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Ein Bild aus glücklichen Tagen: Andi und Tina Grimm haben gemeinsame Bergtouren geliebt.

Der Überlebenskampf einer Familie

Herzmuskelentzündung endet im Drama: Mann wird mit 55 Jahren zum Pflegefall

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In Andi Grimms Leben ist seit vier Jahren nichts mehr, wie es war. Er erlitt bei einer komplizierten Operation sieben Hirninfarkte und wurde zum Pflegefall. Seitdem kämpft seine Familie jeden Tag: mit Rückschlägen, Bürokratie und Existenzangst. Denn die staatlichen Hilfen reichen nicht ansatzweise.

Bad Aibling – Vorsichtig bewegt Andi Grimm den Steuerknüppel seines Elektrorollstuhls mit zwei Fingern seiner linken Hand ein paar Millimeter nach vorne. Mit einem leisen Surren fährt der Rollstuhl über die Terrasse der Schön Klinik in Bad Aibling. Das ist noch neu für den 55-Jährigen, er muss erst ein Gefühl für seine neue Hilfe im Alltag bekommen. Der Rollstuhl streift einen Tisch, die Wassergläser darauf wackeln gefährlich. Dann ist er dort angekommen, wo er hin wollte: neben dem Stuhl, auf dem seine Frau Tina sitzt. Sie lächelt. Und er lächelt auch. Diese wenigen Meter waren ein großer Schritt nach vorne. Es ist für Andi Grimm das erste Mal seit vier Jahren, dass er sich ohne Hilfe bewegt. Der elektrische Rollstuhl gibt ihm ein kleines Stück Freiheit zurück. Und ein Stück Würde.

Auf beides muss er seit langer Zeit verzichten. Seit Januar 2014 ist von dem glücklichen, aktiven Leben, das er geführt hat, nichts übrig geblieben.

Es begann mit einer Herzmuskelentzündung - und endete im Drama

Bei einem Training für einen Skitour-Wettkampf merkt Grimm, dass er einen extremen Puls hat. Sein Herz rast, setzt immer wieder kurz aus. Die Ärzte diagnostizieren eine Herzmuskelentzündung. „So was heilt in 80 Prozent der Fälle von allein wieder“, sagen sie ihm. Andi Grimm gehört zu den anderen 20 Prozent. An einem Tag im März bricht er plötzlich zusammen. Herzstillstand. Stundenlang wird er immer wieder reanimiert, dann an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen. Er braucht ein Spenderherz und hat das große Glück, dass schnell eines gefunden wird. Die schwere OP verläuft nicht ohne Komplikationen. Sein Körper nimmt das fremde Herz an, doch Andi Grimm erleidet im Operationssaal sieben Hirninfarkte. Als er aus der Narkose aufwacht, ist er schwer behindert. In seiner Brust schlägt ein Herz, das ihn lange am Leben halten soll. Doch es ist ein Leben, das sich alles andere als lebenswert anfühlt.

Seite an Seite kämpfen Tina und Andi Grimm dafür, bald wieder als Familie zusammenleben zu können. Seit seiner Herztransplantation ist der 55-Jährige ein Pflegefall.

Andi Grimm hat alles verlernt. Er ist bei vollem Bewusstsein, kann aber nicht mehr sprechen, atmen oder sich bewegen. „Ich war am Leben, aber irgendwie auch nicht“, sagt er. Das Schlimmste ist es, nicht sprechen zu können. „In mir waren so viel Frust, Angst und Schmerz, so viele Fragen. Und nichts davon konnte nach außen.“ Die Prognosen der Ärzte sind düster, sie machen ihm keine Hoffnungen, dass er sich je wieder bewegen könne. Trotzdem schafft es Andi Grimm irgendwie, seinen Optimismus nicht zu verlieren.

Sein Kampf dauert nun schon vier Jahre. Und nicht nur er kämpft. Auch seine Frau und sein elfjähriger Sohn Max. Jeder Tag im Leben der Familie steckt voller Herausforderungen und Rückschläge.

Der 55-Jährige fällt mit seinem Schicksal durch ein Raster im System. Vor seiner Erkrankung war er selbstständig, deshalb bekommt er keine Rente. Eingestuft wird er zwar in den höchsten Pflegegrad 5. Das bedeutet 2000 Euro staatliche Unterstützung pro Monat. Doch 2000 Euro reichen nicht ansatzweise, um die Kosten zu decken.

Ins Altenheim mit 55 – ist das die Endstation?

Nach zahlreichen Therapien und Krankenhausaufenthalten hat seine Frau mit viel Glück ein Zimmer in einem Altenheim in Kolbermoor (Kreis Rosenheim) für ihn bekommen. Allein das kostet 4500 Euro monatlich. Sie und ihr Sohn können ihn nun zwar besuchen, aber viel leichter ist die Situation nicht geworden. Denn obwohl sich Andi Grimm mit eisernem Willen Stück für Stück zurück ins Leben kämpft, ist es schwer, den Lebensmut nicht zu verlieren. Ins Altenheim mit 55 – ist das die Endstation? Der Gedanke ist schwer zu ertragen. „Mir war bewusst, dass ich wohl der Einzige sein würde, der aus dem Heim wieder lebend rauskommt – das war deprimierend und motivierend zugleich.“

Schon bald überwiegt die deprimierende Seite. Die Pflegekräfte sind überlastet, an Förderung und Therapie ist nicht zu denken. Andi Grimm liegt den ganzen Tag im Bett. Oder er wird im Rollstuhl in den Aufenthaltsraum geschoben, wo er stundenlang zwischen dementen Menschen sitzt. Im Bett liegen muss er mit einer Urinflasche zwischen den Beinen, weil die Pfleger nicht die Zeit haben, ihn rechtzeitig zu versorgen. Es ist würdelos.

Während er sich dort durch die Tage kämpft, kämpft seine Frau zu Hause. Sie hat seine Event-Firma übernommen, doch viel Zeit bleibt ihr dafür nicht. Die Tage sind bestimmt von Besuchen bei ihrem Mann und Anrufen bei Kranken- und Rentenversicherung. Jede Maßnahme muss sie erstreiten, überall wird sie weiterverwiesen oder vertröstet. Andi Grimm hätte sogar einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Doch dort sind die Wartezeiten lang – und die Kosten noch höher. Er hätte in eine Wohngruppe ziehen können. Für knapp 10.000 Euro im Monat.

Das Ziel: Irgendwann wieder nach Hause - aber das ist schwierig

„Unser Ziel war immer, dass ich irgendwann wieder nach Hause komme“, sagt Grimm. Aber dafür muss die Doppelhaushälfte, in der sie zur Miete wohnen, komplett umgebaut werden. Schon die fünf Stufen bis zur Haustür sind für Andi Grimm unüberwindbar. Und für diesen Umbau hat die Familie längst kein Geld mehr. Die einmaligen 4000 Euro, die es als Unterstützung gibt, reichen nicht mal dafür, das Bad behindertengerecht umzubauen. Und von den monatlichen 2000 Euro lässt sich die tägliche Pflege nicht finanzieren. „Mehr Unterstützung bekommen wir erst, wenn unsere kompletten Ersparnisse aufgebraucht sind“, erklärt Tina Grimm. Alle Rücklagen, Wertpapiere, Bausparverträge, Lebens- und Rentenversicherungen müssen aufgelöst sein. Teilweise sind sie das schon. „Auch mein Sohn und ich werden dadurch zu Sozialfällen“, sagt Tina Grimm. „Wenn wir erst alles aufgebraucht haben, können wir es nie wieder schaffen, finanziell auf die Beine zu kommen.“

Irgendwie ist es Tina und Andi Grimm trotzdem gelungen, sich ihre Lebensfreude zu bewahren. „Wir haben akzeptiert, dass es unser altes Leben nicht mehr gibt und versuchen, die Zeit gut zu nutzen, die wir miteinander verbringen“, sagt sie. Sie will nicht immer die ganzen Probleme mit den Behörden mitbringen, wenn sie ihren Mann in der Reha-Klinik besucht. „Die Erfolge, die ich mache, helfen uns, nicht aufzugeben“, sagt Andi Grimm. Er sagt, er habe keine Angst, dass ihnen die Kraft ausgeht. Nicht nach den vier Jahren, die schon hinter ihnen liegen. Tina Grimm sagt, sie habe Angst. „Existenzangst.“

Ganz allein ist die Familie mit den vielen Problemen nicht. Andi Grimms Freunde haben einen „Freundeskreis Andi“ gegründet. Sie haben eine Internetseite für ihn entworfen, auf der er selbst seine Geschichte erzählt (www.freundeskreis-andi.de). Und sie sammeln Spenden für seine Familie. Die Unterstützung tut gut – auch mental. Sie hilft Andi Grimm, sich auf sein nächstes Ziel zu konzentrieren: Er will wieder laufen lernen. „Ich war immer ein Sportler“, sagt er. „Und Sportler kämpfen.“

Spendenmöglichkeit

Der „Freundeskreis Andi“ hat ein Spendenkonto eingerichtet, um die Familie zu unterstützen: 

DE 30 7116 0000 0007 2444 44
Volksbank-Raiffeisenbank Kolbermoor
Bitte als Verwendungszweck unbedingt „Andi“ angeben.

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