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Schwor auf Jodwasser: Kurfürstin Henriette auf einem alten Gemälde.

Vor 350 Jahren: Die Kurfürstin auf Kur

Heilbrunn und das Projekt Thronfolger

Bad Heilbrunn – Ein kleines Dorf im Mittelpunkt der Adelswelt: Vor 350 Jahren stand Bad Heilbrunn kopf. Das örtliche Jodwasser sollte Kurfürstin Henriette Adelheid helfen, schwanger zu werden. Ein riesiger Hofstaat rückte 1659 zum Luxus-Aufenthalt an – es ging um den Fortbestand der Wittelsbacher.

Bauern, Knechte, Mägde und Kinder laufen zusammen, als der Hof der Wittelsbacher einzieht in das kleine Dorf Bad Heilbrunn. So etwas hatten die armen Landbewohner noch nie gesehen: 200 Diener, Edelknaben, Musiker, Barbiere und 350 Pferde begleiten die goldene kurfürstliche Kutsche. Musik erklingt, Kutscher brüllen Kommandos. Nichts darf schiefgehen. Es ist Juni 1659, und in Heilbrunn soll gelingen, was am Münchner Hof nicht klappt: das Projekt Thronfolger. Das Haus Wittelsbach braucht Nachwuchs, aber Kurfürstin Henriette Adelheid, 23 Jahre alt, wird nicht schwanger. Nun soll das Heilbrunner Jodwasser helfen.

Mit Musik, Tanz und einer historischen Lesung wird am Samstag , 13. Juni, an den Aufenthalt der Kurfürstin in Bad Heilbrunn erinnert. Beginn ist um 19.30 Uhr im örtlichen Kursaal. Weitere Infos unter

Wer ist die Frau? Rotblonde Locken, mandelförmige Augen, eine hohe Stirn und eine längliche Nase – so stellen die Maler damals Kurfürstin Henriette Adelheid dar. Pomp ist die Dame gewöhnt. Henriette Adelheid ist die Cousine des französischen Sonnenkönigs Ludwigs XIV., sie stammt aus Savoyen-Piemont. Der Hof in Turin gilt Anfang des 17. Jahrhunderts als einer der luxuriösesten und modernsten in Europa. Schon als junges Mädchen kommt sie mit Kunst und Kultur in Berührung, darf zu Musik- und den (damals neumodischen) Ballettaufführungen, feiert ausschweifende Gartenfeste und wird von den Kavalieren umgarnt. Henriette ist, wie ihre Biografin Roswitha von Bary schreibt, nicht nur hübsch, sondern auch reich und gebildet.

Sie heirateten mit 14 - und sahen sich mit 15 zum ersten Mal

Mutter Christine, die Alleinregentin von Savoyen, will ihre jüngste Tochter eigentlich an den französischen Königshof verheiraten. Doch die Bourbonen haben andere machtpolitische Interessen. Da strecken die Bayern die Fühler aus – eine dynastische Verbindung erscheint klug. 1650 wird der Ehevertrag unterzeichnet: Henriette Adelheid und Ferdinand Maria sind beide erst 14 Jahre alt und werden in Abwesenheit verheiratet. Ein riesiger Brautzug mit 350 Begleitern wälzt sich eineinhalb Jahre später über den Brenner nach München. Ferdinand Maria , inzwischen bayerischer Kurfürst unter Vormundschaft seiner Mutter, reitet seiner Braut entgegen. In Kufstein sehen sich die Eheleute zum ersten Mal.

Doch München gefällt der jungen, verwöhnten Dame aus Turin gar nicht: ein steifes Hofzeremoniell, schlecht beheizte Räume, eine herrschsüchtige Schwiegermutter Maria Anna, die auch noch hoffnungslos altmodisch ist: „Henriette versteht überhaupt nicht, warum ihre Schwiegermutter noch eigenhändig in der Käserei in Schleißheim die Milch verarbeitet“, sagt Birgit Müller , Archäologin und Buch-Autorin aus Bad Heilbrunn . Einsam und melancholisch ist die junge Kurfürstin in ihrer neuen Heimat: Ihr Ehemann spricht kaum Italienisch, sie nur schlecht Deutsch. Von Liebe ist erst mal nicht die Spur – kein Wunder also, dass es mit dem Nachwuchs nicht klappen will.

Was tun? Nach neun Jahren Ehe herrscht am Hofe der Wittelsbacher Sorge. Ohne Thronfolger ist der Fortbestand der Dynastie in Gefahr. Tiefe Religiosität und Aberglaube gehen in diesen Jahren einher. Es ist die Zeit, als in Europa die Hexenverfolgungen auf dem Höhepunkt sind und Frauen schnell allerlei Verdächtigungen ausgesetzt sind. Kann Adelheid keine Kinder bekommen, weil sie aus einer Zwillingsgeburt stammt?! Adelheid ist sehr fromm, verehrt zutiefst die Mutter Maria und pilgert immer wieder nach Altötting. Aber auch teure Geschenke für die Muttergottes lassen sie nicht schwanger werden.

Bei der Suche nach „Heilung“ kommen die Wittelsbacher auf die Quelle in Heilbrunn. Seit einiger Zeit floriert in München die „Prunnenbeschreibung deß Miraculosen Heilbronnens bey Benedictbeuern“. Außerdem ist der Ort komfortabel – für damalige Verhältnisse: Es gibt 33 Fremdenzimmer. „Die Gäste waren in kleinen, zweistöckigen Häuschen mit ein bis zwei einfachen Zimmern untergebracht“, sagt Archäologin Müller. Sie hat vor einiger Zeit in einer Ausstellung auch ein Modell des luxuriösen Badehauses gezeigt, in dem die Kurfürstin lebte. Eine Kurfürstin fährt zur Kur – und 200 Angestellte reisen mit, damit es der Dame an nichts mangelt. Vor allem ist Eile geboten. Adelheid soll es an nichts fehlen. In der Rekordzeit von fünf Monaten bauen 125 Handwerker einen zweistöckigen Vierseithof aus Stein. Im Erdgeschoss sind Badestuben, im Obergeschoss 20 Wohn- und Schlafräume für die Kurfürstin und ihre engste Gefolgschaft. Daneben entstehen Ställe und Wirtschaftsgebäude. „Vier Sägewerke in der Region waren mit der Arbeit völlig ausgelastet“, sagt Müller. Die Diener müssen bei Bauern im Dorf schlafen.

Kurfürst Ferdinand Maria macht seiner Frau den Aufenthalt so angenehm wie möglich: Zur „Unterhaltung“ wird das große Silberschiff, das die Wittelsbacher am Starnberger See verankert haben, über Land zum Lettner Weiher bei Heilbrunn gezogen. Dort verlustieren sich die Adeligen und schießen vom Schiff aus das Wild am Ufer.

Adelheids Kur ist ein Luxus-Aufenthalt der Superklasse: Das Kloster Benediktbeuern muss täglich 400 Brote liefern, die Franziskaner in Bad Tölz die Ernte aus ihrem Gemüsegarten. Auch die Bauern in der Umgebung werden verpflichtet: „Insgesamt vier Ochsen, 18 Kühe, 131 Kälber, 108 Lämmer, drei Kitze, vier Hirsche, zwei Gämsen und ein Reh wurden den Adeligen aufgetischt“, weiß Müller.

Sechs Wochen bleibt Adelheid in Heilbrunn, trinkt Wasser und badet darin. Sie genießt das. Als ihr Mann zu Besuch kommt, beginnen die Diener zu tuscheln: Die beiden verstehen sich besser, sind zärtlich zueinander. Klappt das „Projekt Thronfolger“ also? Auch die Höfe in Turin , Wien und Paris werden über die Neuigkeiten informiert. Adelheid lebt auf: Sie schreibt ein Sonett und komponiert ein bisschen. Auch dem Hofstaat gefällt es auf dem Land. „Der Kurfürst ließ sich sogar überreden, der Taufpate vom Sohn des Gastwirts zu werden“, sagt Müller.

Im Juli zieht der Tross wieder nach München. Und siehe da: Im folgenden Jahr, also 1660, tönt Babygeschrei durch die Residenz: Maria Anna Christine ist auf der Welt. 1662 folgt Thronfolger Max II. Emanuel, endlich. Adelheid und Ferdinand Maria sind überglücklich. Acht Kinder bringt sie insgesamt zur Welt, vier davon sterben als Säuglinge. Über den Zweitgeborenen, Thronfolger, ist Adelheid aber unendlich froh. Bereits 1659 hatte sie das Gelübde abgelegt, als Dank für die Geburt eines Erbprinzen die „schönste und wertvollste Kirche“ errichten zu lassen. Deshalb lässt sie die Theatinerkirche in München bauen, gleich gegenüber der Residenz. Und sie kann noch ein anderes Ziel verwirklichen: eine Sommerresidenz im italienischen Stil. Ferdinand Maria schenkte ihr zur Geburt des Thronfolgers Land, wenig später ließen sie darauf Schloss Nymphenburg bauen.

Henriette badete ihre Kinder in dem heilsamen Jodwasser

Es wurde 1664 in Auftrag gegeben, der Sohn ließ es später noch ausbauen. Nach der Geburt der Kinder gesteht der Münchner Hof der temperamentvollen Piemontesin mehr Freiheiten zu. Das Haus der Wittelsbacher blüht auf, italienische Künstler und Gelehrte gehen ein und aus. Adelheids Feste sind berühmt. Die Kurfürstin fördert Oper, Musik und Ballett. „Die Prunk-aufführungen waren ein Höhepunkt barocker Festkultur in Europa und jenen in Versailles und am Wiener Hof voraus“, schreibt Adelheids Biographin Roswitha von Bary.

Das Heilwasser aus Bad Heilbrunn lässt die Kurfürstin viele Jahre an den Münchner Hof liefern: Tief überzeugt von der heilenden Wirkung trinkt sie es und badet ihre Kinder darin. 1676 stirbt sie, mit 39 Jahren, an einer Lungenentzündung. Wie ihr 1679 verstorbener Gemahl liegt sie in der Fürstengruft der Theatinerkirche begraben. 155 Jahre nach Henriettes Tod tauft König Ludwig I. 1831 das sprudelnde Jodwasser „Adelheidquelle“.

Heute zeugen nur noch das kleine Quellenhäuschen unterhalb der Heilbrunner Pfarrkirche von der großen Vergangenheit des Dorfs, zudem einige fürstliche Straßennamen. Die Quelle wurde in den 1980er Jahren versiegelt, weil das Interesse an Jodkuren sank. Bad Heilbrunn profiliert sich heute als heilklimatischer Kurort – mit etwas weniger Pomp als einst.

Christiane Mühlbauer

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