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Hebamme aus Leidenschaft: Claudia Hindenberg aus Bad Heilbrunn vor zwei Jahren in den Räumen ihres Geburtshauses, das schließen musste. Dort ist nun das Familienhaus untergebracht.

Das läuft alles schief

Hebamme kritisiert: „In München über 800 Frauen während Geburt verlegt“

Nicht nur, aber auch in München herrscht Hebammen-Notstand. Im Interview spricht eine Geburtenhelferin die Probleme offen an. Für sie grenzt es an Irrsinn.

München - Claudia Hindenberg ist Hebamme in Wolfratshausen. Die 48-Jährige hat seit 1992 über 1000 Babys auf die Welt geholfen. Sie liebt ihren Beruf. Doch der steckt in der Krise.

Sie sind seit 25 Jahren Hebamme. Macht der Beruf noch Spaß?

Hindenberg: Ich war 24 Jahre Vollblut-Hebamme, im vergangenen Jahr ist mein Enthusiasmus aber sehr gedämpft worden.

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Was hat sich verändert?

Hindenberg: Die Geburtenrate steigt, aber es schließen immer mehr kleine Geburtshilfestationen. Im Münchner Süden sieht es mau aus. Penzberg hat seit sieben Jahren zu, Tölz ist seit April geschlossen, Bad Aibling dicht, Gräfelfing, wo ich zuletzt war, hat ab heute zu. Weilheim ist vorübergehend wegen Hebammenmangel geschlossen. Die Gebärenden müssen weite Strecken fahren. Und es werden immer weniger Hebammen. Wer es sich noch antut, weiß vor Arbeit manchmal gar nicht mehr, wo vorne und wo hinten ist. Außerdem sind die Änderungen bei der Abrechnung für freiberufliche Hebammen eine Katastrophe.

Sind die Honorare nicht um 17 Prozent angehoben worden?

Hindenberg: Nach der neuen Gebührenverordung dürfen wir 198 Euro für eine Geburt abrechnen. Pro Geburt sind vier Stunden angesetzt. Das sind 50 Euro in der Stunde – brutto, Haftpflicht- und Krankenversicherung gehen noch weg. Gleichzeitig darf jede Hebamme nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen. Das geht in der Realität nicht.

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Wie ist die Realität?

Hindenberg: In großen Häusern kommen manchmal in vier Stunden sechs Kinder zur Welt. Ich darf aber nur zwei Geburten betreuen. Wenn eine Frau in der Austreibungsphase ist, und ich noch einen Kaiserschnitt betreue, dann muss ich theoretisch eine Frau mit Blasensprung abweisen. Das ist aber unterlassene Hilfeleistung. Wenn ich sie aufnehme, arbeite ich für null Cent, bin aber voll umfänglich haftbar. In München wurden über 800 Frauen während der Geburt verlegt, bis nach Augsburg. Ein Irrsinn.

Gibt es auch Dienste ohne eine Geburt?

Hindenberg: Klar. Es gibt auch Tage mit Leerlauf. Da könnte ich theoretisch nichts abrechnen. Aber wir Beleghebammen verwalten uns selbst und teilen den Kreißsaal-Umsatz am Ende des Monats unter allen diensthabenden Hebammen auf, damit es gerecht ist.

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Wer denkt sich das aus?

Hindenberg: Es geht nur um Kostensersparnis. Das ist absurd. Zuerst mussten die kleinen Geburtsstationen schließen, angeblich auch, weil die Qualität nicht so hoch sei, wenn weniger Geburten durchgeführt werden. Jetzt bündelt es sich auf wenige größere Häuser, aber wir Hebammen dürfen weniger Geburten gleichzeitig betreuen. Es werden Autokonzerne subventioniert, aber da, wo das Leben startet, drehen sie den Hahn zu.

Können die großen Häuser das auffangen?

Hindenberg: Es herrscht oft eine unglaubliche Hektik, das merkt man dann an den Babys. Die schlafen schlechter, das Stillen klappt nicht. Ich habe sechs Jahre ein Geburtshaus in Tölz geleitet. Wenn die Geburten in Ruhe ablaufen, sind die Babys auch viel ruhiger.

Warum musste das Geburtshaus schließen?

Hindenberg: Weil ich keine Hebammen mehr gefunden habe. Da hat auch die hohe Haftpflichtversicherung eine Rolle gespielt. Bei der Gründung 2009 lagen die Kosten bei 1700 Euro im Jahr, jetzt sind wir bei 7500 Euro. Nachtschichten, kein planbarer Urlaub, 24 Stunden Rufbereitschaft: Wer will sich das noch antun?

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Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Hindenberg: Nein. Ich fange jetzt in der Klinik Wolfratshausen an. Außerdem leite ich das Familienhaus in Tölz in den ehemaligen Räumen des Geburtshauses. Dafür bezahle ich übrigens 1600 Euro Miete. Es wäre schön, wenn mich die Stadt da unterstützen würde. Neben Kursen für Eltern und Babys überlege ich, eine Wochenbettambulanz einzuführen. Die Familien finden oft niemanden für die Nachsorge. Aber die Unsicherheit ist groß, allein zu Hause mit dem Säugling. Es ist nicht optimal, dass die Mamas im Wochenbett mit ihren Babys ins Auto steigen müssen, um zu uns zur Beratung zu kommen, aber bevor sie gar niemanden haben...

Wieso machen Sie nicht nur noch Vor- und Nachsorge?

Hindenberg: Ich bin Hebamme aus Leidenschaft. Ohne Geburten würde das Kernstück meines Berufes wegfallen. Ich will noch nicht Aufgeben.

Interview: Aglaja Adam

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