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Ludwig IV. (alias Helmut Schleich), der König aus dem Volke, ist sich auch für den Rasenmäher nicht zu schade, mit dem er hier für unseren Fotografen den Rasen vor Schloss Nymphenburg rasiert.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL IV.

„Ludwig II. hat Hausverbot“

Das Münchner Kabarettist Helmut Schleich (43) feiert mit seinem Soloprogramm in der Lach- und Schießgesellschaft derzeit großen Erfolg.

„Ludwig IV“ wird auf Herrenchiemsee erneut aufgeführt am 18., 19., 23., 24., 25. und 26. Juni. Die Karten kosten 48 Euro (inklusive Schiffspassage und Schlossführung). Vorbestellung unter (0 80 51) 96 56 60 und an den bekannten Vorverkaufsstellen.

Im vergangenen Jahr parodierte der gebürtige Schongauer auf Schloss Herrenchiemsee Ludwig II. – wiederauferstanden als kleinbürgerlicher Ludwig IV. aus dem Volke. Ein Gespräch zum 125-jährigen Ludwigs-Todestag über den König, Franz Josef Strauß und den Adelsfaktor in der Gesellschaft. 

Herr Schleich, Ludwig II. zu parodieren, ist eigentlich Majestätsbeleidigung.

Es ist sogar verboten. Im Schloss Herrenchiemsee darf man als Ludwig II. nicht auftreten. Das war die allererste Bedingung, als wir mit der Idee an die Verwaltung herantraten. Bevor wir überhaupt Einzelheiten nennen konnten, war eins klar: Ludwig II. hat in Herrenchiemsee Hausverbot. Deshalb spielen wir in einem Seitentrakt, der noch im Rohbauzustand ist.

Haben die Wittelsbacher das Hausverbot beschlossen?

Nein, das Schloss gehört ihnen ja nicht. Der Hintergrund ist durchaus ernst: So will man Werbeevents von BMW und Co. und allerlei König- Ludwig-Kaspereien verhindern. Unsere Aufführung war den Leuten von Herrenchiemsee erst nicht geheuer. König und Satire – geht das? Schlösser sind ja sakrosankte Orte, eigentlich will man da nur klassische Musik. Aber letztlich hatten wir in Josef Austermeier, der das Schloss verwaltet, einen großartigen Unterstützer.

Mussten Sie Ihr Stück vorspielen?

Herr Austermeier ist bei der Generalprobe dringesessen und war hinterher sehr erleichtert und glücklich darüber, dass mein Partner Thomas Merk die Zuschauer äußerst kenntnisreich durch das Schloss führt und die ernsthaften Aspekte der Geschichte vorträgt.

Was ist das Interessanteste am König?

Die Zerrissenheit des Menschen und Politikers. Einerseits die Technikbegeisterung, andererseits wollte Ludwig ja das alte Bayern bewahren. Der Bruch kam dann 1870, als Bayern an der Seite Preußens in den Krieg gegen das von Ludwig so geliebte Frankreich ziehen musste. Da war’s dann vorbei mit der Eigenständigkeit. Zwar hat er für Bayern damals realpolitisch viel rausgeholt, ist aber an den Widersprüchen letztlich zerbrochen und hat sich immer mehr in seine Traumwelten zurückgezogen. 

Herrenchiemsee ist eigentlich ja nur Kulisse für Ludwig II. gewesen.

Helmut Schleich (Bildmitte) im Gespräch mit den Redakteuren Dirk Walter und Johannes Löhr.

Ausschließlich. Sehr viel Holzvertäfelung, vieles wurde von Hoftheatermalern ausgeschmückt. Es ist eine Kulisse, in der Ludwig dann vornehmlich nachts die Traumwelt Ludwig XIV. nachspielen konnte. Im Seitentrakt, wo wir spielen, gibt es eine grandiose Akustik. Für die Aufführungen im vergangenen Jahr mussten wir zehn Kilometer Kabel verlegen, um den Treppenaufgang bespielbar zu machen. Gewohnt hat Ludwig im Übrigen nur in einem Seitentrakt, vergleichsweise bescheiden, kleines Schlafzimmer, kleines Büro. Na ja, er war ja eh nur wenige Tage da. Aber der Ochsenaugensaal, das große Schlafzimmer, der berühmte Spiegelsaal – das war nur Spielzeug. Kein Repräsentativbau. Nachts wirkt es fast gruselig.

Gruselig?

Ich möchte da nicht bleiben müssen, nachts. Schön, dass immer extra für uns noch ein Schiff zurückfährt. Es ist halt eine Insel. Das war Ludwig ja ganz wichtig, dass das Schloss keiner zu Gesicht bekommt – er hat eigentlich verfügt, dass es nach seinem Tod gesprengt werden soll.

Ihr Ludwig IV., den Sie in Herrenchiemsee spielen, hat ähnlich Frevelhaftes vor: Er will das Schloss umbauen.

Die Grundidee ist, dass man in Bayern einen neuen König braucht, weil die ganzen alten Repräsentations- und Identifikationsfiguren nicht mehr funktionieren. Die CSU mit knapp 40 Prozent – das ist nicht mehr königlich. Es ist ein Handwerker aus Obersendling, der da König werden soll und der geht mit dem Schloss sehr pragmatisch um, es ist halt einfach nicht praktikabel. Darum flext er das „Tischlein deckt Dich“ weg, reißt den ganzen Spiegelsaal raus . . .

Mit Hilfe von Obi und Black & Decker könnte man am Schloss noch einiges verbessern?

Glaubt er schon. Die Decke muss abgehängt werden, viel zu hoch, das kann man nicht daheizen. Stichwort: Vollwärmeisolierung. Und was macht man mit Neuschwanstein? Diese tausend Türmchen und Erker, eine absolute Katastrophe. Da fahr’ i mal zum XXXLutz und besorg’ Möbel, die da rein passen.

Ihr Ludwig IV. stillt die Sehnsucht im Volk nach dem Adelsfaktor.

Es gab nur einen, der Ludwig II. gleich kam: Franz Josef Strauß. Es gibt ja sogar Anstecker mit den beiden: Ludwig II. und Strauß – das sind die Helden bis heute. Kurioserweise hat sich Strauß für Bayern nie so richtig interessiert, Strauß war immer die bundespolitische Komponente der CSU. Ministerpräsident, das war nur sein Altersjob. Landesvater Strauß – das wird ihm nicht gerecht, das ist eine postume Verzerrung dieser Figur. Aber nun: Strauß ist lange tot, die Wittelsbacher sind auch nicht mehr im Amt. Es gibt jetzt ein großes Charisma- Vakuum.

Und der Adel schwächelt.

Die Leute sagen: Es gibt keinen mehr wie Strauß, oder wie Brandt. Wenn dann einer daherkommt, der das ausfüllen könnte, wird er gottgleich verehrt – wie der Guttenberg. In der Realität seiner Politik war es durch nichts gerechtfertigt, dass der derart nach oben geschossen ist .

Ist die Guttenberg- Nummer für Kabarettisten nicht schon ausgelutscht?

Das sagt man immer so. Ich glaube, das hat er selber gestreut, damit er seine Ruhe hat. Nein, das zündet vor Publikum schon noch. Mei, der Guttenberg, wenn der noch bis nach der Japan-Katastrophe ausgehalten hätte, hätte er seinen Skandal wohl politisch überlebt. Klingt zynisch, ist aber so.

Fukushima ist für einen Kabarettisten tabu, oder?

Das Leid und die Not, die diese riesige Katastrophe verursacht hat, ist als Thema fürs Kabarett natürlich tabu. Aber wie man mit Atomkraft umgeht, wie die politischen Wetterhähne von Merkel über Westerwelle bis Söder damit umgehen, das ist ein Muss. Wenn man das schon hört: Das bayerische Kabinett tritt zusammen und berät die Lage in Japan. Kompletter Größenwahn. Gerade so, als wären ohne das bayerische Kabinett die Weltprobleme noch nie zu lösen gewesen.

Apropos Größenwahn. Ludwig IV. steigert sich ja auch in Allmachtsphantasien hinein.

Sobald Ludwig IV. merkt, er könnte was bewegen, setzt er in seinen kleinbürgerlichen Maßstäben die Weltregierung um. So wie jeder mal sagt: I wenn an da Regierung waar, ich machat ois anders. Diese Haltung, wir würden alles richtig machen, wenn nur die andern Deppen net da wern, das ist natürlich schon sehr typisch. Mia san Mia, Mia san die besten. Wir Bayern treten halt oft sehr selbstbewusst bis präpotent auf, haben aber auch einen Minderwertigkeitskomplex. Letztlich sind wir Bayern eben doch nur ein kleines Bergvolk am Rande der Alpen.

Die Verklärung hält bis heute an. Wie passt das zusammen mit Ludwigs Lebensart, seinen Süchten, seiner Homosexualität?

Man muss ja den ganzen König sehen, in seiner Zerbrochenheit. Mit 19 Jahren auf den Thron, der Vater dauernd krank und lieber beim Bruder in Griechenland. Ludwig ist in ein Machtvakuum gefallen. Und Ludwig wollte ja auch was erreichen für Bayern. Der Schlossbau war ja auch Arbeitsbeschaffung für den Chiemgau. Er wollte ja auch München aufwerten, ein Opernhaus für Wagner hinstellen, das dann nach Bayreuth kam, weil die Münchner es nicht wollten. Oder eine große Prachtstraße, dort wo heute die Prinzregentenstraße verläuft. Vor diesen Visionen zieht auch ein Kabarettist den Hut. 

Sie haben sich ja richtig eingelesen.

Ich dachte ja früher auch, der war nur ein Spinner. Nix da, Ludwig war auch richtiger Realpolitiker, und hat sich erst später zurückgezogen in seine Traumwelt. Das war mir lange nicht klar. Und dieses Bild wird ja bis heute wenig vermittelt. 

Und die Wittelsbacher heute?

Ein interessantes Modell, dieser Wittelsbacher Ausgleichsfonds. Bayern hat das Königtum abgeschafft, das Königshaus aber in seiner wirtschaftlichen Macht unangetastet gelassen. Da waren die Österreicher radikaler – die haben die Habsburger aus dem Land gejagt und alle Adelsprädikate abgeschafft. Man könnte also die Wittelsbacher jederzeit reaktivieren. Das wäre beim Volk sehr angesagt, eine Repräsentationsebene einzuführen, die abseits der Tagespolitik steht. Aber es wäre halt eine sehr teure Lösung. Es würde heute sofort die Kostenfrage auftauchen – und dann sind wir wieder beim König aus dem Volk, der das billiger machen kann.

Das Gespräch führten Johannes Löhr und Dirk Walter.

Die nächste Folge

zeigt einzigartige Inneneinblicke in Schloss Neuschwanstein.

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"Eine König-Ludwig-Pizza wird¿s nicht geben" - ein Interview mit Prinz Luitpold von Bayern.

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