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Der Auktionator Werner Behringer hält eine Besucherkarte, ausgestellt auf die Namen Erich Ludendorf, Ernst Röhm und Albrecht von Graefe aus der Gefangenenzeit von Adolf Hitler in der Haftanstalt in Landsberg am Lech in den Händen.

Hitler als Häftling in Landsberg - neue Dokumente aufgetaucht

Fürth - In Fürth werden bislang unbekannte Dokumente aus Hitlers Gefangenschaft in Landsberg versteigert. Sie verraten zwar manch neues Detail - doch der Forschung bleiben sie wohl unzugänglich.

Rund 350 Besucherkarten zeugen von der großen Anziehungskraft des Häftlings. Seine Getreuen, die seine Ideologie stützen, kommen ebenso wie Bewunderer und Gönner. 13 Monate sitzt Adolf Hitler in der Haftanstalt Landsberg am Lech, empfängt etliche Gäste, darf mit ihnen sogar Vier-Augen-Gespräche führen und wird gut mit Lebensmitteln versorgt.

Dem späteren Diktator geht es allem Anschein nach recht gut im Gefängnis, obwohl er nach dem gescheiterten Putschversuch von 1923 bis 1924 wegen Hochverrats einsitzt. Die Gefängnisleitung lässt Milde und Nachsicht walten, so dass Hitler das Gefängnis zur Schaltzentrale seiner nationalsozialistischen Bewegung machen kann. Zahlreiche Dokumente aus dieser Zeit sind nun in Nürnberg wieder aufgetaucht. An diesem Freitag und Samstag werden sie von einem Fürther Auktionshaus versteigert, darunter auch das bislang verschollene Aufnahmebuch der Festung Landsberg, die vielen Besucherkarten und etliche Briefe der Anstaltsleitung.

Die historischen Dokumente hat ein Nürnberger im Nachlass seines Vaters entdeckt. Der wiederum kaufte die Papierbündel in den 1970er Jahren wohl eher zufällig zusammen mit Büchern aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Trödelmarkt; fast 40 Jahre lang waren sie unbemerkt geblieben. “Der Verkäufer will aber lieber im Hintergrund bleiben“, sagt Auktionator Werner Behringer.

Ein finanzielles Interesse an den Dokumenten hat er gleichwohl trotzdem: Bei 25 000 Euro liegt das Eröffnungsgebot für die rund 500 Schriftstücke, die in sieben Ordnern sortiert sind. “Sowas Einmaliges ist noch nie aufgetaucht“, wirbt Auktionator Behringer. Doch staatliche und wissenschaftliche Stellen dürften eher nicht zu den Bietern gehören.

Das bayerische Staatsarchiv München hat sich zwar von der Echtheit der Dokumente überzeugt, lässt aber noch offen, ob es sich an der Versteigerung beteiligen will. “Das ist doch ein hoher Betrag“, sagt Peter Fleischmann, der Leitende Direktor. Er selbst hatte in den vergangenen Tage die Dokumente geprüft. Sein Haus hätte sich sehr gefreut, wenn der Besitzer der Dokumente von sich aus auf die Experten zugekommen wäre: “Wir sind Historiker, wir sehen das als Quelle.“

Zwar sei durch andere Akten und Unterlagen Hitlers Zeit in Landsberg gut rekonstruierbar, dennoch hält er die nun zum Verkauf stehenden Dokumente für interessant: “Einige Dinge waren bisher nicht bekannt, zum Beispiel, wie lange die Besucher jeweils bei Hitler zugegen waren.“ Mitputschist Erich Ludendorff etwa habe eine Stunde mit Hitler sprechen dürfen - ohne dass ein Gefängniswärter dabei war. “Aber das sind Fakten am Rande und keine neuen Erkenntnisse“, sagt Fleischmann.

Auch das Münchner Institut für Zeitgeschichte findet das Mindestgebot “sehr hoch“. Man habe sich deshalb nicht näher mit dem Konvolut befasst, berichtet Sprecher Bernhard Gotto. Allerdings habe man lediglich drei Scans erhalten - und könne deshalb kein Urteil über den wissenschaftlichen Wert aller Dokumente fällen. “Die Scans, die uns zur Verfügung standen, enthielten keine Informationen, die den Erkenntnisstand der Forschung über Hitlers Haft in Landsberg wesentlich verändern“, betont Gotto.

Auktionator Behringer setzt nun darauf, dass Händler aus den USA um das Konvolut bieten. Das habe nichts mit der politischen Einstellung der Bieter zu tun, versichert er. “Die sind einfach an diesen historischen Dokumenten interessiert.“

Im Dezember 1924 wird Adolf Hitler vorzeitig entlassen - Gefängnisleiter Leybold selbst hatte sich um die Freilassung bemüht, sei dieser doch stets “verständig, genügsam, bescheiden und höflich gegen jedermann“ gewesen.

Von den ursprünglich fünf Jahren Haft muss Hitler deshalb nur 13 Monate verbüßen - in der Zwischenzeit hat er “Mein Kampf“ verfasst und sein braunes Netzwerk weiter geknüpft. Und sich schon bald auf seine Rückkehr in die Freiheit vorbereitet. So findet sich unter den jetzt aufgetauchten Dokumenten auch die Abschrift eines Briefs an einen Autohändler, bei dem Hitler sich erkundigt, welches Benz-Modell der Händler denn zum Kauf empfehlen könne.

dpa

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