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Gutachterin Dagmar Boss steht am Dienstag im Landgericht Augsburg neben einem Tonbandgerät. Ein derartiges Gerät war beim Angeklagten im Herrmann- Prozess gefunden worden und dient der Anklage als Hauptindiz

Herrmann-Prozess: Verräterische Tonband-Spuren

Augsburg - Das Tonbandgerät des Angeklagten im Prozess um die tödliche Entführung von Ursula Herrmann ist laut Gutachten wahrscheinlich zur Übermittlung der Erpresseranrufe verwendet worden.

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Dieses typische Knacken bei den Erpresseranrufen im Entführungsfall Ursula Herrmann hat die Phonetik-Gutachterin des bayerischen Landeskriminalamtes (LKA), Dagmar Boss, schon tausendmal gehört. Immer wieder war sie seit 1989 die aufgezeichneten Anrufe durchgegangen, hatte Spektogramme angelegt und Sinusschwingungen sowie Frequenzen wieder und wieder analysiert. Und als ihr 2007 ein Tonbandgerät zur Untersuchung zugeleitet wurde, hatte sie ein "starkes Aha-Erlebnis", berichtet sie am Dienstag vor dem Landgericht Augsburg. Die Starttaste dieses Geräts klang genauso wie das Knacken auf den Erpresseranrufen, die vor 28 Jahren mitgeschnitten worden waren. Und als sie beide Geräusche im Gerichtssaal vorspielt, ist die frappierende Ähnlichkeit nicht zu überhören.

Der Fall Ursula Herrmann

Entführungsfall Ursula Herrmann

Der Angeklagte zeigt keinerlei Regung. Der 59-Jährige soll laut Anklage diese Anrufe gemacht haben, auf denen man noch einmal das verzweifelte Flehen von Ursulas Mutter hört, "lassen Sie doch das Zeichen weg, ich beschaffe die zwei Millionen, geben Sie doch ein Lebenszeichen von Ursula". Kein Wort, nur das damalige Signal des Verkehrsfunks des Bayerischen Rundfunks in eigenartiger Verzerrung, auf insgesamt drei von fünf Erpresseranrufen mit den verräterischen Schaltgeräuschen. Der Angeklagte bestreitet, im Jahr 1981 die zehnjährige Ursula entführt und in eine im Wald vergrabene Kiste gesperrt zu haben. Das Mädchen war kurz darauf erstickt. Die Ehefrau des Angeklagten soll die Erpresserbriefe zusammengeschnipselt haben, auch sie will aber mit der Entführung nichts zu tun gehabt haben.

Neben dem Geräusch der Starttaste ist auf den Mitschnitten auch das Klacken der Pausentaste des Tonbandgerätes zu hören, das ganz ähnlich klingt wie bei dem Gerät des Angeklagten - ein weiteres Puzzle bei der Untersuchung des Gerätes, das die Staatsanwaltschaft als Hauptindiz zur Überführung des Angeklagten sieht. Und besonders auffällig ist die Dämpfung des höchsten Tones des Verkehrsfunk-Signals auf den Erpresseranrufen. Die Spezialisten haben bei akribischen Untersuchungen herausgefunden, dass der Aufnahmekopf an dem Gerät so verstellt ist, dass es zu einer Zeitverzögerung zwischen den Lautsprecherkanälen kommt. Dadurch stören sich die Sinuskurven des Signals und dämpfen den Ton. Boss führt diesen Effekt im Gerichtssaal eindrucksvoll vor. "Da hat's den höchsten Ton erwischt", sagt sie. Versuche mit vergleichbaren Tonbandgeräten hätten gezeigt, dass diese Tonkopfverschiebung mit dem Dämpfungseffekt ein einmaliges Kennzeichen des Gerätes aus dem Haushalt des Beschuldigten sei.

Ihre Schlussforgerung: "Dieses Tonbandgerät ist wahrscheinlich zum Zusammenschnitt des Tatmaterials für die Erpresseranrufe verwendet worden." Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters, was denn "wahrscheinlich" bedeute, sagt die Gutachterin: "Wahrscheinlich in unserem normalen Sprachgebrauch." Und als der Richter nachhakt, erläutert sie, die Kriminologen hätten als Kriterien wahrscheinlich, mit hoher Wahrscheinlichkeit, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. In diesem Fall sei das Gerät eben wahrscheinlich das vom Erpresser benützte.

Die Verteidigung zweifelt an den Kernpunkten des LKA-Gutachtens. Rechtsanwalt Walter Rubach hat deshalb mehrere Anträge gestellt. Er will weitere Sachverständige hören, um belegen zu können, dass es sich bei dem Signal nicht um das Original-Erkennungszeichen des Verkehrsfunks handele. Und die Schaltgeräusche könnten auch von anderen ähnlichen Tonbändern dieser Bauart stammen.

dpa

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