nicht. „Harry unser“ hat sich sowieso längst verselbständigt, schon während des Drehs spricht sich der Film herum wie ein Lauffeuer. „Und auf einmal steh’ ich mit einer Liste mit Leuten da, die alle zu meinem Geburtstag kommen wollen“, erzählt Hartinger.

Am Ende sind es 110, die Feier wird vom Wohnzimmer ins Utopia verlegt. Sein Spezl Rainer Gottwald ist der Betreiber, und er überlässt Harry das Kino. Die Premiere ist kaum vorbei, da kommen die ersten Anfragen, ob der Film nicht doch öffentlich gezeigt wird. Aus einer Vorstellung, die Karten sind binnen drei Stunden ausverkauft, werden drei. Gottwald setzt weitere Termine an, wieder und wieder, bis März werden es 33 sein. Bisher waren alle ausverkauft.

Mit einer Bekannten gab's Ärger

Hartinger sitzt in jeder einzelnen. Er achtet nicht mehr auf den Film, ihn interessieren die Leute, die ihn sich anschauen. „Ich bin keine Berühmtheit, über die jemand einen Film gemacht hat“, sagt er. „Ich hab diesen Film über mich gemacht, erzähle viel Privates. Das sind sehr persönliche Aufnahmen, da geht’s dann auch mal um Persönlichkeitsrechte.“ Mit einer alten Bekannten hat es deshalb Ärger gegeben. Hartinger erzählt im Film, wie deren Vater das Gebiss ins Plumpsklo gefallen ist. Hartinger und ein Nachbarsbub müssen helfen, die Zähne aus der Grube zu fischen, mit einem zwei Meter langen Stock und einem Wehrmachtshelm. Zu viel für die Bekannte, Hartinger muss den Namen des Mannes entfernen.

Andere haben sich bislang nicht aufgeregt – obwohl Hartinger Anekdoten erzählt von Ratzn auf der Fleischerbank und Zehennägeln im Gebäck, von Räuschen, Lumpn und Hallodris. Oder vom Soach-stoa vor seinem Geburtshaus. „Es war ganz normal, dass die Mannsbilder am helllichten Tag an den Stein gebieselt und dabei geratscht haben“, erzählt Hartinger. Vieles im Film ist derb, und derb ist auch die Sprache. „Urboarisch“, sagt er. Was anderes passt nicht.

Es ist nicht so, als würde Hartinger die Menschen böswillig durch den Kakao ziehen. Eine Szene spielt auf dem Wasserburger Altstadtfriedhof, auf den Hartinger auch beim Spaziergang führt. Hier liegen die Großeltern, bei denen er aufgewachsen ist – und die Eltern vieler, die zur Feier eingeladen sind. Hartinger erzählt von seinem Firmgaid, dem Paten, den er an jedem hohen Feiertag besuchen und seinen Spruch aufsagen musste: „Gaid, ois Guade!“. Vom Brauereibesitzer Gustl, ein Multimillionär, „der sich daschossen hat, der Hirsch“. Oder dem Gert, dem Witzeerzähler. Bei dessen Ableben musste der Doktor heftig lachen. Denn der Gert war beim Blutdruckmessen und hat einen Witz erzählt, als er plötzlich maustot umgefallen ist. Als Hartinger zwischen den Gräberreihen steht, wird er plötzlich nachdenklich. Wollen die Zuschauer sowas wirklich sehen, diese Geschichten wirklich hören? „Ich hab dacht, fremde Leut fänden’s nicht interessant. Aber viele sagen, dass sie grad das besonders bewegt.“ Auch wenn sie die Toten, von denen er erzählt, überhaupt nicht kannten.

Wasserburg ist dankbar für "Harry unser"

Der Erfolg des Films liegt nicht allein darin, dass er die kleine Welt der Hofstatt zeigt. Da ist sich Hartinger sicher. Freilich, wenn alte Bilder eingeblendet werden, bestimmte Namen fallen, dann geht ein Flüstern durch die Reihen. Aber da ist noch mehr, eine unbeschreibliche Sehnsucht nach einer Zeit, in der vieles schwierig, aber doch irgendwie heil war. „Wir hatten damals nicht viel, es war ärmlich. Aber wir haben zusammengehalten. Es war eine lustige, eine schöne Zeit“, sagt er.

Die Wasserburger sind Hartinger dankbar für „Harry unser“. Nach der Vorführung werden Hände geschüttelt, Männer klopfen ihm auf die Schulter, bedanken sich. Jedes Mal ist das so. Diesmal hat einer sogar ein Gstanzl gedichtet, das er im Foyer vorträgt: „Ja Harry, mia dank’n Dia füa diesen Fuim, den host Du super gmacht un’ mia ham glacht.“ Applaus für Harry, der ist gerührt, lächelt. Er hat dem Kinobetreiber übrigens in die Hand versprechen müssen, dass er die Zuschauer begrüßt, solang der Film läuft. Es sieht so aus, als würde sich Harry Hartinger noch einige Male vor die große Leinwand stellen dürfen.

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