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Durst! Für die Tiere bedeutet große Hitze Stress. Landwirt Wolfgang Scholz ist von seinen Rindern am Wochenende „herzlich empfangen“ worden, wenn er die Tränken auf der Weide nachfüllen wollte.

Sommer mit Nebenwirkungen

Die Hitze und ihre Folgen

Volle Biergärten, volle Freibäder, volle Eisdielen – die meisten Bayern haben das sommerliche Pfingstwochenende ausgiebig genossen. Einige sind an den vergangenen Tagen aber nicht nur wegen der Hitze ins Schwitzen geraten – sondern auch wegen deren Folgen.

Wolfgang Scholz hat aufgeatmet, als er gestern Morgen den Wetterbericht hörte. Regenwolken sind im Anflug, endlich! Das heiße Pfingstwochenende war für den Landwirt und seine rund 140 Tiere eine schweißtreibende Herausforderung. Seine Jungtiere auf der Weide haben sich drei Tage lang kaum aus dem Schatten bewegt – höchstens zum Trinken. Scholz musste die beiden 1500-Liter-Fässer auf der Weide jeden Tag auffüllen. „Ich bin jedes Mal herzlich empfangen worden“, sagt er. Und auch in seinem Stall ging’s über Pfingsten eher gemütlich zu, die Kühe wollten gar nicht nach draußen. „Für die Tiere bedeutet die Hitze Stress.“ Sie setzt ihnen viel mehr zu als Kälte, erklärt der 48-jährige Landwirt und Kreisobmann aus Sachsenried (Kreis Weilheim-Schongau). „Bei Temperaturen über 30 Grad sind die Rinder nur noch am Schnaufen.“

Sorgen hat sich Wolfgang Scholz nicht nur um seine Tiere gemacht. „Wenn es tagelang so heiß ist, dauert es nicht lange, bis die ganze Vegetation zusammenbricht“, sagt er. „Uns Landwirten tut jeder Tag weh.“ Die Angst vor wochenlanger Dürre ist groß – besonders seit dem heißen Sommer 2013. Und besonders unter den Waldbesitzern. Schon vor dem heißen Wochenende waren in vielen Teilen Bayerns Luftbeobachter unterwegs. Sie werden losgeschickt, um nach Rauch Ausschau zu halten, sobald der Waldbrandindex Stufe 4 erreicht – das ist die zweithöchste. „Um das Risiko einschätzen zu können, müssen wir viele Faktoren im Auge behalten“, sagt Wolfgang Oberprieler vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Pfaffenhofen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Zustand der Bodenvegetation. „Sobald Stufe 4 erreicht ist, wird’s kritisch“, sagt Oberprieler. Sie galt gestern für weite Teile des Freistaats, in einigen Regionen herrschte sogar Stufe 5. „Die Luftbeobachtungen laufen so lange weiter, bis es kräftig geregnet hat“, sagt Oberprieler. Die angekündigten Gewitterschauer würden die Lage entspannen.

Allerdings nur was das Brandrisiko angeht. Denn auch der Borkenkäfer bereitet den Waldbesitzern Sorgen. Der milde Winter und das trockene Frühjahr haben ihm beste Bedingungen geschaffen. „Bei diesen heißen Temperaturen vermehrt er sich jetzt doppelt so schnell und ist viel aggressiver“, sagt Oberprieler. Den Waldbesitzern bleibt nichts anderes übrig, als befallene Bäume sofort zu fällen – und darauf zu hoffen, dass es bald wieder kühler wird.

Gefahr unter der Fahrbahn: Durch die Hitze platzt der Beton auf vielen bayerischen Autobahnen auf. Dieses Bild entstand im Sommer 2013 auf der A93 bei Abensberg.

Mit diesem Wunsch sind sie nicht allein. Auch die Autobahndirektion Südbayern hofft, dass mehrtägige Hitzewellen diesen Sommer die Ausnahme bleiben. Denn sobald die Temperaturen zwei Tage lang über 30 Grad steigen, wird es auf Bayerns Autobahnen gefährlich. Der Betonbelag ist teils 45 Jahre alt, war aber ursprünglich nur für 20 Jahre gedacht. Und für eine deutlich geringere Verkehrsbelastung. Wenn der Fahrbahnbelag zu heiß wird, platzt die Betondecke auf – diese sogenannten „Blow Ups“ können für Autofahrer und besonders für Motorradfahrer gefährliche Sprungschanzen werden. Vergangenen Sommer kam ein Motorradfahrer deswegen ums Leben. „Wir können überhaupt nicht vorhersagen, wann es an welchen Stellen zu Blow Ups kommt“, sagt Josef Seebacher, Sprecher der Autobahndirektion. „Es spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle. Wir können nur versuchen, das Risiko abzuschätzen.“ Auf vier Autobahnen gilt seit Samstag bereits Tempo 80: auf der A3 zwischen Rosenhof und Garham/Vilshofen, auf der A92 zwischen dem Dreieck Feldmoching und Dingolfing-Ost, auf der A93 zwischen Regensburg-Süd und Elsendorf sowie auf der A94 zwischen München-Ost und Forstinning. Auf der A94 ist es bei der Anschlussstelle Markt Schwaben gestern bereits zu einem Auffahrunfall gekommen. „Viele Autofahrer unterschätzen das Risiko“, sagt Seebacher. „Vielleicht, weil bisher selten etwas passiert ist.“ Die Autobahndirektion versucht, das Risiko mit spannungsabbauenden Arbeiten am Fahrbahnbelag zu mindern. „Aber das geht nur abschnittsweise“, sagt Seebacher. „Eigentlich müssten 450 Kilometer Autobahn erneuert werden.“ Und auch die angekündigte Abkühlung ist keine gute Nachricht, betont Seebacher. „Es wäre besser, wenn die Temperaturen langsam sinken. Wenn ein kalter Regen auf die Fahrbahndecke fällt, ist die Gefahr noch größer, dass durch die plötzliche Abkühlung ein Knacks entsteht.“

Nach der Prognose des Deutschen Wetterdienstes könnte genau das die kommenden Tage passieren. Die Kältefront, die am Montag in Nordrhein-Westfalen für schlimme Unwetter gesorgt hat, kommt Schritt für Schritt nach Bayern, kündigt Meteorologe Volker Wünsche an. „Wir müssen mit Starkregen, Hagel und Windböen mit bis zu 120 km/h rechnen“, sagt er. Er kann nicht ausschließen, dass es in einigen Regionen Bayerns so schlimm werden könnte wie in Nordrhein-Westfalen. „Die Wetterlage gibt das her.“

Landwirt Wolfgang Scholz freut sich insgeheim auf Regen. „Ein Spaziergang im Regen würde mich nach dem anstrengenden Wochenende wieder versöhnen“, sagt er schmunzelnd. Wobei – das gibt er zu – kurz hat er sich gestern morgen auch in die Sonne gesetzt und den Sommer genossen.

Von Katrin Woitsch

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