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Letzter Ausweg Frauenhaus: Viele Frauen müssen ihre Wohnungen aus Angst vor ihrem gewalttätigen Mann verlassen – und finden dann keine bezahlbare Bleibe mehr. Deshalb sind die Frauenhäuser in Bayern immer voll. 

Zu wenig Plätze, zu wenig Personal

Hilferuf aus den Frauenhäusern: Zufluchtsstätten sind selber in größter Not

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Bayerns Frauenhäuser stehen vor großen Problemen. Sie müssen jede zweite Frau abweisen, weil es keine freien Plätze gibt. Denn ohne bezahlbare Wohnungen können die Frauen nicht ausziehen. Die Situation verschärft sich seit Jahren. Ein Hilferuf ging nun direkt an Bayerns Ministerpräsident.

Dachau – Stefanie Roll (Name geändert) hat 40 Jahre alles stumm ertragen. Alle Schläge, alle Beschimpfungen und Erniedrigungen. Erst als ihre Kinder erwachsen waren, hat sie den Mut gefasst, ihren Mann zu verlassen. Mit einem hastig gepackten Koffer ist sie nach einem besonders schlimmen Streit ins Dachauer Frauenhaus geflohen. Diese Nacht liegt ein Jahr zurück. Die körperlichen Wunden sind verheilt, die seelischen heilen langsam. Durch die Therapie hat Stefanie Roll langsam ihr Selbstvertrauen zurückgewonnen. Doch nun steht sie vor neuen Problemen. Sie findet keine bezahlbare Wohnung. Und sie weiß, dass sie nicht ewig im Frauenhaus bleiben kann. Seit einiger Zeit denkt sie darüber nach, zu ihrem Mann zurückzukehren – weil sie keinen anderen Ausweg sieht.

In Stefanie Rolls Situation sind viele Frauen in allen 38 bayerischen Frauenhäusern. Allein in Dachau sind in den vergangenen beiden Jahren sechs Frauen zu ihren gewalttätigen Männern zurückgekehrt. Für die Helfer ist es furchtbar, dabei zusehen zu müssen, sagt die Sozialpädagogin Birgit van Gunsteren. „Das macht alle Therapien sinnlos.“ Grundsätzlich müsse niemand das Frauenhaus verlassen, betont sie. Aber sie versteht auch die Frauen, die es nach Monaten auf engstem Raum nicht mehr aushalten. „Es ist eben nur eine Notunterkunft.“ Der Mietzuschuss vom Jobcenter reicht in den meisten Städten nicht aus, um eine Wohnung bezahlen zu können. Und die Wartelisten für Sozialwohnungen sind lang.

Durch akute Wohnungsnot wird die Lage immer dramatischer

„Die Situation war schon immer angespannt“, sagt Oskar Krahmer, der Vorsitzende der AWO Dachau, die Träger des Frauenhauses ist. Doch durch die akute Wohnungsnot wird die Lage immer dramatischer. In den Richtlinien ist eine Aufenthaltsdauer von sechs Wochen vorgeschrieben. „Das hat noch nie gereicht“, betont er. Doch noch vor einigen Jahren waren die Frauen so weit, dass sie nach einem halben Jahr eine Wohnung gefunden hatten. „Wir müssen Hilfe suchende Frauen und ihre Kinder regelmäßig abweisen“, berichtet Krahmer. Und das ist nicht nur in Dachau so.

Jede zweite Frau, die in einem Frauenhaus um Hilfe bittet, wird abgewiesen. Das hat eine 2016 veröffentlichte Studie belegt, die das Sozialministerium in Auftrag gegeben hatte. Sie hat auch ergeben, dass die Richtlinien zur Förderung aus dem Jahr 1993 der Realität längst nicht mehr gerecht werden – weder was die Plätze für Frauen angeht, noch was den Personalschlüssel betrifft. Seit Jahren wird um mehr Geld für die Frauenhäuser gestritten. Die staatliche Förderung wurde im Nachtragshaushalt zwar auf zwei Millionen erhöht. Aber das, was davon in den einzelnen Einrichtungen ankommt, reiche nicht aus, um die Plätze auszubauen und das Personal entscheidend aufzustocken, betont Krahmer.

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Sabine Böhm gibt ihm Recht. Sie ist die Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft der Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen. „Wenn wir mehr Personal hätten, könnten wir die Frauen besser begleiten – und in einigen Fällen vielleicht sogar verhindern, dass sie überhaupt ins Frauenhaus ziehen müssen“, sagt Böhm.

Hoffnungen in Arbeitsgruppe durch Ministerwechsel zerstört 

Große Hoffnungen hat sie in die Arbeitsgruppe gesetzt, die Bayerns damalige Sozialministerin Emilia Müller mit Vertretern der kommunalen Spitzenverbände, der Freien Wohlfahrtspflege und den Vertretern der betroffenen Einrichtungen aufgebaut hatte. „Damals ist ein gutes Konzept erarbeitet worden“, sagt sie. Das findet auch Oskar Krahmer. Doch bevor es umgesetzt werden konnte, gab es den Personalwechsel im Ministerium. „Die neue Ministerin Kerstin Schreyer hat eine neue Arbeitsgruppe eingerichtet, die damit begonnen hat, den Gewaltbegriff zu definieren“, kritisiert Krahmer. Auch Sabine Böhm kann das nicht nachvollziehen. „Noch einmal können wir nicht so viel Zeit dafür investieren“, sagt sie. „Diese Zeit fehlt uns für die Betreuung der betroffenen Frauen.“

Das Sozialministerium verweist auf einen Drei-Stufen-Plan von Schreyer. Sie wolle sich unter anderem dafür einsetzen, dass der Platzausbau in Bayerns Frauenhäusern ab 2019 um etwa 35 Prozent vorangetrieben wird. Die Investitionshöhe hänge von den verfügbaren Mitteln im Haushalt ab. Oskar Krahmer will nicht mehr so lange warten. Der Dachauer AWO-Chef hat schon vor einigen Wochen einen Brief an Ministerpräsident Markus Söder verfasst, in dem er die Notsituation schildert. „Wir müssen dringend anfangen, zu handeln“, betont er. Eine Antwort hat er noch nicht bekommen.

Millionen Frauen von Gewalt betroffen, wenige suchen Hilfe

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