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Aus dem Ruder gelaufen: In Gersdorf haben die Menschen ein Schild vor den Forstmaier-Hof gestellt. Es richtet sich gegen die Altbäuerin. Ein schlimmer Generationenkonflikt - aber längst kein Einzelfall.

Bäuerliche Familienberatung

Diakon hilft, wenn Streit auf dem Hof eskaliert

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Reichertsheim - Generationenkonflikte, Erbstreit, Lebenskrisen: Auf Bayerns Bauernhöfen scheinen sich manchmal die Probleme zu bündeln. Wie gerade in Gersdorf, Kreis Ebersberg, wo täglich demonstriert wird. Warum ist Bauernhof manchmal so kompliziert?

Wenn bei Diakon Andreas Klein, 59, das Telefon klingelt, dann ist die Not am anderen Ende der Leitung meistens gigantisch. Auf den ersten Blick zumindest, manchmal auch auf den zweiten. Und eines kann man sagen: Das Telefon hier in dem kleinen Büro in Reichertsheim im Kreis Mühldorf klingelt oft. So wie jetzt.

Ring, ring, ring. Klein, ein freundlicher Mann mit weißem Bart und sanfter Stimme, nimmt ab. Er sagt: „Bäuerliche Familienberatung, Klein, Grüß Gott.“ Dann hört er zu. Nach einer Weile sagt der Diakon, der bei der Erzdiözese München und Freising angestellt ist: „Also, es geht um ein finanzielles Problem.“ Kurze Pause. „Soll ich zu Ihnen auf den Hof kommen oder wollen Sie herkommen?“ Ein typischer Fall.

Ein Bauer aus dem Landkreis Freising war dran, seine Geschichte darf Klein nicht verraten, absolute Schweigepflicht. Nur so viel: Er wird in den nächsten Tagen Kontakt mit ihm aufnehmen oder einen seiner zwölf ehrenamtlichen Mitarbeiter auf den Hof schicken. Darunter sind auch Finanzexperten, die ziemlich schnell sehen, ob ein Hof wirklich pleite oder noch zu retten ist. Klein ist Finanz-coach, Problemanpacker, Hofübergabe-Berater, Lebensberater sowieso, Konfliktmanager, Zuhörer, Seelentröster. Im Grunde ist er eine eierlegende Wollmilchsau, wenn es um Probleme von oberbayerischen Bauernfamilien geht. Er ist oft der letzte Notnagel.

Einmal hat ein verzweifelter Bauer bei ihm angerufen. Man habe ihn betrogen, hat er gesagt. Der Mann hat über eine Kontaktvermittlung, die auf landwirtschaftliches Klientel spezialisiert ist, eine Frau gesucht, die zu ihm auf den Hof zieht. In der Annonce war die Dame genau beschrieben. Alter, Beruf, Herkunft, Erfahrung in der Landwirtschaft, solche Sachen. Der Bauer hat sich darauf eingelassen. Aber dann ist plötzlich eine ganz andere Frau bei ihm vorgefahren – nicht die, die er in der Anzeige erkannt haben will. Die Liebesagentur bestand trotzdem auf ihr Honorar: ein paar tausend Euro. Der Diakon musste ran, um die Wogen zu glätten. Wie so oft.

Klein muss lachen, als er die Geschichte erzählt. Weil anders – ohne Humor – kann man diesen Job wahrscheinlich gar nicht machen. Aber manchmal vergeht selbst ihm das Lachen. Einmal hat sich ein Bauer, verheiratet, drei Kinder, eines davon behindert, an ihn gewandt. Der Bauer musste sich an Klein wenden. Daheim auf dem Hof haben sie ihm gesagt: „Wenn Du nicht beim Klein anrufst, dann zeigen wir dich an.“

Der Bauer hat seine Ehefrau, die Bäuerin, zuvor im Stall auf den Futtertisch geworfen. Ihr Gesicht war danach grün und blau. Der Bauer ist ein in sich gekehrter Mensch, eigentlich ein liebevoller Vater, der selbst eine schwere Kindheit hatte – aber Konflikte kann er nur sehr schwer mit Worten lösen. Klein geht in solchen Fällen auf den Bauernhof. Er versucht, ihn zu retten. Weil so was natürlich an die Existenz geht. Doch zuerst versucht er, die Familie zu retten. Bald findet Klein zusammen mit den Angehörigen einen ersten Ausweg: Der Bauer zieht weg vom Hof, in eine eigene Wohnung, aber jeden Tag kommt er zurück – zum Arbeiten. Ein erster Schritt. Inzwischen lebt der Mann wieder auf dem Hof. Er sagt inzwischen, er wolle weiter an sich arbeiten.

Man darf das jetzt nicht verallgemeinern, Schicksale sind immer Einzelschicksale, auf einem Großteil der über 100 000 landwirtschaftlichen Betriebe in Bayern läuft alles reibungslos. Aber das spezielle, generationenübergreifende, arbeitsintensive Lebensmodell Bauernhof kann sehr kompliziert sein. Auf Bauernhöfen schwelen Streitigkeiten oft lange, und plötzlich flammen sie auf. Andreas Klein, der selbst einem Hof in Rheinland-Pfalz entstammt, sagt: „Das Zusammenleben und das Zusammenarbeiten ist nirgends so dicht wie auf dem Bauernhof.“ Und er sagt: „Ich wage zu sagen, dass es heute schwerer ist als vor 40 Jahren.“

Ausufernde Bürokratie, Preisdruck und Freunde mit einer 38-Stunden-Woche. Es gibt viel, was an einem nagen kann. Vor allem Frauen rufen bei Klein an, meistens sind sie um die 50 und die Kinder aus dem Gröbsten raus. „Wer bin ich eigentlich?“ Diese Frage stellen sich die Bäuerinnen. Sie wollen ein Stück mehr Freizeit, Freiraum, eigene Hobbys. „Viele Bauern“, sagt Klein, „definieren ihren Lebenssinn über die Arbeit.“ Vielen Bäuerinnen reicht das nicht. Die Arbeit geht Klein so schnell nicht aus – im Gegenteil. Schon wieder klingelt das Telefon. Klein nimmt ab, eine Bäuerin, die er schon kennt, beschwert sich: „Wir können“, sagt sie, „mit Ihnen nicht mehr weiterarbeiten.“ Das war’s, so schnell geht es. Bäuerliche Familienberatung beendet.

So was passiert natürlich oft: Klienten glauben, Klein sei bei einem Generationenkonflikt nicht Schlichter, sondern Richter, der dem Jungbauern wahlweise dem Altbauern mal so richtig den Kopf wäscht. Weil er faul ist, weil er die Tiere vernachlässigt, weil er zu viel trinkt oder was auch immer. Aber so geht Familienberatung nicht. So geht Streit.

Den Fall aus Gersdorf im Kreis Ebersberg kennt Klein natürlich auch – aber nur aus der Zeitung. Hier nochmal die Kurzfassung: Seit zwölf Generationen bewirtschaften die Forstmaiers ihren Bauernhof. Die Altbäuerin hat ihren Sohn vom Hof geklagt, samt der Ehefrau und den fünf Kindern. Seitdem brodelt es in dem 80-Seelen-Dorf. Es ist ein wüster Streit entbrannt. Alle haben sich auf die Altbäuerin eingeschossen. „Hier geschieht Unrecht“, Plakate mit solchen Texten haben die Leute vor dem Hof aufgestellt. Es wird gedroht und geplärrt. Seit Tagen versammeln sich bis zu 300 Menschen vor dem Grundstück – sie wollen, dass der Jungbauer wieder auf den Hof zurück darf. Hier ist vieles aus dem Ruder gelaufen.

Eigentlich ein typischer Fall für Klein, bisher hat noch niemand angerufen. Vielleicht übersteigt der Fall auch seine Möglichkeiten, denn wenn sich die Streithähne nicht an einen Tisch setzen, dann gibt’s fast nichts mehr zu retten. Er sagt: „Es geht nicht um Gewinner und Verlierer bei meiner Arbeit, sondern um eine Situation, bei der beide gewinnen.“ Es sind die ganz einfachen Dinge, die der Familienberater einer zerstrittenen Bauernfamilie wieder beibringen will. „Ich nehme mir vor, in der Früh zu grüßen.“ Oder: „Ich nehme mir vor, zu loben, was der Sohn gemacht hat.“ Oder: „Wir nehmen uns vor, uns täglich zu unterhalten.“ Das sind die ersten Schritte. Schon daran sieht man, wie verfahren die Situation oft ist. Wie viel Leid Streit erzeugt.

Man muss nur mal im Archiv blättern: Bauerntragödien gibt es immer wieder. In Parsberg im Kreis Miesbach zündet der 71-jährige Ex-Ehemann der Austragsbäuerin im letzten Sommer den Hof an. Grund sollen Familienstreitigkeiten gewesen sein. Schaden: eine Million Euro. Später bringt er sich selbst um.

In Penzing im Kreis Landsberg tötet ein 35-jähriger Landwirt vor ein paar Jahren seine Eltern mit der Axt. Es gab Streit um die Fortführung des Milchviehbetriebs. Horrorgeschichten, klar. Und zum Glück: Ausnahmen. In Neumarkt in der Oberpfalz standen sich kürzlich Geschwister im Gerichtssaal gegenüber, die sich schon lange gegenseitig mit Strafanzeigen quälen. Diesmal soll der Bruder die Schwester auf dem Hof die Treppe hinuntergestoßen haben. Der Richter, der die Familie kennt, ermahnte die Geschwister im Gerichtssaal: „Hören Sie endlich auf, sich gegenseitig zu drangsalieren.“ Die Eltern sollen über Jahrzehnte versäumt haben, zu entscheiden, wer den Bauernhof mal übernehmen darf. Die Fälle wiederholen sich.

Klar ist: Streit ums Erbe, das gibt es nicht nur auf dem Bauernhof. Das gibt es auf der ganzen Welt, aber auf dem Hof kann die Lage schneller explodieren. Oft leben mehrere Generationen unter einem Dach. Oft gibt es nur eine einzige Eingangstüre – und einen einzigen großen Wohnbereich. Der Ursprung vieler Probleme, findet Klein. „Jede Generation“, sagt er, „braucht ihren Rückzugsort – und die eine Generation braucht nicht wissen, wer gerade bei der anderen zu Besuch ist.“

Seit fast 20 Jahren fährt der studierte Theologe in Oberbayern von Hof zu Hof, er hat schon viel gesehen. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, das macht ihn als Ratgeber wertvoll und manchmal anstrengend, weil er unangenehme Wahrheiten angeht. Er spricht Alkoholprobleme an und auch Fehler in der Betriebsführung. Unter Landwirten, sagt er, sei das Denken stark verankert, dass man mehr haben muss als der Nachbar. „Wenn der eine ein neues Kreiselmähwerk hat, dann brauche ich es auch.“ Das sei das Muster. „Früher war auf dem Hof das Auto das Statussymbol, heute sind es die Maschinen.“

Dann klingelt das Telefon wieder, noch mehr Kundschaft. Bevor er abnimmt, schiebt Andreas Klein ein grünes Faltblatt über den Tisch. Darauf hat er alles Wichtige zur Bäuerlichen Familienberatung geschrieben. Zum Beispiel das: „Der längste Weg ist der zum ersten Schritt.“ Und: „Patentrezepte und Wunder können wir Ihnen nicht bieten.“ Fast alles andere schon. Und das sogar gratis.

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