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Peter Rutschmann von der TU München.

Professor klärt auf

„Wir sind der Natur ausgeliefert“: Einen hundertprozentigen Schutz vor Hochwasser gibt es nicht

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Beim aktuellen Isar-Pegel werden Erinnerungen an das Pfingsthochwasser von 1999 wach. Grund genug für ein Experten-Gespräch mit Professor Peter Rutschmann, über die Herausforderungen beim Wasserschutz.

Peter Rutschmann ist Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der TU München und beschäftigt sich intensiv mit dem Hochwasserschutz. Im Interview erklärt er, warum Bayern heute im Vergleich zum Pfingsthochwasser 1999 viel besser geschützt ist und warum man sich auf Prognosen nicht immer verlassen kann.

Herr Rutschmann, ist Bayern seit dem Pfingsthochwasser 1999 besser vor Hochwasser geschützt?

Definitiv. Das waren damals Blitz- und Donnerschlag von einer Mächtigkeit, die man zuvor nicht kannte. Dadurch ist den Leuten erst richtig bewusst geworden, wie gefährlich Wasser sein kann.

Was hat sich seitdem getan?

Eine ganze Menge. 1999 haben die Einsatzkräfte wirklich im Dunklen gefischt. Heute kann man viel besser prognostizieren und reagieren. Für München ist sicher der Sylvensteinspeicher am wichtigsten. Es heißt, dass der Marienplatz ohne den Speicher beim Hochwasser von 2013 mehr als einen Meter unter Wasser gestanden hätte. Der Sylvensteinspeicher wurde vor einigen Jahren relativ unbemerkt ertüchtigt. Man hat damit die Gewissheit, den vergrößerten Speicher ohne Risiken voll ausnützen zu können. Bayernweit gibt es viele kleine und große Maßnahmen in der Fläche: Es wurden Rückhaltebecken geschaffen, man versucht, das Wasser wieder besser versickern zu lassen, und renaturiert die Flüsse, um Hochwasserwellen besser zu dämpfen.

Kann man auf ein Hochwasser überhaupt perfekt vorbereitet sein?

Hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Es werden immer Hochwasser auftreten, die heftiger sind als alles, was wir uns je vorstellen konnten. Das hat zwar eine geringe Wahrscheinlichkeit, aber es ist möglich. Wir sind der Natur ausgeliefert. Und wir werden Änderungen im Klima bemerken, die wir noch gar nicht vorhersehen können. Gerade die Sturzfluten sind in unseren Breitengraden zum Beispiel ein relativ neues Phänomen. Das macht es so schwierig.

In der politischen Debatte ist oft vom Schutz vor Hochwassern, die nur alle hundert Jahre auftreten, die Rede. Wie verlässlich sind diese Zeitangaben?

Statistik ist immer ein Blick in die Vergangenheit und somit in einer sich ändernden Welt zwangsläufig veraltet. Deswegen muss man diese Zahlen immer hinterfragen. Beispiel: In Innsbruck gab es 2005 das Inn-Hochwasser. Das hätte bis dato als etwa 300-jähriges Hochwasser gegolten. Stellt man die Statistik danach auf, ist es schon nur noch ein hundertjähriges Hochwasser. Die Messreihen sind also eigentlich zu kurz und der rein statistische Ansatz problematisch.

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Was bedeutet das für den Hochwasserschutz?

Wir sollten möglichst nie mit starren Zahlen arbeiten, sondern versuchen, einen sogenannten resilienten Schutz zu erreichen, also lieber ein System einsetzen, das auch bei Überlast noch funktioniert. Ich sage meinen Studenten immer: Wir brauchen ein flexibles Design.

Wo hakt es denn noch in Bayern?

Das Problem ist: Der bayerische Hochwasserschutz ist ein Generationenprogramm. Es dauert einfach lange, bis so etwas realisiert ist. Und während sich direkt nach einem Hochwasser noch alle einig sind, dass etwas passieren muss, verblasst die Erinnerung, je länger das Ereignis zurückliegt. Dann wird es schon schwieriger, alle von größeren Schutzmaßnahmen zu überzeugen.

Sie spielen auf die Flutpolder an, deren Standorte auf eine Ihrer Studien zurückgehen und über die die neue Regierungskoalition nun wieder streitet?

Politiker tragen die Verantwortung für die Gesellschaft, die trage ich nicht. Ich untersuche das rein wissenschaftlich. Man kann unterschiedlicher Ansicht sein, wo die Polder gebaut werden sollten und ob die Kosten im Verhältnis zum Nutzen stehen. Aber die aktuell geplanten Polder kosten wohl rund 800 Millionen Euro, davon trägt 60 Prozent der Bund. Das 2013er-Hochwasser hat einen Schaden von 1,8 Milliarden Euro angerichtet, davon die Hälfte im Donaugebiet. Klar, vielleicht war das ein singuläres Ereignis, das die nächsten 300 Jahre nicht mehr kommt. Aber das glaube ich nicht.

Jetzt wird noch mal „vertieft untersucht“.

Vielleicht braucht es Zusatzuntersuchungen, um die Notwendigkeit noch einmal zu erklären. Aber ich denke, am Ende wird das Ergebnis sein: Bei Flüssen wie Donau und Inn sind die Polder die einzige effektive Alternative, um riesige Wassermassen, die über ein hundertjähriges Hochwasser hinausgehen, zu dämpfen.

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