Heimleiterin deckt brutalen Pfleger

Augsburg/München - Er hat demente Senioren gequält, gedemütigt und missbraucht: Jahrelang trieb ein gewalttätiger Pfleger in einem Augsburger Seniorenheim sein Unwesen – die Heimleiterin deckte ihn. Jetzt müssen beide ihren Hut nehmen.

Diese Note kann sich sehen lassen: Erst Anfang Dezember hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung das „Seniorenwohnen“ in Augsburg-Haunstetten geprüft. Gesamtergebnis: Note 1,3. Vor allem die soziale Betreuung der Bewohner in der Einrichtung: hervorragend. Auch die Befragung der Patienten ergab ausschließlich Positives, das zeigt der Bericht. Doch die Daten täuschen hinweg über schauerliche Dinge, die in den vergangenen Jahren in dem Pflegeheim passiert sind. Misshandlungen, Demütigungen, sexuelle Übergriffe. Viele haben davon gewusst, doch nichts passierte – bis gestern. Am Montag gab das Bayerische Rote Kreuz als Träger des Heims den Rauswurf der Leiterin und eines Pflegers bekannt.

Ali L. heißt der gefeuerte Mitarbeiter – und er spielt die zentrale Rolle in dem Augsburger Pflegeskandal. Ehemalige Kollegen, die sich jetzt an den Münchner Pflegekritiker Claus Fussek wandten, berichten von einem menschenunwürdigen Umgang mit den gut 30 hochgradig dementen Bewohnern im sogenannten geschützten Bereich. Wenn Ali L. Patienten wusch, kamen sie mit blauen Flecken aus dem Badezimmer zurück. Das Wasser in der Wanne tauschte er oft nicht aus, es musste für mehrere Heimbewohner reichen. Der 53-Jährige zerrte die alten Menschen über den Gang, drehte ihnen den Arm auf den Rücken, wenn sie nicht schnell genug gingen. Im Speisesaal schob er die Demenzkranken in ihrem Stuhl so heftig gegen den Tisch, dass sie wie gefangen waren – und wenn es ihm passte, verabreichte er den Patienten ohne ärztliche Anweisung starke Beruhigungsmittel. Um das zu vertuschen, füllte er die Medikamenten-Flaschen mit Wasser auf. Damit die Patienten ihre Tabletten möglichst schnell schluckten, hielt er ihnen die Nase zu. Nicht selten soll er die Heimbewohner geschlagen und so wüst beschimpft haben, dass sie in Tränen ausbrachen. Unruhige Patienten fesselte er ohne medizinische Notwendigkeit ans Bett oder packte sie so heftig an den Handgelenken, dass die dünne Haut aufriss. Doch die Vorwürfe gehen noch weiter: Ali L. soll eine Seniorin sexuell misshandelt haben, in seinem Spind fand eine Nachtschwester ein pornografisches Heft. Es zeigt sexuelle Handlungen zwischen jungen Männern und alten Frauen.

Doch warum konnte der Pfleger jahrelang ungestört hilflose Menschen quälen? Die Zeugen berichten übereinstimmend, große Angst vor Ali L. zu haben. Der 1,80 Meter große, schwergewichtige Tunesier wird als sehr dominanter Mensch beschrieben, er verbreitete Panik und Schrecken – nicht nur unter den Bewohnern. „Der ist mit allen Wassern gewaschen“, sagt ein Ex-Mitarbeiter. Ali L. verbündete sich mit Kollegen, um andere zu diskriminieren und Schwächen auszuspionieren. Sein Trumpf: Er pflegte beste Kontakte zur Heimleiterin R. Als sich verunsicherte Kollegen wegen Ali L. an die Chefin wandten, ernteten sie „gelangweilte Blicke“, beschreibt eine Ex-Pflegerin. So stapelten sich allein im vergangenen Jahr mehrere Beschwerden auf dem Schreibtisch der Heimleiterin, auch von Pflegeschülern. Doch es passierte nichts, im Gegenteil. Ali L. wurde immer weiter befördert, war sogar Hygienebeauftragter und Betreuer der Schüler.

Doch irgendwann war die Wut der Pflegekräfte über Ali L. größer als die Angst vor ihm. Eine Handvoll verbündete sich, sie alle möchten ihre Identität geheimhalten – aus Angst vor dem brutalen Kollegen. Sie suchten verzweifelt die Hilfe des Pflegekritikers Fussek. „Das war psychisch nicht mehr auszuhalten“, sagt ein Ex-Mitarbeiter. Anfang Januar trat Fussek mit Leonhard Stärk, Landesgeschäftsführer des BRK, in Kontakt. Stärk gilt als ruhiger, besonnener Mensch – doch als er die Berichte der Pflegekräfte las, so berichtet er selbst gestern, fiel er aus allen Wolken. „Das ist unterirdisch“, sagte der BRK-Landesgeschäftsführer. In Haunstetten seien Missstände unter den Tisch gekehrt und der gewalttätige Mitarbeiter gedeckt worden. Stärk, der die anonymen Briefe an die Staatsanwaltschaft übergeben und Ali G. angezeigt hat, versprach eine aktive Mitwirkung bei der Aufklärung des Skandals. „Es wird keine Diskussion über Nestbeschmutzung geben, im Gegenteil“, sagte er. Offenbar habe es Mitarbeiter gegeben, die Angst hatten, offen zu sprechen. Man denke darüber nach, eine unabhängige Anlaufstelle für Beschwerden zu bilden. „Vorbildlich“, lobte Pflegekritiker Fussek das offensive Krisenmanagement des BRK.

Das Rote Kreuz plant jetzt, den Prüfbericht mit der Traumnote 1,3 zurückzugeben und abzulehnen. „Das wäre ein einmaliger Vorgang“, sagt Stärk. Die krasse Kluft zwischen Pflegenote und Realität zeige, dass weniger die Pflege als vielmehr die Dokumentation überprüft wurde. „Das ist die Crux am System.“

Carina Lechner

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