Große Karte zu Blow ups

Hitze-Straßenschäden: Wo die größte Gefahr droht

München - Hitzeschäden auf den Autobahnen mit Beton-Fahrbahnen stellen die Behörden vor Rätsel. Jetzt sollen es Wissenschaftler richten.

Wie gut, dass die Autobahnmeisterei Rosenheim einen aufmerksamen Streckenwart hat. Alle zwei Stunden fährt der Kontrolleur derzeit die aus den 1970er Jahren stammende Inntalautobahn A 93 rauf und runter – immer auf der Suche nach etwaigen Hitzeschäden – den gefürchteten „blow ups“. Dann, gestern gegen zehn Uhr, der Ernstfall: Kurz vor Reischenhart hatten sich tatsächlich Betonplatten der Fahrbahn Richtung Kufstein verworfen. Eine Platte bog sich etwa sechs Zentimeter hoch auf. „Blow up“-Alarm – erstmalig auch im Chiemgau.

Seit Mitte Juni erst ist das Problem überhaupt öffentlich bekannt. Damals waren nach rekordverdächtigen Hitzewellen die Autobahnen reihenweise aufgeplatzt. Zwischen dem 17. und 20. Juni registrierte die Autobahndirektion Südbayern 26 Schadensfälle. Einer endete tödlich – ein 59 Jahre alter Motorradfahrer raste auf der A 93 bei Abensberg (Kreis Kelheim) über eine dieser Bruchstellen. Er wurde von seiner Harley Davidson katapultiert und starb noch am Unfallort.

Ein so genannter Blow Up

Seitdem sind die Experten gewarnt. Experten wie Manfred Sitzberger, Leiter der Autobahnmeisterei Rosenheim. Mit seinen Leuten war er gestern noch am Vormittag vor Ort. Zwar war der Schaden nur auf dem Standstreifen aufgetreten, doch weitere Schäden seien nicht auszuschließen. „Wir müssen jetzt handeln.“ Für die A 93 zwischen Inntaldreieck und Brannenburg wurde ein Tempolimit auf 80 km/h verfügt.

Schon seit Sonntag gibt es auch eine Geschwindigkeitsreduzierung auf der A 92 zwischen Feldmoching und Dingolfing-Ost sowie für einen kleinen Abschnitt der A 3 zwischen Mittendorf und Sinzing. Seit Mitte vergangener Woche greift die Autobahndirektion auf ein zweistufiges Warnsystem zurück. Mit Hilfe von Daten des Deutschen Wetterdienstes wird ständig die Temperatur entlang der Autobahnen kontrolliert. Steigt die Temperatur über 28 Grad, gibt es eine allgemeine Gefahrenmeldung, die via Rundfunk durchgegeben wird. Bei über 30 Grad wird die Geschwindigkeit auf 80 km/h reduziert, zusätzlich werden Motorradfahrer eindringlich gebeten, die Autobahn zu meiden. Da die Autobahnmeisterei nicht fortwährend 80er-Schilder auf- und abbauen kann, gilt der Grundsatz: Einmal Tempolimit – immer Tempolimit, solange eben die Hitzeperiode anhält. Erst wenn die Temperatur „nachhaltig“ unter 28 Grad liegt, wird die Gefahrenmeldung aufgehoben.

Den Ursachen der Hitzeschäden will die Autobahndirektion mit einer Forschungsstudie auf den Grund gehen. Stephan Freudenstein, Professor am Lehrstuhl und Prüfamt für Verkehrswegebau an der Technischen Universität München, soll sich zusammen mit einem Experten für Betonbau des Problems annehmen. Zwar sei bekannt, dass vornehmlich alte Betonplatten mit 22 Zentimeter Dicke betroffen seien, sagt Josef Seebacher, Pressesprecher der Autobahndirektion Südbayern. Heute messe die Betonschicht 26 bis 28 Zentimeter, manchmal sogar mehr. Doch vieles sei ungeklärt, etwa, ob Fahrbahnen mit Betondübeln ebenfalls aufbrechen – und wann dies der Fall sein könnte. Auch die Frage, welche Baufirmen damals gearbeitet haben und ob es etwaige Schlampereien gegeben haben könnte, stehe im Raum.

Für die Autobahnmeisterei Rosenheim sind „blow ups“ nichts Neues. „Das haben wir immer wieder“, berichtet der Chef – schließlich sei die Autobahn sehr alt. Derzeit wird sie Stück für Stück saniert. Bis dahin aber gilt: „Blow up“-Alarm.

Dirk Walter

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