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Lobworte aus vergangenen Zeiten: Hans Gärtner sammelt Fleißbildchen, die Schüler früher von ihren Lehrern bekamen.

Verführungen zum Brav-Sein

Der Herr der Fleißbildchen

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Polling - Wenn sich Hans Gärtner für etwas motivieren will, muss er eigentlich nur in seinen Keller gehen. Denn dort gibt es für alles ein Lob, für alles eine kleine Weisheit. Der Pollinger sammelt Fleißbildchen. Aus Leidenschaft.

Seine Schätze verwahrt Hans Gärtner, Jahrgang 1939, ehemaliger Volksschullehrer und Erziehungswissenschaftler, im Keller seines Hauses. Die Schätze sind bunt und im schönsten Sinne altbacken. Gärtner, der in Polling im Kreis Mühldorf lebt, sammelt Fleißbildchen. Er nimmt eines in die Hand, auf dem steht: „Vom Kätzchen lerne reinlich sein/ Eh’ du gehest in die Schule ein“. Daneben ein Bild eines Buben, der sich mit einem nassen Lappen das Gesicht wäscht. Auf einem anderen Bildchen steht: „Lob im Rechnen“. Auf wieder einem anderen: „Fleiß bringt Brot/ Trägheit Not“. Sie alle sind Zeugnis einer Pädagogik, die den Schüler zum Einmaleins-Üben, Hausaufgaben-Machen und natürlich Brav-Sein verführen soll.

Gärtner hat seine Schätze in vielen Jahren zusammengesammelt und sogar ein schlaues, bisweilen amüsantes Buch darüber geschrieben („Dem braven Kind: Fleißbildchen – Ein fast vergessenes Stück Schulkultur“, Poppe Verlag). Der Professor für Grundschulpädagogik und -didaktik liebt seine Bildchen, aber es ist nicht so, dass er sie allzu zeitgemäß findet: „Überholte, schon zur Zeit der Drucklegung als kitschig einzustufende Formulierungen“, so urteilt er über die kleinen Texte, die Kinder zu Fleiß, Anstand und Frömmigkeit anspornen sollen.

Um das Jahr 1800 fanden die Fleißbildchen erst zögerlich, aber dann umso schneller Eingang in Deutschlands Schulen. Ein ganz frühes Exemplar aus dem Jahr 1783 ist sogar noch erhalten. Es stammt aus einer Hamburger Schule. Auf dem Zettelchen steht: „Beweis, dass Vorzeiger dieses, (...) sich diese Zeit über in meiner Schule ganz besonders gut verhalten“ hat. Für heutige Ohren klingt das natürlich kurios.

Auch Gärtner hat ein wunderbares Exemplar in seinem Besitz. Es ist ein hochformatiges, grünes Fleißbild, darauf sieht man den frisch ans Kreuz genagelten Jesus, der leidend schaut. Darunter steht tatsächlich das Wort: „zufrieden“. Man will sich nicht ausdenken, was im Kopf eines Kindes passiert, das dieses Bildchen gerade ausgehändigt bekommen hat.

Die Beliebtheit der Lobzettelchen, erzählt Gärtner, bleibt in Bayern und Deutschland Generationen lang bestehen. Es gab früher sogar regelrechte Bastelanleitung für Dorfschullehrer, die sich vorgefertigte, zum Kauf angebotene Fleißbildchen nicht leisten konnten. „Im Praktischen Handbuch für Lehrer in Bürger- und Landschulen“ aus dem Jahr 1803 heißt es, dass die Zettelchen folgendermaßen ausschauen sollten: „einen Zoll lang, schreibt darauf: Fleißig.“ Und weiter: „Gebet einen solchen Zettel dem Fleißigen nach jeder Stunde nicht sowohl als eine Belohnung, sondern als ein verdientes Attest seines Fleißes.“ Gleichzeitig empfiehlt der Ratgeber, die Zettel am Ende der Woche wieder einzusammeln, um daraus ein Wochenzeugnis abzuleiten. Es ist nicht weniger als die Anleitung zu einer Zettelwirtschaft, die dem Dorfschullehrer das Leben einfacher machen sollte.

Alles lange her, aber die Fleißbildchen sind nicht unterzukriegen. Prominentester Verfechter der „gerne stempelnden, klebenden, Punkte vergebenden Grundschul-Lehrerschaft“, schreibt Gärtner, war Walter Kempowski. Bevor der Schriftsteller („Deutsche Chronik“) bekannt wurde, war in Niedersachsen Grundschullehrer mit unorthodoxen Methoden. Er arbeitete oft ohne Lehrplan und Schulbücher, stattdessen aber mit Bildchen, genauer mit einem ausgeklügelten Gutscheinssystem. Er verteilte selbst gemalte „Lach-Gutscheine“, „Sofa-Gutscheine“ oder „Kaktus-Gutscheine“, wobei jedoch keineswegs ausgemacht war, dass man beim „Kaktus-Gutschein“ auch einen Kaktus bekam. Vielmehr ging es Kempowski darum, ein „Spiel ums Lob“ zu installieren, eine Spaß-Lotterie, die motivieren sollte. Die Schüler haben seine Gutscheine geliebt, zumal manche wirklich eingelöst werden konnten: Wer einen „Schielgutschein“ hatte, durfte tatsächlich einmal spicken. Und wer den „Schimpf-Gutschein“ hatte, durfte lautstark losschimpfen.

Und heute? Da gibt’s für Grundschüler Smileys, Dinosaurier-Aufkleber und lustige Tier-Stempel. Im Grunde ist es das Gleiche wie früher, nur in einem neuen Gewand. „Fleißbildchen“, sagt Gärtner, „waren und sind noch heute die Bonbons der Kinderschulkinder."

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