+
Wer kommt denn da auf die Welt – und vor allem wo? Eine Hebamme bei einem Hausbesuch.

Ausschlusskriterien für Entbindung

Hebammen protestieren: Die Hausgeburt ist in Gefahr

München - Wird die Hausgeburt zur elitären Angelegenheit? Die gesetzlichen Krankenkassen wollen Ausschlusskriterien für die Entbindung zu Hause durchsetzen. Die Hebammen protestieren.

Susanna Roth war bei über 1000 Hausgeburten dabei. Die Vorgespräche dafür kann sie schon auswendig. „Der Mann will wissen, was er bei der Geburt denn tun kann. Dann sage ich ihm: Tu einfach, was Deine Frau Dir sagt.“ Nicht selten hört sie dann die trockene Antwort: „Ach ja, so wie immer.“

Susanna Roth lacht herzlich, als sie an die vielen Betreuten denkt, die sie über die Jahre so liebgewonnen hat. Denn eines hat die Hebamme in den fast 35 Jahren ihrer Tätigkeit gelernt: „Frauen, die zu Hause gebären wollen, haben immer die Hosen an.“ Sie muss es ja wissen. Schließlich hat sie selbst zwei Hausgeburten hinter sich.

Knapp zwei Prozent der schwangeren Frauen in Deutschland bringen derzeit ihr Kind bewusst zu Hause zur Welt. Ein sehr kleiner Anteil, der aber in Zukunft noch weiter schrumpfen könnte. Denn die gesetzlichen Krankenkassen fordern in den aktuellen Verhandlungen mit den Hebammenverbänden Ausschlusskriterien für Hausgeburten – für Geburtshäuser gelten solche Qualitätsstandards schon seit 2008.

In vielen Fällen würden diese Kriterien eine Hausgeburt erschweren. Etwa, wenn der Geburtstermin um mehr als zwei Tage überschritten ist, oder wenn am Ende der Schwangerschaft Blutungen aufgetreten sind. Dann müssten die Frauen zur Entbindung in die Klinik, wenn sie wollen, dass ihre Krankenkasse die Kosten von derzeit rund 700 Euro übernimmt.

Der Bayerische Hebammenverband protestiert: „Den Frauen wird die Autonomie genommen“, sagt Vorsitzende Astrid Giesen. Der Patient werde entmündigt. Die Hebammen kritisieren, den Frauen werde von den Kassen unterstellt, nicht selbst die beste Wahl für sich und ihr Kind treffen zu können. „Die Ausschlusskriterien sind willkürlich und nicht wissenschaftlich untermauert“, sagt Giesen.

Beim GKV-Spitzenverband ist man verwundert. Die Problematik sei längst im Vertrag geklärt. Man habe den Hebammen zugesichert, dass die Ausschlusskriterien „wissenschaftlich auf Relevanz und Aktualität überprüft und bei Bedarf inhaltlich sowie strukturell angepasst werden sollen“, erklärt GKV-Sprecherin Ann Marini. Warum die Hebammen gerade jetzt ihre Kritik vorbringen, kann sie nicht verstehen. „In Geburtshäusern gelten die Kriterien seit 2008 und sie wurden mehrheitlich von Hebammen selbst entwickelt“, sagt Marini. Warum die Qualitätssicherung für Hausgeburten „auf einmal nicht mehr gelten soll“, sei nicht nachzuvollziehen.

Es wird auch um Geld gestritten

Aber die Kriterien sind nicht der einzige Streitpunkt. Es geht auch um Geld: Fünf Prozent mehr sollen die Hebammen bekommen. Doch die gesetzlichen Krankenkassen koppeln die Vergütungserhöhung an die Zustimmung zu den Ausschlusskriterien. „Wir Hebammen wollen uns nicht erpressen lassen“, sagt Giesen. Doch das bringt ihren Verband in die Bredouille. Denn die ausbleibenden fünf Prozent beträfen alle Hebammen – auch die 98 Prozent, die mit Hausgeburten gar nichts am Hut haben. „Aber wir als Verband müssen auch die zwei Prozent schützen“, sagt Giesen.

Von Erpressung will der GKV-Spitzenverband nichts wissen: „Die Hebammen haben sich selbst darauf eingelassen bei den letzten Verhandlungen vor zwei Jahren.“ Dort einigte man sich auf eine 15-prozentige Erhöhung und eben jene weiteren fünf Prozent für 2015. Dass darüber nun im Paket entschieden werde, sei von vorneherein klar gewesen. „Davon haben uns die Verhandlungsführer nichts gesagt“, beteuert Astrid Giesen. Sie vermutet, dass ihr Dachverband damit eine Hysterie verhindern wollte – in der Hoffnung, doch noch nachverhandeln zu können.

Sollten die neuen Ausschlusskriterien wirklich greifen, wird sich für Susanna Roth und die von ihr betreuten Frauen einiges ändern. „Über die Hälfte der von mir betreuten Geburten waren über dem Termin“, sagt sie. Das sei überhaupt nichts Negatives, sondern ein Zeichen von Wohlstand. „Da kommen die fittesten Kinder.“ Wenn all diese Frauen in Zukunft ihre Hausgeburt als private Leistung selbst bezahlen müssten, habe das eine klare Folge: „Dann wird die Hausgeburt eine absolut elitäre Angelegenheit.“ Roth plädiert eindringlich dafür, den Hebammen weiterhin die Freiheit zur individuellen Beratung zu lassen. „Es muss immer im Einzelfall entschieden werden.“ Zu allen anderen Plänen hat sie eine deutliche Meinung: „Das ist aufgeblasener Schmarrn.“

Von Dominik Göttler

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Bedrohte Defline: Tiergarten bittet um Hilfe 
Dem Vaquita-Delfin droht die Ausrottung - deshalb wirbt der Tiergarten Nürnberg um Unterstützung für eine internationale Rettungsaktion für die Meeressäuger.
Bedrohte Defline: Tiergarten bittet um Hilfe 
Badeverbot an oberfränkischem See
Der Naturbadesee im oberfränkischen Frensdorf ist vorerst für Badegäste gesperrt. Schuld sind Bakterien, die Allergien, Hautreizungen und mehr auslösen können. 
Badeverbot an oberfränkischem See
Hund beißt Radfahrer mehrmals in den Kopf
Ein nicht angeleinter Hund hat einen 83-Jährigen angegriffen und in den Kopf gebissen. Die Halterin sah tatenlos zu und verschwand - nach ihr wird nun gesucht. 
Hund beißt Radfahrer mehrmals in den Kopf
Zwei neue Pilzarten in Bayern entdeckt - und so sehen sie aus
Im Bayerischen Wald haben Forscher zwei neue Pilzarten entdeckt. Zum Verzehr sind die neuen Pilzarten allerdings nicht geeignet. 
Zwei neue Pilzarten in Bayern entdeckt - und so sehen sie aus

Kommentare