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Ein entschärfter Blindgänger, eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, liegt auf einem Acker neben dem ehemaligen Militärflughafen in Giebelstadt (Unterfranken)

Tonnenweise Bomben in den Äckern

Giebelstadt -Die Bauern in Giebelstadt spielten jahrelang mit ihrem Leben - ohne es zu wissen. In einem hochexplosivem Gebiet bauten sie Weizen, Rüben und Raps an. In ihren Äckern lagen tonnenweise Bomben.

Der Kampfmittelexperte Daniel Raabe nimmt seinen Eisendetektor in die Hand und springt in das fast zwei Meter tiefe Loch. Er schwenkt den Magnetometer langsam über den Boden der ausgebaggerten Vertiefung. Das Gerät surrt, piept und quietscht wie ein altes Internetmodem. An einer Stelle schlägt das Gerät besonders intensiv aus, hier gräbt der 37-Jährige mit der Schaufel ein wenig tiefer.

Raabe ist auf denn Äckern von Giebelstadt auf der Suche nach Bomben. Seit Jahren sondiert er die Böden. Nun streift er ein letztes Mal gemeinsam mit einem Baggerfahrer über die landwirtschaftlichen Flächen. Nach mehr als drei Jahren hat die Suche nach Kriegsmunition für den 5000-Einwohner-Markt im Landkreis Würzburg endlich ein Ende. Nirgendwo sonst in Bayern wurde so konzentriert auf einer so großen Fläche nach Blindgängern gesucht.

Im Zweiten Weltkrieg gingen hier 10.000 Sprengkörper nieder

Etwa 480 Hektar rund um den Flughafen hat Raabe seit 2009 unter die Lupe genommen. Am Ende hat der Magdeburger mehr als 150 Bomben gefunden. Rund 16 Tonnen Fliegerbomben, Granaten, Munition und Schrott. Darunter ebenso viele deutsche wie englische und amerikanische Sprengkörper. Der Flugplatz war im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Stützpunkt der deutschen Luftwaffe. Gegen Kriegsende gingen rund 10.000 Sprengkörper auf das Areal nieder. „10 bis 15 Prozent davon waren Blindgänger“, so Raabe.

Sie hätten jederzeit explodieren können. Die Angst saß den Bauern stets im Nacken. Für die Landwirte ist das Ende der Suche deshalb eine große Erleichterung: „Wir müssen mehrere Schutzengel gehabt haben. Ich selbst habe - ohne es zu wissen - eine Bombe beim Pflügen mehrmals angekratzt. Es ist eine Befreiung“, sagt Bauer Karl Schön. „Nach 57 Jahren fahren wir endlich beruhigter über unsere Äcker.“

"Das war ein enormes Gefahrenpotenzial"

Auch Bürgermeister Helmut Krämer (Bürgerbündnis) ist zufrieden. "Das war ein enormes Gefahrenpotenzial", sagt der Rathauschef und erinnert sich an die Bombe mit Langzeitzünder und die Blindgänger, die in der Nähe einer Gasleitung und einer Tankstelle gefunden wurden. 1987 explodierte plötzlich eine Fliegerbombe am Rande der Stadt. Sie riss einen Riesenkrater in den Acker, verletzt wurde niemand.

Trotz der eifrigen Suche wird ein Restrisiko bleiben. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir keine Bomben mehr haben, ist hoch. Doch ganz ausgeschlossen ist es nicht“, sagt Krämer. Die Suchkosten von insgesamt etwa 360.000 Euro teilen sich Bund, Land und Grundstücksbesitzer. Wahrscheinlich müssen die etwa 80 betroffenen Landwirte rund 18 Prozent aller Kosten selbst tragen, sagt Krämer.

2011: 60 Tonnen Weltkriegsmunition aus dem Boden geholt

Giebelstadt ist nicht die einzige Kommune, die mit den Kriegsfolgen zu kämpfen hat. Auch in Kitzingen soll noch viel Munition in den Böden schlummern. Im oberbayerischen Geretsried sowie im schwäbischen Kaufbeuren sollen ebenfalls noch viele Blindgänger liegen. In Bayern holte der Kampfmittelräumdienst 2011 dem Innenministerium zufolge rund 60 Tonnen Weltkriegsmunition aus dem Boden und entschärfte sie - darunter allein 214 Spreng- und Splitterbomben. Dafür zahlt das Land jährlich rund 700.000 Euro. „Wer Bomben oder alte Munition findet, darf sie auf keinen Fall selbst entschärfen oder als Sammlerstück mit nach Hause nehmen“, warnt Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Auch für die Archäologie war die Giebelstädter Bombensuche fruchtbar. Sie brachte dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege „einen beträchtlichen Informationszuwachs“ über die Siedlungsareale aus der Zeit 1000 bis 500 vor Christus, sagt Referatsleiter Michael Hoppe. Bei der letzten Suche nach Sprengkörpern in der Tiefe der Felder rund um Giebelstadt bleibt Raabe erfolglos. Vergammelte Teile einer Schwertklinge, alte Metallrohre und kleine Patronenhülsen - das ist alles, was Raabe an dem Tag aus dem Boden holt. Und das ist nicht einmal für die Denkmalpfleger wirklich interessant.

dpa

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