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Die Studenten Timo (hinten) und Andre fahren am 03.06.2013 mit einem Paddelboot durch die überflutete Altstadt von Passau und erledigen Botengänge für betroffene Anwohner.

Hochwasser in Bayern

„Wir saufen langsam ab“

München - Am Abend endlich Aufatmen: Die Hochwasserlage in Oberbayern entspannt sich ein wenig. Rosenheim und Kolbermoor sind knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Auch am Tegernsee ist das schlimmste überwunden. Kritisch wird es nun aber im Raum Freising.

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Tosend schiebt die Mangfall ihre bräunlichen Wassermassen durch das kleine Städtchen Kolbermoor (Kreis Rosenheim). Mit Sandsäcken versuchen die Anwohner, sich vor den Wassermassen zu schützen. Aber wegen des Dauerregens ist auch der Grundwasserspiegel gefährlich hoch gestiegen. „Wir saufen langsam ab“, sagt Anwohner Matthis Breede. In seiner Tiefgarage steht das Wasser kniehoch.

Vor den Häusern am Ufer der Mangfall in Kolbermoor rattern die Generatoren für die Wasserpumpen – fast alle Keller stehen unter Wasser. Anwohner Recai Dokumaci hat seine zwei Kinder in der Nacht bei seinem Schwager und in der örtlichen Schule untergebracht – zu gefährlich sei es in Ufernähe. Nur eine schmale Straße trennt die Anwohner vom bräunlichen Wasser der Mangfall. Er sei optimistisch, was die Deiche angehe, sagt Kolbermoors Bürgermeister Peter Kloo. Die Menschen reagierten gefasst, mehr noch: „Alle haben mit angepackt und diesen super Deich gebaut“, sagt er. Das Ordnungsamt hat einen Bürgerdienst eingesetzt, der den Anwohnern ihre Fragen beantwortet. „Kolbermoor ist sicher“, versucht Albert Paukert vom Ordnungsamt die Sorgen der Menschen zu zerstreuen.

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Und am Abend kann dann in Kolbermoor wirklich weitgehende Entwarnung gegeben werden. Die Pegel sinken, die Deiche halten stand. Zwei Tage zwischen Hoffen und Bangen liegen hinter der Stadt, die so schlimm wie seit Jahrzehnten nicht vom Hochwasser betroffen war. Die Wassermassen schwappten über die Deiche in der Stadtmitte. Der drohende Dammbruch hätte die Fluten bis nach Rosenheim ergießen lassen – mit ungeahnten Folgen. Deshalb war noch am Sonntagabend die Entscheidung gefallen, die Sandsack-Barrieren zu öffnen und einen Teil der Wassermassen auf die Felder fließen zu lassen.

Doch auch ohne Dammbruch sind in der Region Rosenheim viele Straßen wegen Überflutung gesperrt. Der Rosenheimer Robert Baumann musste sein Haus über Nacht verlassen – jetzt steht er barfuß und zitternd mit einem Eimer und einem Besen auf seinem Hof und kämpft gegen die Wassermassen. Vor allem seinen Keller hat es erwischt. Direkt neben seinen bloßen Füßen sprudelt das Wasser aus einem Gully.

Die Helfer sind schon seit Tagen im Dauereinsatz, teilweise ohne zu schlafen. Immerhin: Die meisten der rund 160 Menschen, die in Kolbermoor ihre Häuser verlassen mussten und vorübergehend in der Pauline-Thoma Schule untergebracht sind, sollen in Kürze in ihre Wohnungen zurückkehren können. Kolbermoors Bürgermeister Kloo warnt aber davor, sich zu nah an die Ufer zu wagen: „Auf den Deichen herrscht Lebensgefahr.“

Gespenstische Stille liegt über der Stadt Tegernsee. Die Gemeinde im Kreis Miesbach ist nur mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) erreichbar. Mit dem Auto kommt keiner rein oder raus. Viele Einwohner müssen seit Sonntag auch ohne Strom auskommen. „Die Saison für meine Feriengäste ist vermutlich gelaufen“, seufzt Angelika Steixner (58). Ihr Haus in Tegernsee-Süd steht fast brusthoch unter Wasser. Die Touristen, die sich als „wasserfest“ erweisen, marschieren in Gummistiefeln vorbei: Tegernsee hat einen Rekord; die Wasserhöhe liegt 20 Zentimeter über dem bisherigen Rekord von 1999.

Einen Negativ-Rekord meldet auch die Domstadt Freising: Wassermassen aus dem Freisinger Moos können nicht mehr abfließen und überfluten ganze Straßenzüge. Auch die Amper bei Moosburg und ein gebrochener Amperdamm in Schnotting halten die Retter im Dauereinsatz. Am frühen Abend wird für den Landkreis Freising und die Stadt Landshut Katastrophenalarm ausgerufen. Was der Chiemgau und das Tegernseer Tal hinter sich haben, steht nun womöglich Freising und Landshut bevor.

Von Elena Zelle, Tassilo Pritzl, Rosi Gantner und Gerti Reichl

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