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So feiert Bayern Himmelfahrt. Nach Angaben des Landesamts für Statistik begehen genau 1704 Gemeinden den Feiertag. Hier gibt's die Graphik größer.

Statistik spaltet Bayern

Ein Dorf rebelliert gegen den Himmelfahrts-Irrsinn

München - Der 15. August ist nur in den überwiegend katholischen Gemeinden in Bayern ein Feiertag. Der Zensus hat einiges durcheinander gewirbelt. In ganz Bayern? Nein! Ein unbeugsames schwäbisches Dorf leistet tapfer Widerstand gegen den Statistik-Irrsinn.

So oft wie dieses Jahr ist Alwin Lichtensteiger noch nie gefragt worden, wie er den 15. August verbringen wird. Das liegt an seinem Beruf und an seinem Wohnort. Er ist einer der drei bayerischen Bürgermeister, die ihrer Gemeinde erklären müssen, wie ihnen eine Statistik einen Feiertag rauben konnte. In Lichtensteigers Heimatort Memmingerberg im überwiegend katholischen Schwaben haben sich laut jüngster Volkszählung die Mehrheitsverhältnisse geändert. Dort leben 1051 evangelische Bürger – aber nur noch 981 Katholiken. Und das hat Konsequenzen: Denn Mariä Himmelfahrt ist nur in den bayerischen Kommunen ein Feiertag, in denen überwiegend katholische Bürger leben. So steht es im Feiertagsgesetz. Alwin Lichtensteiger reicht das nicht als Erklärung dafür, warum in Memmingerberg dieses Jahr am 15. August das erste Mal seit vielen Jahren gearbeitet werden soll. „Wir machen von unserem Selbstverwaltungsrecht Gebrauch und legen ein Veto ein“, sagt er kampfeslustig. Es ist ein Veto gegen eine Regelung, die den ganzen Freistaat spaltet und für einige paradoxe Fälle sorgt.

Das unterfränkische 1300-Einwohner-Dorf Thüngen etwa verdankt es nur vier Katholiken, dass der 15. August ab diesem Jahr dort ein Feiertag ist. Im mittelfränkischen Baiersdorf trifft es die Bürger am härtesten: Dort war der 15. August immer ein Feiertag – bis das Ergebnis der Volkszählung amtlich wurde. Laut Zensus sind die evangelischen Bürger mit 53 Gläubigen neuerdings in der Überzahl. Das ist die offizielle Statistik – im wahren Leben haben die Katholiken in Baiersdorf längst wieder die Oberhand. Den Feiertag haben sie trotzdem verloren – es gilt die Statistik von 2011. Die Baiersdorfer nehmen’s gelassen hin, dass sie am Freitag arbeiten müssen. Trotzdem kann sich Klaus Hutzler, Geschäftsleiter der Gemeinde, einen Satz nicht verkneifen: „Es ist absurd, dass ein Feiertag von der Katholikenzahl an einem beliebigen Stichtag abhängt“, sagt er. „Bei der nächsten Volkszählung ändert sich wieder alles.“

Das Zensusergebnis von 2011 hat die Feiertagsregelung in zehn bayerischen Gemeinden durcheinander gewirbelt: Sieben Kommunen (alle in Ober- und Unterfranken) haben Mariä Himmelfahrt als Feiertag dazugewonnen, in drei Gemeinden ist er offiziell weggefallen. Die Memmingerberger sind allerdings die einzigen, die sich von der Statistik ihr langes Wochenende nicht nehmen lassen wollen. Sie machen am 15. August genau das, was sie in den Jahren zuvor auch gemacht haben: frei. Alle gemeindlichen Einrichtungen sind am Freitag geschlossen, sagt Bürgermeister Lichtensteiger. Die meisten Arbeitgeber werden ihren Angestellten wohl ebenfalls freigeben. „Schon allein, weil in 49 der 52 Gemeinden im Unterallgäu Feiertag ist. Und auch in den fünf anderen Gemeinden, die zu unserer Verwaltungsgemeinschaft gehören.“ Die Memmingerberger können das Gesetz zwar nicht ändern – aber kampflos beugen wollen sie sich ihm auch nicht. ´

Die kritischen Stimmen waren bislang nicht laut genug

Und dagegen kann eigentlich niemand etwas tun, sagt Stefan Frey, Sprecher des Innenministeriums. „Die Gemeinden müssen aber auch die Konsequenzen tragen“, betont er. Beispielsweise Bezügekürzungen für die Beamten, die einen zusätzlichen freien Tag haben – das wiederum sieht die Urlaubsverordnung vor. Grundsätzlich könnte nur der Landtag die Mariä-Himmelfahrt-Regel in Bayern ändern und den Feiertag für den ganzen Freistaat durchsetzen. Bisher sei das noch nie im Gespräch gewesen, sagt Frey. „Die kritischen Stimmen waren noch nie laut genug.“

Schließlich gibt es in Bayern auch Feiertags-Gewinner. Pfarrer Johannes Rauch aus Leipheim zum Beispiel. Seine Gemeinde war eine der wenigen in Schwaben, in der Mariä Himmelfahrt bisher kein Feiertag war. Das hat sich dank Zensus geändert. Pfarrer Rauch freut sich so auf den 15. August, dass er dafür sogar seinen Urlaub unterbricht. Schließlich bereitet er den Mariä-Himmelfahrts-Gottesdienst schon seit einem halben Jahr vor. Er hat den Augsburger Weihbischof Florian Wörner angeschrieben, er wird im Gottesdienst predigen. Und die Gemeinde hat eine neue Marienstatue gekauft, sie soll mit einer Lichterprozession in die Kirche getragen werden. Die Frauen haben Kräuterbuschen gebunden, die im Gottesdienst gesegnet und anschließend verschenkt werden. Sogar seinen evangelischen Kollegen Pfarrer Gerhard Oßwald konnte Johannes Rauch für ein Grußwort gewinnen. „Wir werden alle zusammen Mariä Himmelfahrt feiern“, freut sich Rauch. Die Konfession wird am 15. August keine große Rolle spielen. Sie ist erst wieder in ein paar Jahren wichtig – bei der nächsten Volkszählung.

Katrin Woitsch

Gottesdienste, Prozessionen und Kräuterweihen

Mit bangem Blick zum Himmel werden die Mitarbeiter und Gläubigen in den katholischen Pfarrgemeinden auf den Feiertag Mariä Himmelfahrt warten. Schließlich laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, um an diesem Freitag mit Lichterprozessionen und Kräuterweihen der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel zu gedenken. Bis zuletzt wird an den bunten Sträußen mit Kräutern und Blumen gearbeitet, die Frauen und Mädchen bei den Umzügen mit sich führen.

Das Hochfest „Mariä Himmelfahrt“ hat seinen Ursprung in der Ostkirche, wo es bereits im Jahre 431 eingeführt worden ist. In der römischen Kirche wird die in der Bibel nicht näher beschriebene Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel seit dem siebten Jahrhundert gefeiert, in Deutschland seit dem neunten Jahrhundert. Papst Pius XII. verkündete 1950 als vorerst letztes Dogma feierlich die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“. Danach erlebte das Marienfest eine große Aufwertung.

In der Gemeinde St. Maria Thalkirchen im Münchner Süden ist das Marienfest der Auftakt zu einem ganzen Marien-Monat, dem sogenannten „Frauendreißiger“ und damit 30 Tagen Gebet zur Gottesmutter. Bis zum 14. September finden täglich um 16 Uhr Wallfahrtsandachten statt, gefolgt von einer Stillen Anbetung und einer Pilgermesse um 18 Uhr. Freitags ist die Pilgermesse um 17 Uhr nach der Andacht. Zwischen 15 und 17 Uhr ist der Pfarrgarten zur Begegnung der Wallfahrer (mit Kaffee und Kuchen) geöffnet.

Wie sehr dem Münchner Erzbischof die Belebung der Marienwallfahrt in Thalkirchen am Herzen liegt, zeigt die Tatsache, dass Kardinal Reinhard Marx am Himmelfahrtstag den „Frauendreißiger“ mit einer Pilgermesse um 19 Uhr und einer anschließenden Lichterprozession eröffnet. Pfarrer Michael Kiefer betont aufmunternd: „Der Frauendreißiger ist nicht nur für Frauen gedacht.“ Er freut sich, dass die Zahl der Wallfahrer in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen sei.

Rund 15 000 Pilger erwartet der schwäbische Wallfahrtsort Maria Vesperbild an diesem Freitag: Kurienerzbischof Georg Gänswein wird dort um 19 Uhr das Pontifikalamt zelebrieren, dann ziehen die Gläubigen mit Kerzen über den Schlossberg zur Mariengrotte. Und jetzt hoffen alle nur noch, dass das Wetter besser wird als vorhergesagt.

cm/mm

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