Heiner Geißler

Heiner Geißler: „In den Bergen wird man unabhängig“

München - Heiner Geißler, 80, hat derzeit eine schwierige Aufgabe zu bewältigen. Der Ex-CDU-Generalsekretär und Bundesminister a.D. schlichtet im Streit um das Bahn-Projekt Stuttgart 21. Der Baden-Württemberger ist als erfahrener Bergsteiger Herausforderungen gewöhnt.

Weil ihm die Alpen am Herzen liegen, ist er Schirmherr des Bergfilmfestivals am Tegernsee, das morgen startet. Trotz seiner Belastung durch die Schlichtung wird er persönlich vorbeischauen.

Herr Geißler, Sie sind passionierter Bergsteiger, Kletterer. Wie kommt das?

Ich bin im Donautal groß geworden, dort gibt es etwa 540 Kalkfelsen. Als Bub, mit neun Jahren, habe ich angefangen, herumzuklettern. Das hat mir großen Spaß gemacht.

Während des Kriegs lebten Sie mit Ihrer Familie in Hannover. Haben Sie die Kletterei dort vermisst?

Ja, in dieser Zeit konnte ich nicht in die Berge. Wir wurden ausgebombt, damals waren die Verhältnisse nicht so, dass man ohne weiteres in Urlaub gehen konnte. Ich habe aber von den Bergen geträumt, von wunderschönen Landschaften.

Machen Sie oft Urlaub in den Alpen?

Ich habe erst vor drei Wochen mit meinen drei Söhnen eine Erinnerungstour gemacht. Mit denen habe ich in den 70er Jahren angefangen zu klettern, nämlich in den Tannheimer Alpen. Dort sind wir jetzt wieder auf das Gimpelhaus und haben dann den Westgrat der Köllenspitze erklettert. Das war ein wunderbares Erlebnis.

Was ist Ihr Lieblingsberg?

Das Schreckhorn (4078 Meter, d.Red.) in den Berner Alpen. Wir haben damals die dritte oder vierte Begehung des Südpfeilers gemacht. Das ist etwas Großartiges!

Was fasziniert Sie daran?

Das ist eine schwierige Tour, roter Granit, griffig und ein Weg, den nicht jeder kennt. Auch beim Abstieg muss man klettern und sich abseilen. Die Tour hat alles klassisch Schöne an den Bergen in sich.

Was ist besser: Aufstieg oder Ausblick vom Gipfel?

Wenn man oben ist, hat man oft ein großes Gefühl des Glücks. Genauso schön ist eine interessante Tour, während man hochgeht. Deshalb ist es auch nicht tragisch, wenn man umkehren muss. Dazu gehört charakterliche Stärke.

Die Faszination für die Berge ist das eine - wie kommen Sie denn zum Film und zu Ihrem Engagement für das Bergfilm-Festival am Tegernsee?

Ich bin vor acht Jahren gefragt worden, ob ich die Schirmherrschaft übernehmen möchte, der Initiator war der Bürgermeister Peter Janssen, den ich vom Gleitschirmfliegen kenne. Seither hat sich das Festival großartig entwickelt, es hat heute internationale Bedeutung.

Werden Sie an den Tegernsee kommen?

Zum DAV-Abend am Freitag kann ich leider nicht kommen. An diesem Tag ist die zweite Schlichtungsdiskussion wegen Stuttgart 21. Deshalb kann ich erst am späten Abend nach Tegernsee fahren.

-Haben Sie einen Film-Tipp für unsere Leser?

Die Retrospektive ist heuer Luis Trenker gewidmet. Vor allem dreht es sich bei ihm um Südtirol. Das ist - wenn man von dem Schreckhorn absieht - mein liebstes Klettergebiet. Das Land selber hat mir schon sehr viel gegeben, auch die Menschen dort. Mit den Filmen und Berichten über Trenker kann ich etwas erleben, was ich sehr liebe.

Gibt es denn Parallelen zwischen dem Bergsteigen und der Politik?

Nur entfernt. Der Hauptvergleich ist immer die Seilschaft. Aber das ist beim Bergsteigen genau das Gegenteil von dem, was man in der Politik darunter versteht.

Hat Ihr Hobby Ihre Polit-Karriere beeinflusst?

Dadurch, dass ich immer in die Berge ging, bin ich innerlich unabhängig geworden. Wenn ich mit der Politik hätte aufhören müssen, wäre ich nicht unglücklich geworden. Wenn ich nicht mehr in die Berge hätte gehen können, schon.

Nach Ihrem Gleitschirmunfall 1992 sah es so aus, als ob Sie nie wieder klettern oder fliegen könnten.

Ich hatte monatelang Angst, dass ich querschnittgelähmt bleibe. Zum Glück wurde ich wieder so hergestellt, dass ich den Klettersport und alles andere wieder machen konnte.

Das ändert die Perspektive auf vieles, oder?

Man bekommt in den Bergen einen ganz anderen Überblick. Es gibt in der Natur so schöne Dinge, an die nur die schönen Künste heranreichen. Man kann auch ein erfülltes Leben haben, wenn man sich nur den Bergen widmet. Das gibt einem eine innere Unabhängigkeit, die man in der Politik braucht.

Würden Sie manchen Verhandlungspartnern, zwischen denen Sie derzeit schlichten müssen, zu einer Bergtour raten? Um von dort vielleicht eine Portion Weitblick mitzunehmen?

Ich weiß nicht, ob alle dazu in der Lage wären, einige Sportler sind schon dabei. Den Weitblick haben die schon - es ist auf keinen Fall so, dass die Partner, zwischen denen ich vermittle, rückständig oder dumm sind. Im Gegenteil. Aber ich werde bei der nächsten Runde mal fragen, ob jemand Lust auf eine Bergtour hat.

Wünschen Sie sich in diesen anstrengenden Tagen manchmal auf einen stillen Berg?

Das wäre derzeit zu aufwändig. Aber ich komme gerne jetzt an den Tegernsee, da habe ich Berge um mich herum. Vielleicht mache ich auch die eine oder andere Tour.

Reisen Sie mit der Bahn an?

Nein, das liegt aber nur daran, dass es am Abend keine gute Verbindung gibt.

Das Interview führte: Carina Lechner

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