+
ese Angehörigen wollen die Vergangenheit hinter sich lassen – und erklären sich solidarisch mit dem Haunstettener Heim (von links): Heimfürsprecherin Claudia Förster, Manfred Rach und Margot Meisenheimer.

Angehörige haben genug

Heim kämpft nach Skandal gegen schlechten Ruf

  • schließen

Augsburg – Seit die Machenschaften eines brutalen Altenpflegers und grobe Mängel bekannt wurden, kämpft ein BRK-Heim um den guten Ruf. Jetzt treten Angehörige an die vorderste Front – und fordern endlich Ruhe.

Dienstagvormittag im Seniorenheim Augsburg-Haunstetten. Ein Tisch, darauf Kaffeetassen und Croissants – drumherum sitzen Führungskräfte vom Bayerischen Roten Kreuz und drei Angehörige von Senioren. Margot Meisenheimer zum Beispiel. Ihre demente Mutter lebt seit 2005 in dem Heim, wahrscheinlich wurde auch die 89-Jährige Opfer des gewalttätigen Pflegers Ali L.

Jetzt sagt die Tochter etwas aufgeregt: „Man sollte die alten Geschichten endlich ruhen lassen.“ Sie und zwei Mitstreiter kämpfen heute um den guten Ruf des Heims – weil sie endlich nicht mehr auf die Vergangenheit angesprochen werden möchten. Von Bekannten, Nachbarn, Familie. Tenor: „Wie kannst du deine Mutter denn in diesem Heim lassen!?“

"Wir haben noch viel Arbeit vor uns"

Die Einrichtung in der Marconistraße, die zur etwas labilen BRK-Tochter Sozialservice-Gesellschaft GmbH gehört, hat einiges hinter sich. Gut zwei Jahre ist es her, dass schlimme Dinge nach außen drangen – weil Pflegekräfte Alarm schlugen. Der Kollege Ali L., damals 53, wurde beschuldigt, die Alten gequält zu haben. Ausgerechnet an den Demenzkranken ließ der Pfleger seine Gewalttätigkeit aus. Die Staatsanwaltschaft warf dem 1,80-Meter-Mann vor, Senioren ins Gesicht und aufs Gesäß geschlagen zu haben. Essen stopfte er den Alten grob in den Mund, wer nicht spurte wurde angebrüllt. Und das alles vor den Augen seiner Kollegen – und gedeckt von der Heimleiterin. Das Landgericht Augsburg verurteilte Ali L. zu einem Jahr und sechs Monaten Bewährungsstrafe, seine Chefin wurde entlassen. Doch damit war die Sache für das Heim nicht ausgestanden. Denn obwohl der neue Leiter versprach, die Missstände abzustellen, offenbarte eine unangekündigte Kontrolle im Herbst 2012 wieder Mängel und ein schlechtes Betriebsklima. Einem behördlichen Aufnahmestopp kam die Leitung mit einem freiwilligem Verzicht zuvor – seit Januar werden wieder Bewohner aufgenommen.

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk hatte öffentlich über die Schwierigkeiten in Haunstetten gesprochen – und mit dem Versuch, transparent zu sein, offenbar einige Angehörige vor den Kopf gestoßen. Deshalb baten diese Stärk und den Geschäftsführer der Sozialservice-Gesellschaft, Christian Pietig, um die Gesprächsrunde. Und so kam es gestern zu der skurrilen Situation, dass die Angehörigen vor Journalisten eifrig betonten, wie gut es im Heim läuft – und BRK-Chef Leonhard Stärk um Geduld bat: „Wir haben noch viel Arbeit vor uns.“

Pflegekritiker: "Ich habe den Eindruck, dass man sich arrangiert"

Was ist bislang in der Einrichtung passiert? Kommunikationstrainer sollen das Wir-Gefühl stärken, an der Unternehmenskultur wird gefeilt. Mit Extra-Geld wurden den Mitarbeitern über die Jahre angehäufte Überstunden ausbezahlt. Der Fachkraftschlüssel liegt aktuell bei 67 Prozent, vorgeschrieben sind 50. Und der Krankenstand ist sehr niedrig. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung attestierte der Einrichtung bei einer Kontrolle im Februar tatsächlich Fortschritte, was die Personalsituation angeht, sagt Sprecher Wilfried Fischer. Er lobt, dass das Heim Hilfe von außen annehme: „Das sollte unbedingt so bleiben.“ Allerdings müsse man sehen, wie die Führungsmannschaft sich bewährt, wenn im Heim wieder Normalzustand hersche. Denn derzeit sind nur 97 von 120 Plätze belegt. Das Heim schreibt daher rote Zahlen – „das kann nicht so bleiben“, sagt Geschäftsführer Pietig. Will heißen: Die leeren Betten sollen wieder voll werden.

Margot Meisenheimer und ihre Mitstreiter sind zuversichtlich, dass das Heim, das übrigens zu den günstigeren in Augsburg zählt, die Kurve kriegt. „Wir selbst sind in der Lage, objektiv beurteilen zu können, ob unsere Lieben gut versorgt sind“, sagen sie. Die Sache mit Ali L. – freilich seien die Angehörigen schockiert gewesen. Der Pfleger habe kompetent gewirkt, sei ein guter Ansprechpartner gewesen. „Aber man muss einen Schlussstrich ziehen“, sagt Margot Meisenheimer. Und Probleme gebe es schließlich überall. Der Pflegekritiker Claus Fussek sagt dazu: „Ich habe den Eindruck, dass man sich arrangiert.“ Dies sei aber kein Haunstetten-Syndrom. „Das erlebe ich ständig.“

Von Carina Lechner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Besucherstrom beim Erzbischof
Tagebücher des führen Erzbischof von München und Freising, Michael von Faulhaber, sind jetzt im Internet verfügbar. 
Besucherstrom beim Erzbischof
Glyphosat: Bayern will Beschränkung
Auf Bundesebene mehren sich die Forderungen für ein nationales Glyphosat-Verbot. Auch in Bayern sind vermehrt kritische Stimmen zu hören. Statt auf ein Total-Verbot …
Glyphosat: Bayern will Beschränkung
Rauchverbot: Frankenberger erhält immer noch Morddrohungen
Mehr als sieben Jahre nach dem Volksentscheid zum Rauchverbot erhält dessen Initiator Sebastian Frankenberger noch immer Morddrohungen.
Rauchverbot: Frankenberger erhält immer noch Morddrohungen
Immer noch Warnungen für Teile Bayerns: Sturmböen und Schnee
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) hat auch für Dienstag die Menschen in den bayerischen Regierungsbezirken Schwaben und Oberbayern gewarnt. Lesen Sie die Details. 
Immer noch Warnungen für Teile Bayerns: Sturmböen und Schnee

Kommentare