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Im Mülleimer gefunden und als Kopie ins Internet gestellt: Dieser Kontoauszug hat die Hasskommentare ausgelöst.

Kontoauszug von Asylbewerbern

1780 Euro für sieben Afghanen - Neonazis blasen zur Hetze

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Weil ein Kontoauszug einer afghanischen Familie deren Bezüge offenbart, werden die Asylbewerber öffentlich angefeindet. Sie müssen sogar ihre Kontodaten ändern.

Daiting - Als der 18-jährige Darwish N. vor ein paar Wochen die Kontoauszüge in der Sparkassenfiliale abholte, konnte er nicht ahnen, welche Folgen ein kleiner Fehler haben sollte, den er machte: Er warf den Kontoauszug in den Mülleimer der Sparkasse. Wenige Tage später prangte ein Foto davon im Internet.

Der gebürtige Afghane Darwish N. lebt mit seinen Eltern und vier kleineren Geschwistern als Asylbewerber in dem Dorf Daiting (Landkreis Donau-Ries). Nachbarn berichten: „Das ist eine ordentliche Familie, der Papa geht arbeiten, der Sohn macht bald ein Praktikum beim Arzt.“

Familienname, IBAN und SWIFT tauchen im Netz auf

Umso größer war das Entsetzen der Familie und der Daitinger, als der Kontoauszug auf Facebook auftauchte. Mit vollem Namen der Familie, mit IBAN und SWIFT. „Ich koche über vor Wut“, schrieb ein Facebook-Nutzer unter das Bild des Kontoauszugs, ohne sich da­rüber zu informieren, für wen das Geld überhaupt ist.

Es entwickelte sich ein Shitstorm im Internet, in rechtsradikalen Foren wurde gegen Asylbewerber gehetzt. Kostprobe: „Und wenn man dann sieht, was hilfsbedürftige Deutsche vom Staat bekommen, dann weiß man, wer hier was wert ist.“ Dabei ist der Satz, den Asylbewerber bekommen, erst nach 15 Monaten identisch mit dem von Hartz-IV-Empfängern. Allerdings stellt das Landratsamt Donau-Ries klar: Asylbewerber erhalten in der Regel kein Kindergeld und wenn doch, wird die Sozialleistung um das Kindergeld reduziert.“

Unbekannte bestellen Waren auf Namen der Familie

Für die Familie ist das Geschehen ein Alptraum: „Viele Leute haben schlechte Kommentare über uns geschrieben und sagen: Warum kriegen die Ausländer so viel Geld. Die wissen nicht, dass wir sieben Personen sind,“ so Darwish N. zum Augsburger Radiosender „RT1“. Umso ärgerlicher für die Familie, dass Unbekannte mit ihren Daten Waren per Nachnahme bestellt haben, darum haben die N.s mittlerweile ihr Konto geändert.

Und: Die Sache hat ein juristisches Nachspiel. Das Landrats­amt meldete den Vorfall der Polizei, die wegen der unautorisierten Veröffentlichung persönlicher Daten ermittelt - ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz. Außerdem wird wegen der missbräuchlichen Verwendung persönlicher Daten ermittelt. Facebook hat die Postings und den Kontoauszug mittlerweile gelöscht. 

Hartz IV und Asyl - monatliche Regelsätze für Bezieher

Bezieher

Hartz IV

Asyl bis zum 15. Monat

persönlicher Bedarf

Asyl ab dem 15. Monat

Single im Heim

409 Euro

299 Euro

131 Euro

368 Euro

Single in Wohnung

409 Euro

322 Euro

145 Euro

409 Euro

Ehepartner jeweils

368 Euro

299 Euro

131 Euro

386 Euro

Jugendliche (14 bis 17 Jahre)

311 Euro

265 Euro

76 Euro

311 Euro

Kinder (6 bis 13 Jahre)

291 Euro

258 Euro

93 Euro

291 Euro

Kinder (bis 5 Jahre)

237 Euro

206 Euro

81 Euro

237 Euro

Asylbewerber bekommen in Erstaufnahmeeinrichtungen nur Sachleistungen, persönlicher Bedarf wird im Einzelfall erstattet. In Gemeinschaftseinrichtungen wird Geld gezahlt, es können auch Sachleistungen erfolgen. Nach 15 Monaten Aufenthaltsdauer haben Asylbewerber Anspruch auf Leistungen in Höhe von Hartz IV. Singles bekommen in Sammelunterkünften nur 90 Prozent.

Daitinger Bürgermeister: „Sehr nette Familie“

Daitings Bürgermeister Roland Wildfeuer, früher Polizist in München, ärgert sich über die Diskussion, die mit den Kontoauszügen der Familie N. angestoßen wurde: „Das sind nette Leute, ein Paar mit fünf Kindern. Das Geld, das sie bekommen, sind die Regelsätze, die Asylbewerbern zustehen,“ so der parteifreie Wildfeuer gegenüber der tz. Familienvater Fazil habe schon arbeiten wollen, als er frisch zugezogen war, durfte das aber nicht. „Er half dann Nachbarn beim Holz machen.“ Seit 1. Januar dieses Jahres arbeitet er für 80 Cent die Stunde beim Gemeindebauhof, 30 Stunden die Woche. Dafür bekam Fazil N. die 77,20 Euro überwiesen, die auf dem Kontoauszug als „Gutschrift Gemeinde Daiting Entgelt fuer Mt. Juni 2017“ aufgeführt sind.

Die afghanische Familie ist integriert, sie wohnt in einem alten Haus in der Ortsmitte. Der Bürgermeister ärgert sich über die Diskussion im Internet: „Es wird übersehen, dass das Geld für sieben Menschen ist. Asylbewerber bekommen nach 15 Monaten Bezüge, die sich am Hartz-IV-Satz orientieren, wobei die Abzüge für die Asylbewerber höher sind als die für Hartz-IV-Bezieher.“

Johannes Welte

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