Der dreifache Professor aus Augsburg: Helmut Seidl liest, genießt und beäugt sein neues Buch „Sprichwörtliches über Altbayern“. Unser Fotograf Klaus Haag hat dafür drei Fotos in eines montiert.

Wo die damische Urschel wohnt

Der Sprichwort-Professor

Der Volksmund lügt nicht. Findet Helmut Seidl. Der Augsburger Professor erforscht Sprichwörter über Bayerns Städte und Dörfer. In seinem Buch erfährt man Verblüffendes über die Heimat. Zum Beispiel, wo die damische Urschel wohnt. Und in welcher bayerischen Stadt sie das schlechteste Deutsch sprechen.

Sprichwörter, sagt Professor Helmut Seidl, sind Einblicke in eine versunkene Welt. Einblicke in ein längst versunkenes Bayern. Wer Sprichwörter kennt, der kennt die Menschen, die hier wohnen, ihre Bräuche, ihre Essgewohnheiten und natürlich ihren Spott. Sprichworte – das ist Heimatgeschichte in Kurzform.

Helmut Seidl, Jahrgang 1951 und Professor für Neuere Sprachen an der Hochschule Augsburg, beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema. In jahrelanger Detektivarbeit hat er hunderte von Sprichwörtern aufgestöbert. Sein neues Buch „Sprichwörtliches Altbayern“ ist eine Pioniertat – und kurzweilig dazu. Der Professor mit dem Trachtenjanker, dem sympathischen Lachen und dem lustigen Schnauzbart versammelt darin 444 Sprichwörter über Orte in Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz, viele sind inzwischen ausgestorben, der Volksmund hat sie regelrecht verschluckt. Aber einige sind noch immer in Gebrauch, doch weiß fast niemand mehr, wo sie herkommen. „Die meisten stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert“, sagt Helmut Seidl.

Damals waren Sprichwörter viel populärer als heute. Handwerksburschen, die über die Dörfer tingelten, haben sie oftmals verbreitet. So wie Bienen, die Blumen bestäuben. Einige der schönsten altbayerischen Sprichworte stellen wir hier vor:

„Verhext wie die Urschel von Plattling!“

Diesen Spottruf, sagt Helmut Seidl, kannte man früher in ganz Bayern. In Plattling im schönen Niederbayern lebte Ende des 18. Jahrhunderts eine Frau, die vorgab, vom Teufel besessen zu sein. Sie schrie, sie machte wilde Grimassen und ein Mordstamtam. Kurzum: Sie war eine Attraktion. Und die Sache mit dem Teufel ein gutes Geschäft. „Von nah und fern pilgerten bereits Neugierige zu der ,Besessenen‘, natürlich niemand ohne ein Scherflein der Gutmütigkeit bei ihr zurückzulassen“, schreibt Graf Joseph Zarivarij. Er war damals Pfleger von Plattling – und das „Pflegeamt“ eine Art Landgericht. Zarivarij trieb dem Mädel schon bald den Teufel aus – per Rohrstock. Nach dem sechsten Schlag sagte sie: „Lassen’s um Gottes willen mit dem Prügeln aufhören, Graf Gnaden, ich will ja alles einbekennen und es sicherlich nie und nimmermehr tun.“ Der noch heute beliebte Ausdruck „damische Urschel“ geht wohl auf die Plattlinger Simulantin zurück.

„Deine Uhr geht ja nach der Giesinger Heuwaag!“

Ihre Ungenauigkeit ist sprichwörtlich. In München-Giesing stand früher eine stadtbekannte Heuwaage, mit der man Pferdefuhrwerke und deren Ladung wog. Sie war derartig groß, dass sie das wahre Gewicht nur grob und ungenau wiedergeben konnte. Der Einheimische sagt natürlich nicht Giesinger Heuwaage, sondern „Giasinga Heiwoog“. Ändert nix an der Ungenauigkeit, hört sich aber besser an.

„Maxlried, fünfzehn Häusa achtzehn Dieb!“

Maxlried ist ein Ortsteil von Oberhausen im Kreis Weilheim-Schongau und eine Gründung des Bayernkönigs Max I. (1756-1825). Er ließ das sumpfige Gebiet trockenlegen und siedelte dort nichtsesshafte Gesellen an, die sofort das Misstrauen der Einheimischen weckten und als Diebe verspottet wurden. „Orte, die auf -ried enden, forderten den Volksmund zu entsprechenden Reimen mit ,Dieb‘ geradezu heraus“, schreibt Helmut Seidl. Ähnliche Reime gibt es auch noch in Herpfenried (Kreis Augsburg), Traunried (Kreis Unterallgäu) und in Landsberied im Kreis Fürstenfeldbruck, wobei in Landsberied in „achzeh’ Häuse’“ gleich „nai’zeh’ Dieb“ lungern.

„So’n Oberammergauner.“

Immer auf die Oberammergauer – die Einwohner des Passionsspielortes im Kreis Garmisch-Partenkirchen haben es nicht leicht: Der Volksmund hat reichlich Häme für sie übrig. Erst macht man aus ihnen Gauner und Schurken, dann lebende Eiszapfen. Carl Julius Weber, „ein in Deutschland reisender Deutscher“, schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts über das Herrgottschnitzerdorf: „Wohl mag die Gegend für Bären willkommen gewesen seyn, da selbst die Menschen hier das Sprichwort haben: ¾ Jahr Winter und ¼ Jahr kalt!‘“

„Drei Stunden hinter Dingolfing, da wachst ein großer Schwammerling.“

Bayern – das Land der Sprichwörter: Auf dem Bild sieht man einen Ausschnitt der Karte von Philipp Apian aus dem Jahr 1568, der sieben Sommer umherreiste, um das Land zu vermessen. Notizen zu Sprichwörtern sind keine überliefert, schade eigentlich.

Bei diesem gereimten Sprichwort muss man zweimal um die Ecke denken. Mit „Schwammerling“ ist vordergründig ein Pilz gemeint. Gleichzeitig ist es eine Anspielung auf den Markt Pilsting, mit dem sich die Dingolfinger vor ewigen Zeiten Fehden lieferten – und der sich irgendwie wie „Pilz“ anhört. Das Sprichwort ist mal wieder eine Hänselei unter entfernten Nachbarn, auch bei Heimatdichter Georg Queri kommt der bekannte Spott-Pilz vor. Da passt gut ins Bild, dass Schwammerling laut Ludwig Zehetner auch einen ungeschickten Kerl, einen Stümper, Feigling oder Versager meinen kann. Aber in dem Reim, darauf weist Helmut Seidl hin, steckt nicht nur Boshaftigkeit, sondern auch Wahrheit: Der Markt Pilsting liegt 20 Kilometer nordöstlich von Dingolfing. Das entspricht einem Fußmarsch von drei Stunden.

„Die Gadner Hirschn, die kannst net derschießn.“

Es war an der Wende zum 20. Jahrhundert einmal ein denkwürdiger Tag in dem oberbayerischen Dörfchen Gaden, das heute ein Ortsteil von Eitting im Kreis Erding ist. Ein Einheimischer sah bei einbrechender Dämmerung einen kolossalen Hirsch auf freiem Feld. „Sogleich machten sich einige Mutige zu der Stelle auf“, schreibt Seidl, „dort erblickten sie in der Tat ein stolzes Geweih, das sie unter Beschuss nahmen.“ Doch der Hirsch, er war keiner, sondern hörnerartige Pflugscharen, die auf einem Wagen lagen. Damit war den Gadenern Spott aus den Nachbardörfern für lange, lange Zeit sicher.

„Ausschauen wie die Muttergottes von Passau.“

In der Wallfahrtskirche Mariahilf in Passau hängt eine Kopie von Lucas Cranachs „Gnadenbild Mariahilf“ – es zeigt die Mutter Gottes als eine Frau aus der einfachen Bevölkerung mit ihrem kleinen Kind. Diese Maria, sie strotzt nicht gerade vor Freude. Das berühmte Kunstwerk hat offensichtlich den Volksmund inspiriert: Wenn jemand ausschaut wie die Muttergottes von Passau, dann sieht er ziemlich mitgenommen aus.

„Zwischen Ach, Weh, Kümmernis und Klausen liegt das Schindernest Burghausen.“

Brutal, brutaler, Burghausen. In der oberbayerischen Stadt an der Salzach haben die Schinder, also die Scharfrichter oder Henker, in knapp 30 Jahren (1748-1776) 1100 Todesurteile vollstreckt. Das hat den Ruf der Stadt als berühmt-berüchtigtes Schindernest geprägt. Ach, Weh, Kümmernis und Klausen sind Ortsnamen in der Umgebung von Burghausen.

„Lieber Gott, mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm.“

In diesem Sprichwort steckt die Angst vor Nazis bei Kritik an ihrer Schreckensherrschaft – bereits ab dem Jahr 1933 war es im Umlauf. 1933 ist das Jahr, als in Dachau das erste offizielle Konzentrationslager errichtet wurde. „Dass sie dieses in der Öffentlichkeit zur Abschreckung politischer Gegner groß herausstellten“, so Seidl, „dürfte mit zur Entstehung der einschlägigen Sprichwörter und Redensarten beigetragen haben.“ Allein das Wort Dachau war damals ein Schreckenswort. Ein anderer Ausspruch war: „Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau.“

„Traunstein und Erding, Vilshofen und Schärding, im Bayerland der Orte vier, wo man trinkt das beste Bier.“

Hier feiert der Volksmund das Bierland Bayern und seine traditionellen Brauorte. Schärding liegt heute allerdings in Österreich, 1779 wurde es den Habsburgern zugeschlagen. Da sieht man mal, wie alt dieses Sprichwort ist, nämlich uralt. Damals brauten sie in Erding zwar schon ihr vortreffliches Bier, aber offensichtlich war es damals außerordentlich schwer, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten. Es soll Sprachhürden gegeben haben, die kaum zu überwinden waren. In dem Gebiet sei eine deutsche Sprache in Gebrauch, schreibt damals ein gewisser Andreas Zaupser, „wie sie vor 1000 Jahren gewesen, wo sich die Grammatiker beklagten, dass sie ihre Worte mit den bekannten Buchstaben nicht auszudrücken im Stande wären.“ Sprichwort-Professor Seidl kommt zu folgendem Schluss: „So war also einst Erding angeblich Heimstatt für das beste Bier, aber das schlechteste Deutsch.“

„Das ist ein Weilheimer Stückchen.“

Was hat man den Weilheimern früher nicht alles angedichtet: Sie sollen das Stadttor abgebaut haben, um einen Baumstamm hindurch zu kriegen – und zwar quer. Sie sollen beim Bau des Rathauses die Treppe vergessen haben. Außerdem sollen sie versucht haben, ihre Kirche mit bloßer Muskelkraft zu verschieben. „Weilheimer Stückchen“ nannte man diese kuriosen Vorfälle. Weilheim war das Schilda Oberbayerns. Armes Weilheim. Aber vielleicht ist es ein Trost, dass nicht nur die Weilheimer verspottet wurden, in vielen Landstrichen in Deutschland kursierten ähnliche „Stückchen“. Andernorts soll sogar versucht worden sein, den Mond per Stange vom Himmel zu stoßen.

„Wer in Freysingen nicht hat läuten hören, und keinen Pfaffen gesehen, der darf nicht sagen, dass er dort gewesen.“

Um das Jahr 720 kommt der Wanderbischof Korbinian nach Freising. Er ist der erste Bischof der Stadt, noch heute wird er verehrt. Mit ihm beginnt alles. Freising wird zu einem religiösen Zentrum. Ende des 18. Jahrhunderts gibt es sieben Klöster. Es wimmelt nur so von geistlichem Personal, mehrmals am Tag rufen die Kirchenglocken die Gläubigen herbei. 1784 schreibt der Schriftsteller Johann Pezzl über Freising: „In der Stadt selbst hört man den ganzen Tag durch unaufhörlich läuten, und stoßt immer wieder auf ganze Trupps von Geistlichen, so, dass es die Freysinger selbst zum Sprüchwort gemacht haben.“ Auch wenn der Ausspruch kaum mehr in Gebrauch ist, wahr ist er noch immer. Das ist sie, die ewige Schlauheit der Sprichwörter.

Das Buch

„Sprichwörtliches über Altbayern: 444 Ortsporträts aus Oberbayern, Niederbayern und der Oberpfalz“ von Helmut A. Seidl. Verlag Friedrich Pustet. 256 Seiten. 22 Euro.

Stefan Sessler

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