+
Zu wenig Hebammen gehen in die Geburtshilfe. Die Arbeitsbedingungen im Kreißsaal schrecken viele ab. Bei einem Hebammengipfel sollen Lösungen erarbeitet werden. 

Heute Treffen mit Gesundheitsministerin Melanie Huml

Hebammen in großer Not: „Mehr Personal in die Kreißsäle“

  • schließen

Der Freistaat muss sich ranhalten, wenn er sicherstellen will, dass kleine Bayern auch in Zukunft von hoch qualifizierten Hebammen auf die Welt gebracht und versorgt werden.

München/Nürnberg – Bei einem Treffen von Verbänden und Institutionen mit Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) in Nürnberg soll es heute genau darum gehen. Susanne Weyherter aus Fürth, 57, seit 2008 Vize-Vorsitzende des Hebammen-Landesverbands, erklärt im Interview, was sie und ihre Kolleginnen brauchen – und warum Bayern vor allem bei der Hebammenausbildung viel zu langsam ist.

Frau Weyherter, haben wir genügend Hebammen in Bayern?

Wir haben im Moment knapp 2700 aktive Hebammen im Verband und etliche, die gerade nicht aktiv sind. Genau sagen kann man’s nicht, aber zwischen 3000 und 3500 ist eine realistische Zahl. Und diese Zahl wäre schon ausreichend. Nur: Von den 2700 Aktiven arbeiten ja nicht alle in der Geburtshilfe. Viele sind in der Wochenbettbetreuung oder Schwangerenvorsorge tätig. Es müssten wieder mehr Kolleginnen in die Geburtshilfe gehen, damit sie langfristig gesichert ist.

Was hindert Ihre Kolleginnen denn daran, in der Geburtshilfe zu arbeiten?

Es sind die Arbeitsbedingungen in den Kliniken. Vor allem bei den angestellten Hebammen ist die Arbeitsdichte hoch – und häufig gibt es zu wenig Räume. Viele kleine Kliniken haben ihre Geburtsabteilung geschlossen, gleichzeitig wurden aber nicht Räume in anderen Kliniken vergrößert oder neu gebaut. Hebammen betreuen häufig mehrere Frauen gleichzeitig, haben einen hohen Dokumentationsaufwand zu erledigen. Das alles treibt die Kolleginnen aus den Kliniken. Die meisten wollen Geburtshilfe machen, aber nicht gleichzeitig drei, vier oder sogar fünf Frauen betreuen müssen.

Hebammenbonus ist positives Signal - mehr nicht

Hilft die finanzielle Unterstützung der Staatsregierung den Hebammen?

Es ist sicherlich ein positives Signal, dass gesehen wurde, dass es Probleme gibt. Die 1000 Euro werden aber wahrscheinlich keine Hebamme in die Geburtshilfe bringen oder dafür sorgen, dass sie nicht aussteigt, wenn sie sich mit dem Gedanken trägt. Wir verstehen den Hebammenbonus als positives Signal und Wertschätzung gegenüber der Hebamme. Er ist, was er ist: 1000 Euro pro Jahr pro freiberuflicher Hebamme – und die muss sie versteuern.

Was würde helfen?

Es müsste deutlich mehr Personal in die Kreißsäle. Und wenn es aktuell schon keine Hebammen gibt, müssten die Kliniken kreativ reagieren und den Hebammen Personal zur Seite stellen, das sie entlastet. Zum Beispiel medizinische Fachangestellte, die sehr viel Schreibarbeit abnehmen oder kleinere Arbeiten machen, die nicht unbedingt eine Hebamme machen muss. Und es braucht auf jeden Fall rund um die Uhr klinisches Reinigungspersonal. Das müsste jetzt erst mal sichergestellt werden.

Susanne Weyherter, Vize-Vorsitzende des Hebammen-Landesverbands.

Es gibt auch noch andere staatliche Programme.

Neben dem Hebammenbonus, den es schon gibt, gibt es das Förderprogramm Geburtshilfe. Die Staatsregierung hat fünf Millionen Euro in die Hand genommen und zahlt allen Kommunen mit Geburtshilfe 40 Euro pro Kind. Die große Schwierigkeit, die wir sehen: Es braucht Ansprechpartner, die die Dinge koordinieren. In einigen Kommunen laufen die Vorbereitungen gut, in anderen ist es schwieriger. Der Erfolg steht und fällt mit dem Willen der Kommunen. Das ist sicherlich gut gedacht.

Aber?

Es gibt halt auch Schwierigkeiten, die es immer gibt, wenn Geld von oben ausgeschüttet wird. Die ersten Gelder sind im Dezember 2018 bewilligt worden. Bis die Projekte starten können, dauert es noch. Ob es Erfolg bringt, kann man jedenfalls jetzt noch nicht sagen.

Setzen Sie trotzdem Hoffnungen in Projekte wie diese?

Ich denke, dass es punktuell zu einer Verbesserung kommen kann. Aber es ist sicherlich nicht so, dass überall etwas Gutes entsteht. Das ist letztendlich nicht die Lösung für die Problematik in den Kliniken. Damit sind noch keine neuen Räume gebaut, dadurch ist nicht sofort mehr Personal da. Das kann ein guter Impuls sein, auch für die Kommunen, die eine Verantwortung haben, dass die Versorgung mit Hebammen sichergestellt ist – auch, wenn es einigen nicht bewusst ist, so steht es in der Kreistagsordnung.

Wie steht es um den Hebammen-Nachwuchs?

Die Verunsicherung ist groß: Unser Beruf soll akademisiert werden, aber gerade in Bayern geht es sehr, sehr langsam vorwärts. Es soll drei Studienstandorte geben, in Regensburg, München und Landshut. Das ist schon mal nicht gut über Bayern verteilt. Davon abgesehen reichen drei Standorte sicherlich nicht aus. Die Planungen stehen noch ganz am Anfang, dabei bräuchten wir die Umsetzung eher gestern als heute. Die jungen Frauen, die Hebamme werden wollen, wissen nicht, was sie tun soll. Und die Schulen wissen auch nicht, wie es für sie weitergeht: Wie viel Personal sie einstellen und wie lange sie noch ausbilden können. Wir als Verband würden uns vom Wissenschaftsministerium wünschen, dass es sehr viel flotter arbeitet. Wir wissen ja nicht erst seit gestern, dass die Akademisierung kommt.

Interview: Kathrin Brack

Lesen Sie auch:

Der Pionier im Kreißsaal - Eine männliche Hebamme erzählt

Gehalt: Wie viel verdienen eigentlich Hebammen?

Frau bringt Baby auf Rücksitz zur Welt - ihr Mann fährt und bekommt nichts mit

Meistgelesene Artikel

Wetter in Bayern: Sonne, Regen, Sonne - und es wird noch milder
Wetter in Bayern: Ein Traumwochenende liegt hinter uns. Und es bleibt mild, auch langfristig. Nur einmal kommt Regen runter, sonst scheint die Sonne.
Wetter in Bayern: Sonne, Regen, Sonne - und es wird noch milder
Polizei baff: Traktorfahrer baut Unfall mit Lkw, haut ab - und fährt dann wieder vorbei
Ein Mann (67) hat auf seinem Traktor einen schweren Unfall gebaut - und ist geflüchtet. Allerdings als die Polizei da war, kam er wieder vorbei. Und dann nochmal.
Polizei baff: Traktorfahrer baut Unfall mit Lkw, haut ab - und fährt dann wieder vorbei
Wahnsinniges Überholmanöver: Lkw-Fahrer wird „versuchter Mord“ vorgeworfen
Es ist ein Horror für alle sorgsamen Autofahrer: Im Gegenverkehr kommt plötzlich ein Fahrzeug frontal entgegen, weil ein anderer Fahrer waghalsig überholen will. 
Wahnsinniges Überholmanöver: Lkw-Fahrer wird „versuchter Mord“ vorgeworfen
Zum Schulbus über Landstraße: Muss das Landratsamt Marc (13) ein Taxi zahlen? 
Der 13-jährige Marc aus Marktschorgast muss ein Mal am Tag 2,3 Kilometer zum Schulbus laufen. Auf seinem Weg liegt auch eine kurvige Landstraße. Nun entscheidet das …
Zum Schulbus über Landstraße: Muss das Landratsamt Marc (13) ein Taxi zahlen? 

Kommentare