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Hier kommen Kinder mit Dyskalkulie schon lange nicht mehr mit: Mathe-Unterricht in einer 11. Klasse.

Dyskalkulie

Hilfe für rechenschwache Kinder

München - Lange war es fraglich, ob Kinder mit Dyskalkulie, also Rechenschwäche, einen Nachteilsausgleich bei den Noten bekommen können. Nun gibt es Bewegung in der Sache.

Für Christine Sczygiel vom Verband „Legasthenie und Dyskalkulie e.V.“ war die Sache klar. Ihre eigene Tochter, heute 30, leidet an schwerer Rechenschwäche – „es war ein sehr schwerer und langer Weg, dieses Kind durch die Schule zu bringen“, berichtete die Verbandsvorsitzende aus Hettstadt bei Würzburg den Landtags-Abgeordneten im Bildungsausschuss. „Leid und Not“ in den Familien seien „unsäglich“. Wann endlich, fragte Sczygiel, werde solchen Kindern wirksam geholfen?

Dyskalkulie bei Kindern ist kompliziert. Die Ursachen sind umstritten, Schätzungen über die Zahl der Betroffenen variieren zwischen einem und 15 Prozent. Auch Abstufungen und Unterscheidungen zwischen normaler Mathematik-Schwäche und ausgeprägter Rechenschwäche sind unklar. Im Gegensatz zur Legasthenie, also Lese- und Rechtschreibschwäche, haben Lehrer an bayerischen Schulen bisher kaum Möglichkeit, so genannten dyskalkulanten Kindern einen Nachteilsausgleich zu gewähren. Weder gibt es einen großzügigeren Fehlerschnitt bei Proben, noch bekommen die Kinder zum Beispiel mehr Zeit bei der Bearbeitung von Aufgaben in der Schule. Die Grünen im Landtag wollen das ändern und hatten ein Fachgespräch angeregt. Ein Nachteilsausgleich, so Grünen-Schulpolitiker Thomas Gehring, „ist die zentrale Frage“. Auch wenn sich der Landtag gestern noch nicht dazu durchringen konnte, so gibt es nach Ansicht des Ausschussvorsitzenden Martin Güll (SPD) nun Fortschritte. „Endlich kommt Bewegung in die Diskussion.“

Deutlich wurde bei der Anhörung, dass die Fachwelt zerstritten ist. Gerd Schulte-Körne, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum München, führte Dyskalkulie auf eine genetische Disposition zurück. „Das ist eine Erkrankung“ – folglich müsse es im Sinne einer Inklusion auch die Möglichkeit geben, „mit ausgeprägter Rechenschwäche Abitur zu machen“. Er plädierte dafür, die Mathematik-Note im Abiturzeugnis in solchen Fällen ganz einfach wegfallen zu lassen.

Volker Ulm, ein von der CSU als Sachverständiger benannter Professor für Didaktik der Mathematik an der Uni Bayreuth, warnte vor diesem Schritt. Der Grundsatz der Gleichbehandlung spreche gegen den generellen Verzicht auf die Mathe-Note. Die Frage, ob der Staat ein Kind, das 100 Milliliter nicht von einem Liter unterscheiden könne, „den Weg zum Abitur ebnen“ solle, beantwortete er mit Nein. Besser als Noten-Nachlass seien Förderprogramme. Ulm forderte eine „flächendeckende Fortbildungsstruktur“ für Grundschullehrer, die Dyskalkulie früh erkennen und gegensteuern sollten. Freilich sei das teuer. Auf Frühförderung setzt auch die CSU, die das Thema Nachteilsausgleich bisher nur mit spitzen Fingern anfasst. Dennoch sprach sich der CSU-Abgeordnete Norbert Dünkel dafür aus, „deutliche Pflöcke zu setzen“.

Ein erster, im Landtag einstimmig angenommener Antrag sieht ein Handbuch für Lehrkräfte vor, enthält aber auch den Passus, dass der Landtag eine Empfehlung über die zukünftige Leistungsbewertung von Kindern mit Dyskalkulie beschließen soll. Im Januar wird der Landtag erneut beraten – auch über zahlreiche Petitionen von Eltern, die für ihr Kind um Nachteilsausgleich bitten.

Dirk Walter

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